Vor dem Schwung
50 Jahre nach seiner Einführung bleibt Arne Jacobsens Modell 3107 eine Ikone der Moderne - und einer der weltweit populärsten StühleIch saß während meiner Schul- und Studienzeit meistens auf einem 3107 – vom ersten Tag in der Aula der Grundschule an, als ich sechs Jahre alt war und der Willkommensrede des Direktors lauschte, bis zu einer unendlichen Anzahl langer Nachmittage in der Kopenhagener Uni-Bibliothek. Ich saß in vielen Warteräumen auf einem 3107 - krank, schwanger oder mit Zahnschmerzen; ich führte Bewerbungsgespräche auf einem 3107 und saß bei zahlreichen Einladungen zum Essen auf einem 3107. Ich habe auf einem 3107 getanzt und war dabei froh, dass der Designer sich entschlossen hatte, vier anstelle von drei Beinen zu verwenden. Ich bin sogar vom Sitz eines schwarzen 3107 in das neue Jahrtausend gesprungen.
Und ich bin nicht die einzige. Weithin bekannt als Serie 7, ist Arne Jacobsens Entwurf zur wichtigsten Erfolgsstory der dänischen Möbelgeschichte geworden: Er gilt als einer der populärsten Stühle weltweit, mit weit über 5 Millionen hergestellten Exemplaren seit seiner Einführung im Jahr 1955. Und auch 50 Jahre später dominiert der einprägsame Entwurf die Popkultur: in Musikvideos, Modemagazinen und Fernsehsendungen, MTV-Videos und Werbespots... Jacobsens Stuhl taucht überall auf.
Dabei hat er seine Exklusivität nicht verloren. Seine simple Konstruktion und seine eleganten Schwünge machen die Serie 7 zu einer Ikone der Moderne. Der Stuhl bleibt erste Wahl für stil- und qualitätsbewusste Kunden weltweit: vom MoMA in New York und Gucci in Italien bis hin zur chinesischen Hong Kong Telecom und der Lufthansa.
Von allen stapelbaren Stühlen Arne Jacobsens ist Serie 7 der am meisten verkaufte. Alles begann jedoch 1952 mit dem Modell 3100, genannt "die Ameise". Die Ameise entwarf Jacobsen für die Kantine des dänischen Pharma-Unternehmens Novo.
Er wandte sich zunächst an Fritz Hansen, um 140 Stühle produzieren zu lassen. Fritz Hansen wollte jedoch erst mit der Produktion beginnen, wenn Jacobsen das Unternehmen überzeugt hätte, 300 Exemplare herzustellen – da versprach er, die restlichen 160 selbst zu kaufen, wenn sie bis zum Jahresende nicht verkauft worden wären.
Die Ameise bedeutete den Beginn von Jacobsens weltweitem Ruf als Möbel-Designer. Alle waren sich einig, dass dieser Stuhl mit seiner geformten Sitzfläche aus Sperrholz außerordentlich elegant und modern war. Es gab jedoch auch kritische Stimmen, die bemängelten, dass er über nur drei Beine verfüge und keine Armlehnen hatte.
Der Legende nach nahm Arne Jacobsen keinen dieser Kritikpunkte sehr ernst – er soll etwa Folgendes geantwortet haben: Wenn man auf einem Fahrrad mit zwei Rädern fahren könne, sollte man auch auf einem Stuhl mit drei Beinen sitzen können.
Im Nachhinein betrachtet, scheint sich Jacobsen diese Punkte dennoch zu Herzen genommen zu haben. Sein nächster Stuhl, den er 1955 auf der internationalen Ausstellung H55 in Helsingborg in Schweden vorstellte, war der vierbeinige Stuhl "Serie 7".
Wie die Ameise hatte Serie 7 ein geringes Gewicht und war leicht stapelbar. Er war in zwei Versionen erhältlich – mit und ohne Armlehnen. Offensichtlich war der Designer am meisten auf das Modell 3207, jenes mit Armlehnen, stolz. Der Rest der Welt aber hatte wohl eine andere Meinung, denn das Modell 3107 - ohne Armlehnen - gehört heute zu den weltweit bekanntesten Möbelstücken.
Ursprünglich war Serie 7 nur in schwarz, weiß und Buche erhältlich. Im Laufe der Jahre wurde das Farbspektrum u.a. vom dänischen Architekten Verner Panton und dem dänischen Maler Poul Gernes erweitert. Heute ist er in einer großen Farbpalette in Lack und Lasur sowie in natürlichem Holzfurnier erhältlich.
Freilich blieb nicht aus, dass ein Erfolg wie Serie 7 plagiiert wurde. Tatsächlich ist auf einem der bekanntesten Fotos von Serie 7 gar nicht Jacobsens Stuhl zu sehen. Als Lewis Morley seine berühmten Aufnahmen des Callgirls Christine Keeler machte – deren Affäre mit dem britischen Verteidigungsminister John Profumo und dem sowjetischen Marineattaché Jewgenij Iwanow Anfang der 1960er Jahre zu einem politischen Skandal führte –, saß Keeler auf der Imitation eines Serie 7-Stuhls. Morley hatte 1960, fünf Jahre nach Einführung des Originals, bei einem Ausverkauf von Heal’s in London ein halbes Duzend der Plagiate für jeweils fünf Shilling gekauft.
Noch heute entdeckt Fritz Hansen oft Plagiate "seines" Stuhls. Wenn man die jedoch neben den echten Stuhl stellt, wird sofort klar, welcher das Original ist.
Signe Løntoeft
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