Bernd Fels, Major-Hirst-Straße 11, Wolfsburg
Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal befragen wir einen Routinier aus der Branche: Bernd Fels, Berater und Planer für neue Arbeitswelten. Warum Büros „Felsen in der Brandung“ sein sollten und er selbst sich als „Arbeitsweltenbummler“ sieht, der dennoch gern Feierabend macht, erzählt er Désirée Schellerer im E-mail-Austausch.Bernd Fels begleitet und berät seit mehr als zwölf Jahren namhafte mittelständische Unternehmen und Konzerne, die neue Arbeits- und Büroumfelder planen – in der Regel mit der Zielsetzung, neue Wege zu gehen. Nach langjähriger Zugehörigkeit zum Quickborner Team aus Hamburg, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung tätig, gründete Bernd Fels Ende 2011 zusammen mit Sven Iserloth if5 anders arbeiten, ein Beratungs- und Planungsunternehmen für neue Arbeitswelten mit Sitz in Wolfsburg. Seine Aufgabe und sein Ziel sieht Fels vor allem darin, Verbesserungen bei der Arbeits- und Büroumfeldplanung durch einen Perspektivwechsel zu erreichen – sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer.
Herr Fels, der Beraterbranche sagt man nach, schon lange "neue Arbeitsformen" zu praktizieren und an unterschiedlichen Orten zu arbeiten. Trifft das auf Sie zu? Gibt es für Sie so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz" – und wenn ja, wo befindet er sich?
Als ich im Jahr 2000 in die Beratungsbranche kam, war es üblich, insbesondere beim Kunden und im Büro zu arbeiten. Auch Heimarbeit wurde schon angeboten, aber damals traute ich mich noch nicht, diese Freiheit zu nutzen. Die Angst beäugt zu werden war als junger Kollege damals da. Diese Bedenken sind natürlich nach zwölf Jahren Berufserfahrung in der Branche verflogen. Heute versuche ich dort zu arbeiten, wo es mir am besten entspricht – je nach meiner Aufgabe (Zusammenarbeit, Kollaboration, hochkonzentrierte Einzelarbeit), meiner Stimmung (mal im Büro, mal im Café, mal auf der Terrasse, mal beim Joggen, mal gar nicht) und meiner Zeit (nicht mehr jeder Termin muss dank guter Collaboration-Tools live vor Ort sein, zum Glück). Dies gelingt natürlich nicht immer. Aber selbst die Arbeit im ICE-Großraumwagen (wahrscheinlich mein "Hauptarbeitsplatz") auf gefühlten 1,5m² mit vielen Leuten um mich herum, die auch mal nerven, ist für mich in der Regel absolut okay. Ich habe es über die Jahre lernen dürfen und wollen – mit neuer Einstellung "im Kopf" und dem Umgang mit dafür notwendigen Technologien – überall zu arbeiten. Als "Arbeitsweltenbummler" muss ich es jetzt nur noch schaffen, diese Arbeitsfreiheit ein wenig einzudämmen.
Wieso das?
So einfach es für mich ist, den Aus-Knopf an meinem Smartphone zum Feierabend oder zum Wochenende zu benutzen, so schwer fällt mir dies in der alltäglichen Praxis. Teilweise habe ich das Gefühl zum Sklaven der Technologie zu werden – die Suchtgefahr ist groß. Hier brauchen wir eine neue Kultur, denn auf Dauer führt dies nicht nur in eine individuelle, sondern auch in eine gesellschaftliche Sackgasse. Beobachten Sie doch mal die Menschen in einer S-Bahn, wie sie gedankenverloren – und hierzu zähle ich auch mich – in ihr Gerät kriechen und ihr Umfeld nicht mehr wahrnehmen.
Doch der "Schreibtischsurfertyp", der Tag ein, Tag aus am Arbeitsplatz sitzt, der bin ich einfach nicht – zumindest derzeit nicht. Ich möchte aber betonen, dass uns dieser Typ in den nächsten Jahren weiterhin begleiten wird – denn nicht alle von uns sind die hypermobilen Wissensarbeiter, wie es in der Wissenschaft und auf Seminaren immer mal wieder postuliert wird.
Die neuen Voraussetzungen des mobilen Arbeitens stellen die Notwendigkeit des Büros als Ort in Frage: Welche Bedeutung messen Sie ihm bei?
