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8. Mai 2008

Die Möbeltekten

Immer mehr Architekten entwerfen Möbel. Ob sie das auch können? Nicht alle. Die Identitätskrise gefeierter Architekturikonen hat erst begonnen. Eine kritische Betrachtung von Barbara Jahn

Rollen wir die Sache doch einfach mal von hinten auf und beginnen gleich mit Z wie Zaha.
Frau Hadid
hat einiges geleistet, wozu man ihr gratulieren kann: von Bagdad nach London ausgewandert, wo sie heute eines der weltweit erfolgreichsten Architekturbüros führt, als erste und bisher einzige Frau mit dem Pritzker-Award (dem Architektur- Oscar) ausgezeichnet und ungeschlagene Stilikone, wenn man danach geht, mit welcher Spezialrezeptur sie Beton mischt und in Szene setzt.

Auftraggeber stehen bei ihr Schlange, darunter BMW für das Werk in Leipzig, VW für das Wolfsburger Wissenschaftsmuseum Phaeno, die Stadtväter von Innsbruck für die Bergiselschanze, der Schweizer Möbelhersteller Vitra für die Feuerwache in seinem Werk in Weil am Rhein – übrigens ihr beruflicher Durchbruch – und so weiter. Sie hat Beton sexy gemacht und reizt den Werkstoff bedingungslos aus. Fantastisch.

Everybody's Darling?


So, sagt sie, macht sie sich Gedanken über die Zukunft des Bauens und Wohnens. Und da klingelt es: Wie meint sie das mit dem "Wohnen"?
Als sie neben 18 anderen Architekten und Designern eingeladen wurde, im Madrider Hotel Puerta America eine Etage zu gestalten, entwickelte sie eine perfekte Symbiose aus Raum und selbst entworfenem Mobiliar, das – mal mehr, mal weniger – aus der Wand herauswächst und wieder in den Fußboden verschwindet. Jedes Detail ein Augenschmaus.
Ziemlich bald danach aber begann man auch in der Designszene nach Hadid zu rufen und als Möbelmessereisender muss man feststellen, dass die Frau beunruhigend viel beschäftigt wird. War es zunächst ein außergewöhnlicher und einzigartiger Eyecatcher aus Corian – eine Küche im Future Design, formal flüssiger als das Wasser aus dem Designer-Wasserhahn –, so konnte man sich im Jahr darauf vor lauter "Hadid"-Schildchen kaum noch retten.

Eine übergroße Vase für Serralunga, ein fließendes Sofa für B & B Italia da, ein anderes für Established & Sons dort (die beiden sehen fast aus wie eineiige Zwillinge), dazwischen eine LED-Leuchte für Sawaya & Moroni und so weiter. Eine ganze Menge und alles sieht aus wie aus einem Guss. Gut so? Nein. Hadids Möbelentwürfe wirken wie das Minimundus ihrer Bauten und entbehren jeglicher Abgrenzung und gestalterischen Innovation. Für die Industrie freilich ist der Name Umsatzmotor, und wenn Zaha Hadid Hof hält, treten alle vollzählig an. Schade, denn eine Architektin, die eine derart beeindruckende Karriere hingelegt hat, könnte auf den Ausverkauf ihrer Ich-Marke wahrlich verzichten.


Die Gurke.


Einer dieser ganz Großen ist auch Sir Norman Foster, ebenfalls in Großbritannien zuhause. Sein Name hat Gewicht in der internationalen Architekturszene, das beweist ein Blick auf sein Portfolio: Londoner City Hall, Millennium Bridge in London, U-Bahn in Bilbao, Kuppel für den Berliner Reichstag, das Hauptverwaltungsgebäude der Swiss Re in London, genannt "Gherkin"(englisch für "Gurke") – und das ist nur ein kleiner Auszug aus einer Liste, von der andere Architekten nur träumen können.
Die Gurke ist übrigens genau der Punkt, der einen wieder nachdenken lässt, es gibt sie nämlich auch im Miniformat und nicht etwa als Architekturminiatur für Foster-Freunde. Das wahlweise 32, 63 oder 120 Zentimeter hohe Ding, das seinem großen Vorbild exakt gleicht, ist eine Tischleuchte. Der Informationstext dazu: "Design von Norman Foster" und "limited edition". Schade. Da wäre, wenn schon kein eigenständiger Entwurf, Ironie noch besser gewesen.
Zu Fosters Ehrenrettung sei aber gesagt: Es gibt auch positive Beispiele seiner Designfähigkeiten. Nämlich die Badezimmerserie für Duravit und
das Wartezonensystem Airline für Vitra. Beide sind ausgesprochen gut gelungen, wahrscheinlich auch deshalb, weil hier ein architektonischer Bezug besteht.


