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Beatrice Achaleke, Lambrechtgasse 5/2, 1040 Wien
15. Mai 2012

Beatrice Achaleke, Lambrechtgasse 5/2, 1040 Wien

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal fragten wir, wie und wo jemand arbeitet, der/die Diversität tatsächlich lebt. Mit Beatrice Achaleke, Inhaberin der Unternehmensberatung „Diversity Leadership“, sprach und lachte Isabella Marboe – nicht in ihrem Büro im vierten Bezirk in Wien, aber gleich nebenan.

Diversität hat Beatrice Achaleke schon mit der Muttermilch aufgesogen. Die Geschäftsführerin von "Diversity Leadership" ist in Kamerun geboren und in einer kamerunischen Großfamilie aufgewachsen. "In unserem Land gibt es über 250 verschiedene Völker und zwei Amtssprachen, in der Schule wurden wir in Englisch und Französisch unterrichtet", so Achaleke. Sie studierte an der Universität von Yaoundé in Kamerun Rechtswissenschaften und kam vor 17 Jahren nach Österreich. In Wien studierte sie Soziologie und gründete 2003 ihren ersten Verein. "Vielfalt statt Einfalt", ist ihr Lebensmotto und ihre Berufung. So heißt auch ihre Biografie, die beim Holzhausen-Verlag erschien. Heute ist sie österreichische Staatsbürgerin. "Ich bin eine schwarze Österreicherin", sagt sie. Außerdem ist sie stolze Mutter von zwei Kindern. Einem Buben und einem Mädchen.
2008 kandidierte sie als erste schwarze Frau für die hiesigen Parlamentswahlen. Achaleke ist Vorstandsvorsitzende des "Black European Women`s Council" (BEWC), Obfrau von AFRA – International Center for Black Women`s Perspectives und Inhaberin und Geschäftsführerin von "Diversity Leadership." Beatrice Achaleke wurde vielfach ausgezeichnet, kleidet sich bunt, denkt unkonventionell und ist für alles offen, was Menschen voneinander unterscheidet. Denn das erst gibt dem Leben Würze: mit anderen kommunizieren, sie kennenlernen und das Gemeinsame vor dem Trennenden sehen. Wenn zu viele schwarze Kleider in ihrem Kasten hängen, muss sie gegensteuern: Dann merkt sie, dass Österreich schon zu sehr abgefärbt hat. "Let the diversity sun shine!", wünscht ihre Website. Auch ihre Mailbox entlässt AnruferInnen mit Sonnenschein. Trifft man sie, merkt man, wie ernst ihr damit ist: Ihr Lachen ist umwerfend. Beatrice Achaleke lacht viel.


Sie haben für unser Treffen ein Café in der Nähe Ihres Büros vorgeschlagen. Warum?


Weil wir in einer Bürogemeinschaft sind. Wir haben keinen geeigneten Besprechungsraum, sondern eine Terrasse. Da erlaubt es das Wetter nicht immer, dass man sich trifft. Außerdem haben wir neben dem Büro gleich ein Café. Das ist ideal. Ein Café ist ein guter Treffpunkt. Es ist ein anderes Setting als das Büro. Man kann freier reden, weil die Atmosphäre entspannter ist. Außerdem – und das ist mir ganz wichtig – ermöglicht es ein Treffen auf gleicher Augenhöhe, eine unvoreingenommene Begegnung. Es gibt kein Machtgefälle. Durch den neutralen Ort hat keiner einen Heimvorteil. Und ich muss weder Kaffee kochen, noch Kaffeetassen abräumen. (lacht).


Gibt es für Sie so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz" – und wenn ja, wo befindet er sich? Oder wechseln Sie gerne die "Szenerie"?


Ich wechsle gerne. Wenn ich ins Büro komme, setze ich Dinge um. Das heißt: Ich lese und beantworte meine e-Mails, erledige Telefonate, pflege Kontakte. Das Büro ist auch ein guter Ort fürs Brainstorming. Um kreativ zu sein, brauche ich die Weite, die Freiheit und den Blick in den Himmel. Das ist für mich wichtig, um auf neue Ideen zu kommen. Meist sitze ich dann zu Hause auf der Terrasse. Konzepte schreibe ich am liebsten abends im Wohnzimmer, wenn alles ruhig ist.

Ich arbeite sehr gerne im Park oder im Kaffeehaus. Und im Zug. Das ist eine wunderbare Inspirationsquelle. Im Zug ist man weniger gestört als sonst. Da kommt einmal der Schaffner, und dann kann man konzentriert arbeiten, am Laptop sitzen und die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. Außerdem klingelt das Telefon nicht dauernd.

