Pro und Contra. Aufs Boot?
Der Sommer lockt ans Wasser, manche auf ein Boot. Ob das Dasein auf dem schwimmenden Untersatz ein Vergnügen sein kann, erörtern wir hier.Das Pro zum Boot
Also gut, vielleicht liegt es daran: Ich bin Fisch im Sternzeichen. Und überdies habe ich Höhenangst.
Das prädestiniert mich natürlich für die Vorliebe zu allem, was mit Wasser zu tun hat und damit auch zum "Lebensraum" Boot. Gleichwohl die Bezeichnung "Lebensraum Boot" – sorry – etwas künstlich daher kommt, aus der Sicht des Fisch-Sternzeichens, meine ich. Weil doch diese Fische mehr UNTER oder IM und weniger AUF dem Wasser leben – da könnte es sogar Existenz bedrohend werden. Aber lassen wir das Schuppen spalten....
Der Bezug zur Höhenangst liegt vielleicht nicht so auf der Hand. Gemeint ist: Man kann auf dem Wasser selten hoch fallen. Im Schwimmbad vom Sprungturm vielleicht oder auf der MS Alptraum vom Balkon des 23. Decks – doch diesen Herausforderungen müsste man sich ja mit Gewalt stellen, freiwillig tut man beides nicht.
Der langen Vorrede kurzer Sinn: Ich mag Boote. Sie erwecken den Anschein von Leichtigkeit und Coolness, haben das Image einer sauberen Art der Fortbewegung, verströmen Luxus oder Romantik, geben sich exklusiv und dezent exaltiert. Alles Attribute, die dem eigenen Ego – Sie müssen es zugeben – durchaus schmeicheln.
Das Beste aber: Sie vereinen den Widerspruch von Rückzug und Extrovertiertheit. Jeder, der in einem Boot sitzt, nimmt ganz bewusst eine exponierte Position ein, zeigt sich, setzt sich ab von den anderen und damit in Szene. Gleichzeitig erzeugt die Distanz die angenehme Situation, darüber hinaus nicht kommunizieren zu müssen, um diesen Level-1-Status zu erhalten. Wie auch immer man ansonsten im täglichen Leben in zahllosen Gesprächen und Auftritten seine außergewöhnliche Individualität und Persönlichkeit im Rahmen kommunikativer Schwerstarbeit unter Beweis stellen muss – hier, mit und auf einem Boot, schafft das alleine der gewählte physische Abstand.
Man ist, wer man ist: Die Frau im Boot.
Und stellen Sie sich dann noch vor, Sie sitzen auf Ihrem Deck, den Laptop auf den Knien. Sie lassen Ihre Gedanken der Bewegung des Wassers folgen und haben ganz plötzlich DEN Einfall! Das wär´s doch, oder?! .... Womit ich mich – zurück an den Start – an meinen gewohnten Arbeitsplatz setze und am ersten Step arbeite: Wie komme ich zu einem Boot?
Anna Voltren
Das Contra gegen das Boot
Als notorische Claustrophobikerin bin ich wie geschaffen dafür, ein Contra zum Leben auf dem Boot zu verfassen. Meine Kreislauflabilität – angeboren, versteht sich – tut das Übrige und kippt schon bei leichtem Schwanken des Unterbaus in Seekrankheit um. Das Geschaukel vertrag´ ich auch aus anderen Gründen nicht: Ich kann so nicht lesen. Nicht schreiben. Nicht mal klar denken. Und was soll ein Urlaub ohne Bücher sein, pah?!
Mein Problem, ok. Aber auf einem Boot ist man selten allein. Und damit kommen wir zum nächsten Problem: dem Zusammenleben. Glauben Sie mir, die räumlich knappe Situation auf jenen Schiffernakeln, die unsereiner sich leisten / chartern kann, begünstigt das Vorkommen einer bestimmten Spezies Mensch: die Pedanten. Diese argumentieren ihren tyrannischen Ordnungswahn zwar mit der Notwendigkeit seemännischer, ja männischer Überlebenskunst. Frei nach dem Motto: Alles muss seinen genau definierten Platz haben, jeder Handgriff muss sitzen. Und immer haargenau gleich ausgeführt werden. Ansonsten breche Chaos aus, sprich: Wir gehen unter!
Glauben Sie mir auch hier: Alles nur Vorwand. Unterwerfung, nicht nur unter das karge Platzangebot, ist gefragt. Jegliche Spontaneität soll BootsbewohnerIn sich abgewöhnen, ansonsten komme nicht nur der Schwimmkörper, sondern das gesamte soziale System ins Wanken. Nein danke! Da werd´ ich lieber gleich Synchronschwimmerin.
Und wer, eigentlich, ist hier der Captain, hey? Beginnen wir bitte nicht jetzt, mitten auf hoher See, diese Debatte… Ich bleib dabei: Am Seeufer sitzen und auf das Gegaukle der Wellen blicken – wunderbar. Und falls ab und zu ein Boot vorbei kommen sollte – wunderbar. Ich grüße es gerne – aus der Ferne.
Dora Marquard

