brand eins, Speersort 1
Büro am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal erzählt Gabriele Fischer, Gründerin und Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins brand eins, welche Bedeutung das Büro für sie hat: über Kreativität, Motivation und den richtigen Wechsel von Anspannung und Entspannung – im e-mail-Austausch mit Josef Schrefel.Gabriele Fischer begann ihre Karriere als Journalistin bei der norddeutschen Tageszeitung Weser-Kurier. Nach fünf Jahren ging sie zum Manager Magazin, wo sie zunächst Redakteurin, später stellvertretende Chefredakteurin war. 1998 entwickelte sie für den Verlag das neuartige Wirtschaftsmagazin Econy, das nach zwei Ausgaben jedoch wieder eingestellt wurde. Daraufhin machte sie sich selbstständig, kaufte die Rechte an Econy und veröffentlichte die nächste Ausgabe mit dem alten Team. Das Projekt erlebte turbulente Zeiten, nach zwei Ausgaben im Eigenverlag wurden die Rechte weiter verkauft, vom neuen Verlagspartner trennte man sich nach weiteren vier Ausgaben. Mit zwei Investoren gründeten Gabriele Fischer und das alte Econy-Team eine neue Verlagsgesellschaft (heute die brand eins Medien AG) und entwickelten ein neues Magazin – die erste Ausgabe von brand eins erschien im Oktober 1999.
Die neuen Technologien machen Kommunikation und damit einen Großteil unserer Arbeit permanent möglich, nahezu immer und überall. Was bedeutet Ihnen und Ihrem Team von brand eins dennoch der physische Ort Büro?
Wir haben bei brand eins immer viel Wert auf schöne und wertig ausgestattete Büroräume gelegt, nicht zuletzt, weil das auch eine Respekt-Bekundung gegenüber den Kollegen ist. Zwar ist die Redaktion viel unterwegs und arbeitet ohne feste Zeiten – aber in den sieben bis acht Tagen der Hochproduktion ist sie komplett im Haus, und zwar lange und intensiv. Da trägt es durchaus zum Spaß an der Arbeit und auch zur Förderung der Kreativität bei, dass die Arbeitsatmosphäre eine ist, in der man sich gerne bewegt.
Ist Desk Sharing bei brand eins ein Thema? Ich denke hier vor allem an die vielen freien MitarbeiterInnen und an das Spannungsfeld von digitaler und sozialer Vernetzung.
Ganz am Anfang, noch zu Zeiten des Vorgänger-Magazins Econy, war das unser Plan – den wir allerdings schnell verworfen haben. Damals saßen Redaktion und Dokumentation noch in einem Raum, und sehnten sich nur nach einem: dem Einzelbüro. Wir haben zumindest bei uns die Erfahrung gemacht, dass die hohe Konzentration, die für die Produktion eines Qualitätsmagazins notwendig ist, mit festen Orten besser herzustellen ist.
Freie Kollegen finden zwar immer einen freien Schreibtisch, so sie ihn brauchen, aber wer fest bei brand eins arbeitet, weiß, wo er hingehört. Geschichten schreiben die Kollegen übrigens dennoch meistens zuhause, digital vernetzt, aber dennoch abgeschieden.
Ein Tool, das mittlerweile an jedem Arbeitsplatz zu finden ist, ungewollt oder gewollt, ist Google. Wie sehr haben die Möglichkeiten frei zugänglicher Information die Arbeit Ihrer RedakteurInnen und damit auch die Abläufe im Büro verändert?
Wir starteten mit brand eins im Jahr 1999 – und ohne die Segnungen der modernen Technik gäbe es brand eins nicht. Nicht nur, weil wir mit vielen freien Autoren arbeiten, deren Texte von Anfang an als Datei kamen – auf Papier hätten wir sie nur mit sehr viel mehr Aufwand verarbeiten können. Vor allem auch, weil wir nach der Trennung vom Spiegel von dessen Dokumentation abgeschnitten waren und unsere eigene Dokumentation aufbauen mussten. Ohne die permanent zugängliche Information? Undenkbar.
Inzwischen haben sich die Möglichkeiten und die Zahl der zugänglichen Informationen gewaltig erweitert. Ende der 1990er Jahre war der Besuch einer Firmen-Website noch einigermaßen trostlos, und wir haben alle diese Möglichkeiten als willkommene Chance zur Qualitäts- sowie Recherche-Verbesserung und -Vereinfachung genutzt. Wir haben aber auch gelernt – und lernen stetig weiter –, dass die Informationsflut Entscheidungen verlangt: Wer ständig erreichbar und auf dem letzten Informationsstand sein will, läuft Gefahr, nichts mehr zustande zu bringen.
Ein Zitat, das ich in Ihrem Magazin gefunden habe, stammt von Marshall McLuhan, dem "Erfinder" des Global Village: "In Zukunft besteht die Arbeit nicht mehr darin, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern darin, im Zeitalter der Automation leben zu lernen". Spannend ist der Zeitpunkt dieser Aussage – das Jahr 1964. Doch erst die Technologien der letzten zehn, fünfzehn Jahre führten zu einer wirklich rasanten Veränderung. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?
Nicht mehr als bereits beschrieben. Natürlich buchen wir Reisen inzwischen online und sind mehr im Netz unterwegs als noch vor zehn Jahren. Aber unser wichtigster Job ist es, Geschichten zu denken und im Dialog mit den Autoren zu entwickeln, da hilft die Automation nicht viel.
brand eins schreibt in der Ausgabe "Mythos Leistung" (09/2008) über den Kreativarbeiter: "Für den Alsterrundgang wird er nicht bezahlt. Wofür aber dann?". Wie sieht das bei brand eins aus, und wie versuchen Sie die Ideen sprießen zu lassen?
Bei uns gilt: der Arbeitgeber ist das Heft. Und das fordert in der Produktionswoche vollen Einsatz, davor und danach aber gibt es ein paar feste Konferenztermine und daneben viel Freiraum. Wie ihn der einzelne Kollege nutzt, ist seine bzw. ihre Sache, der Alsterspaziergang ist in jedem Fall eine Option.
Woraus beziehen Sie Ihre Motivation – und wie können Sie diese weitergeben?
Ich muss niemanden motivieren, weder mich noch die Kollegen – wir alle machen das Magazin, das wir machen wollen. Meine wichtigste Aufgabe ist, aus dem Weg zu räumen, was den einen oder anderen demotivieren könnte. Und bei mir: durch den richtigen Wechsel von Anspannung und Entspannung dafür zu sorgen, dass mein Spaß an der Arbeit erhalten bleibt.
Letzte Frage: Was wäre Ihr Lieblingsort für Ihre Arbeit?
Ich träume nicht vom Laptop am Strand. Ich habe gern einen Schreibtisch und eine vertraute Umgebung.
Ich bin gern in der Redaktion und freue mich auf die Menschen dort. Und ich brauche regelmäßig meinen Rückzug ins Heimbüro, wo ich mich noch mal anders vertiefen und vor mich hindenken kann.
Vielen Dank für Ihre Antworten.