Ich arbeite auch gern am Spielplatz, während meine Kinder spielen. Bei viel Lärm kann ich mich sehr gut konzentrieren. Berufstätige Mütter können das nämlich sehr gut. (lacht)


Ist es für Sie wichtig, sich zwischendurch zu bewegen oder beim Nachdenken herumzugehen?


Wenn ich nicht mehr weiterkomme, gehe ich kurz etwas einkaufen. Das gehört zum Leben einer berufstätigen Mutter einfach dazu. Man muss immer etwas besorgen. Wenn ich also in ein Geschäft gehe, ist das keine ungenutzte Zeit, sondern Zeitmanagement. Sobald ich zurück bin, fällt mir meistens eine Lösung zu dem Problem ein, bei dem ich vorher nicht weitergekommen bin.


Machen Sie gern Pausen – wie oft und wie lang in etwa?


Wenn man so wie ich in einer Bürogemeinschaft arbeitet, gibt es immer eine Möglichkeit, Pausen zu machen (lacht). Man findet immer jemanden, mit dem man etwas besprechen kann oder plaudern. Das ist auch eine gute Ergänzung zur eigenen Perspektive. Wenn man wirklich konzentriert arbeiten muss und nicht gestört werden will, ist das den anderen ganz klar zu kommunizieren.


Das Büro als Ort: welche Bedeutung messen Sie ihm bei?


Das Büro ist für mich der Ort der Umsetzung. Ich habe ein bestimmtes Ziel und muss gewisse Aufgaben erledigen. Das tue ich dann meist so intensiv, dass ich gar nicht merke, wie schnell die Zeit vergeht.

Hier haben wir auch Planungssitzungen und viele Besprechungen, bei denen wir überlegen, wie man etwas umsetzen kann. Die Kommunikation mit anderen tut mir sehr gut, wenn ich kreativ sein möchte, beziehungsweise andere Meinungen oder Inspiration brauche.
Im Büro finden auch manchmal Gespräche mit meinen KlientInnen statt. Das sind großteils VertreterInnen von Unternehmen, Ausbildungsstätten, Fachhochschulen, Schuleinrichtungen und der kommunalpolitischen Ebene. Die meisten Gespräche aber finden im Kaffeehaus statt.


Was mögen Sie an Ihrem Büro, was mögen Sie nicht?


Mein Büro ist klein. Ich hätte gern ein Büro mit verschiedenen Rückzugsmöglichkeiten, in dem auch meine Kinder Platz haben. Also eine Kinderecke fände ich sehr schön. Außerdem hätte ich gern große Fenster und viel Grün um mich. Oder ein Büro im Dachgeschoss, wo man den Himmel sehen kann. Andererseits: Wir sind zwar im ersten Stock, aber wir haben eine Terrasse, wo man sogar unter freiem Himmel sitzen kann. Ein paar Pflanzen gibt es auch. Dieses Gefühl von Freiheit ist für mich sehr wichtig. Wenn ein Büro zu klein ist, schränkt es das visionäre Denken ein. Je mehr Platz ich habe, umso größer kann ich denken.


Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Büro etwas über Sie aussagt? Was?


Mein Büro ist zwar klein, dafür aber überschaubar. Meine Kollegin und ich sitzen einander gegenüber. Außerdem habe ich alle meine Anerkennungen und Preise hier stehen. Dieser Ausdruck der Wertschätzung für meine Arbeit ist mir sehr wichtig. Manche Leute sind sehr erstaunt, wenn sie zu mir ins Büro kommen. Denn die gehen davon aus, dass ich ein großes Team haben muss. Dieser Widerspruch zwischen den vielen Auszeichnungen und dem kleinen Büro gefällt mir gerade ganz gut. Ich finde auch die Atmosphäre und das Bürogemeinschaftsgefühl sehr angenehm. Es ist wichtig und besonders schön, Menschen um sich zu haben.


Möchten Sie überhaupt mit Ihrem Büro etwas über sich aussagen?


Ja. Mein Büro bildet einen Teil meiner multiplen Identitäten ab: Mutter sein, Kompetenz, vielfältige kulturelle Hintergründe, Professionalität, Freude und Spaß am Arbeiten. Ich habe im Büro Bilder von meinen zwei Kindern. Und Bücher, die ich gern lese. Die Preise und Auszeichnungen für meine Arbeit stehen nur im Büro. Zu Hause habe ich keine einzige Urkunde. Eigentlich ist das Büro mein kleiner Kosmos, der alles vereint, was mir wichtig ist.