Das klassische Büro ist bei der Arbeit nur noch ein Ort und nicht mehr der Ort. Fluide Organisationen werden zukünftig virtueller und dezentraler miteinander verbunden sein. Und dies hat auch Auswirkungen auf das Immobilienportfolio von Unternehmen. Nicht nur die Bereitstellung und Bewirtschaftung des einen großen zentralen Bürokomplexes zählt zur Aufgabenstellung des Immobilienmanagers der Zukunft. Es gilt Immobilienangebote oder besser Arbeitsplatzangebote zu schaffen, die so "bunt" und flexibel wie die Mitarbeiter und die Organisation sind. Wir müssen es schaffen – insbesondere auch aufgrund ökologischer Aspekte –, Flächen besser zu nutzen. Nutzen statt besitzen ist das Schlagwort! Warum nicht mal bei einem befreundeten Unternehmen arbeiten, welches um die Ecke liegt (wir sprechen von "Eckbüro") und nicht immer Tag ein, Tag aus die 50 km bis zur Firmenzentrale fahren. Wir müssen mehr Qualität in die Büros bringen. Das "Grau-in-Grau" der 1950-70er Jahre ist doch heute immer noch in den meisten Büro- oder besser Verwaltungsgebäuden allgegenwärtig. Wir verwalten unsere Büros statt sie zum Leben zu erwecken. Mehr Qualität bedeutet aber nicht zwingend einen Neubau zu erstellen oder viel Geld in die Hand zu nehmen – schon gar nicht in Deutschland. Gebäude haben wir reichlich, und die Nutzer werden immer weniger (aufgrund von demographischen Entwicklung, virtueller Arbeit...).
Büros zum Leben zu erwecken klingt verlockend – aber wie kann das gehen?
Denken Sie über die Optimierung von Zellenbüros nach, die mit wenigen Maßnahmen in Punkto Büroflächenorganisation (z.B. Schaffung neuer Büroflächenstandards, neuer Nutzungsformen) und Innenarchitektur (z.B. Transparenz, Möblierung, Materialität, Licht) sowie mit additiven Angeboten an Sonderflächen für mehr Kommunikation auch in bestehenden Gebäuden wunderbar umgesetzt werden kann. Unter ökologischen Aspekten – bei Betrachtung der sogenannten "grauen Energie" (also von der Produktion bis zum Abriss) – ist dies häufig das nachhaltigere Konzept als neue Gebäude mit "Green-Building-Zertifikaten" zu errichten. Büros müssen aber auch Rückzugsorte, der "Fels in der Brandung", und Orte der Zusammenkunft von zunehmend fluiden Organisationen werden. Insbesondere der erste Punkt kommt jedoch häufig zu kurz. Dogmatische "Open-Space-auf-Teufel-komm-raus-Projekte" sind leider viel zu häufig in der Praxis zu sehen.
Ist das Büro für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität?
Nur wenn es gut gestaltet ist und ich die Möglichkeit habe, unterschiedliche Orte im Büro aufzusuchen. Mal am Arbeitsplatz im Landschaftsbüro, mal im Klausurraum, mal in einem Lesesaal, mal im Treffpunkt, mal auf der Terrasse, mal... Wenn dann noch unterschiedliche Ausblicke, Materialien, Farben etc. dazukommen, kann es inspirierend sein. Die besten Ideen kommen mir aber immer noch beim Joggen, teilweise im Schlaf – wenn ich also "runterfahre" – oder beim Austausch mit meiner Frau, mit Freunden und Bekannten. Das Büro ist also nur ein Ort von vielen für Inspiration und Kreativität.
Wo arbeiten Sie besonders gerne?
Am liebsten an der frischen Luft!
Gibt es Orte oder Plätze, an denen Sie gerne arbeiten würden?
Ich kann Ihnen sagen, wo ich nicht arbeiten möchte: In einem Ein-Personen-Büro, das ich Tag für Tag aufsuchen müsste und in dem sich die Fenster nicht öffnen ließen.
Der wichtigste Gegenstand im Büro?
Kann ich nicht priorisieren.
Welches ist der für Sie wichtigste Gegenstand in Ihrem Büro?
Ich habe kein eigenes Büro. Persönliche Dinge habe ich auf meinem Rechner, auf meinem Telefon.
Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Schneller Rechner und W-LAN.
Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
Trotz der Tatsache, dass ich richtig Spaß an der Arbeit habe, ist es der Feierabend, wenn ich ehrlich bin.
Ihr größter Wunsch an ein Büro?
Ich möchte es umformulieren. Mein größter Wunsch an die Arbeit ist: Frohes Schaffen – unser Leitspruch bei if5. Eine wunderbare, wenn auch antiquierte Beschreibung für Leistung und Spaß an der Arbeit. Kein schlechtes Ziel, oder?
Vielen Dank für das Interview.