Ist es Ihnen wichtig, einen bestimmten Eindruck mit Ihrem Büro zu erwecken?


Ja. Ich möchte mit meinem Büro zeigen, wer ich WIRKLICH bin. Nämlich eine berufstätige, kompetente Mutter, zugleich eine Weltbürgerin, die mit Freude arbeitet und offen, neugierig und ständig am Lernen ist. Ich möchte zeigen, dass ich weiß, was ich tue und mit System arbeite. Aber auch, dass ich ein Mensch bin. Deshalb hängen die Fotos meiner Kinder da. Denn die Mutterrolle ist etwas Entscheidendes. Männer kommen und gehen, aber Kinder sind immer da. Dieser Aspekt soll im Büro nicht fehlen. Außerdem will ich noch ein Bild von meiner verstorbenen Großmutter aufhängen. Also von Menschen, die mich inspirieren und wichtig für mich sind.


Gibt es Orte, an denen Sie besonders gerne arbeiten würden?


Unter dem Dach oder in einem Großraumbüro. Wichtig wäre mir, dass es neben meinem Schreibtisch auch eine Couch gibt und einen eigenen Platz zum Brainstorming. Außerdem sollte alles so gestaltet sein, dass ich mich darin wiederfinden kann. Also eine Art erweitertes Wohnzimmer.
Wie gesagt, großartig finde ich auch das Arbeiten im Zug, wenn die Welt an einem so vorbei zieht. Das gibt mir das Gefühl, in Bewegung zu sein. Und so lange ich in Bewegung bin, weiß ich, dass ich lebe. Leben wiederum gibt mir das Gefühl und die Chance, die Welt ein Stück weiter zu bewegen und meine Spuren zu hinterlassen.


Gibt es Orte, an denen Sie arbeiten müssen, die Sie aber lieber meiden würden?


Ich mag keine dunklen Räume, in denen man bei Tag das künstliche Licht aufdrehen muss. Ich brauche Fenster und eine weite Sicht. Das erweitert auch meine Perspektive und meine Komfortzone. Ich will in die Ferne schauen können. Ich mache auch abends, wenn ich zu Hause arbeite, die Jalousien auf. Am kreativsten bin ich dann, wenn der Computer mir einen weiten Blick ins Freie ermöglicht. Zum Beispiel, in dem er neben dem Fenster steht.


Was inspiriert Sie?


Die Natur. Meine Kinder. Mit den Kindern zu reden, ihnen zuzuhören und zuzuschauen. Das ist für mich die Zukunft. Die naive Einstellung und Sichtweise von Kindern ist sehr inspirativ. Außerdem lese ich sehr gern Biografien von berühmten Persönlichkeiten. Auch ältere Menschen inspirieren mich, oder Landschaften wie der Grand Canyon und die Alpen. Und natürlich Musik.


Gibt es Rituale, die Sie für wichtig halten in Ihrem Büro-Alltag / -Leben?


Meine Kollegin und ich essen immer gemeinsam zu Mittag. Das ist unser Büroritual. Meistens koche ich am Abend vor und meine Kollegin wärmt das Essen auf. Während des Essens führen wir auch private Gespräche. Das ist wichtig für die Beziehung zueinander. Dadurch lernt man einander immer ein Stück näher und besser kennen.


Welche Veränderungen würden Sie als die einschneidend während Ihres gesamten "Büro-Lebens" nennen?


Als ich mich als Unternehmerin selbständig gemacht habe, war das ein großer Schritt. Da kamen meine ehemaligen MitarbeiterInnen mit einem Flipchart zu unserem sommerlichen Grillen, und wir haben gemeinsam braingestormt, wie ich das am besten angehen könnte. Beim Umziehen war plötzlich einer mit seinem Auto da, und viele halfen mir. Ich finde, das wichtigste ist, wenn Menschen einander bleibende Spuren hinterlassen. Das ist wirklich eine Bereicherung.


Der wichtigste Gegenstand im Büro?


Die Fotos und Bilder von meinen Kindern.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?


Mein Mac. Und mein Sessel. Und mein Tisch.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?


Ideen zur Welt bringen und kreativ sein. Meine Kollegin sagt, ich bin eine Ideenfabrik. Ich beginne immer mit ganz freien Gedanken, da sind tolle Projekte daraus entstanden. Außerdem denke ich gern Konzepte durch.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?


Am selben Standort größer und bunter zu werden. Also konkret: mehr MitarbeiterInnen und natürlich Platz für meine Kinder. Die kennen übrigens schon jetzt alle MitarbeiterInnen und malen ihnen manchmal Bilder.

Vielen Dank für das Interview.







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