Lieber doch nicht?


Kein sehr glückliches Händchen für Design hatte auch Altmeister Frank O. Gehry, als er zu billiger Wellpappe griff und daraus eine Wohnzimmermöblierung entwarf – freilich nur als Experiment.

Santiago Calatrava
, der beste spanische Exportartikel in Sachen Architektur, versuchte sich ebenfalls im Designfach. Der Meister des Körper- und Skelettbaus überzeugt mit seinen Bauten wie der Alamillo Brücke in Sevilla, dem Turning Torso in Malmö, dem TGV-Bahnhof Gare de Lyon oder dem Entwurf der vierten Brücke über den Canal Grande in Venedig jedoch weit mehr als mit einem Liegemöbel, das aussieht wie ein Klappmesser. Sein akribisch genauer und detailverliebter Stil hat sich nicht sehr glücklich auf ein Möbelstück übertragen lassen.


Allround-Genies.


Es gibt aber auch sehr gelungenes Design von Architekten.
Der Finne Alvar Aalto etwa übertrug 1936 seine organische Formensprache von der Architektur auf eine Vase und wurde damit zur Designikone. Er war einer derjenigen, die aus der Arbeit am kleinen Objekt wiederum Schlüsse für die Architektur zogen, denn er konnte dabei die Fähigkeiten von Materialien ausloten.

In gleicher Manier agierten die Kollegen vom deutschen Bauhaus, Marcel Breuer und Mart Stam. Sie perfektionierten die Stahlrohrmöbel und lösten damit eine Revolution der Einrichtungsindustrie aus.

Keiner aber brachte je ein Möbelstück so sehr in Einklang mit der Architektur wie Ludwig Mies van der Rohe. Sein Barcelona Chair aus dem Jahr 1929 spricht dieselbe Sprache wie sein deutscher Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona, für den er das Möbel seinerzeit entworfen hat. Diesem voran ging der Freischwinger Weißenhof-Stuhl für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, wo Van der Rohe als Architekt maßgeblich beteiligt war, und es folgte der Brno-Stuhl für die private Villa Tugendhat in Brünn. Schon die Namen zeigen die Verwandtschaft zwischen den Möbeln und ihrem architektonischen Pendant.

Auch jüngere Zeitgenossen sollen hier nicht ungelobt bleiben. Der französische Architekt Jean Nouvel etwa bereichert die Szene Jahr für Jahr mit ein, zwei sehr gelungenen Entwürfen. Im Vorjahr wurden bei der Mailänder Möbelmesse wurden ein Raumkonzept für DuPont Corian und der Loungechair Skin für den italienischen Hersteller Molteni & C. vorgestellt.


So nebenbei.


Auch die Italiener Antonio Citterio und Piero Lissoni lassen immer wieder aufhorchen, allerdings sind alle zwei schon lange dabei und, was das Möbeldesign betrifft, alte Hasen.

Ungewöhnlich, aber auffallend gut, macht sich das Schweizer Architekten-Duo Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die etwa für die Erweiterung der Tate Modern in London verantwortlich zeichnen. Im Design beschäftigen sie sich vorwiegend mit dem Medium Licht und erregten auch dieses Jahr wieder Aufsehen mit der Leuchte Pipe für Artemide.

Ein interessanter Architekt und Nebenbei-Möbeldesigner ist auch Michel Boucquillon, der das Europäische Parlament in Brüssel gebaut hat. Für den jungen Belgier ist die Architektur die Kunst, den Raum zu definieren, und das Design eine Geste, die dem Benutzer ein schöneres Leben beschert – er ist ein Geheimtipp, der noch von sich hören lassen wird. Seine ersten Entwürfe, nämlich eine gediegene, etwas nostalgische, aber absolut nicht marktschreierische Kollektion von Gartenmöbeln für den italienischen Hersteller Serralunga, lassen jedenfalls das Allerbeste hoffen.


Brücken schlagen.


Was unterscheidet also den Entwurf eines Gebäudes vom Entwurf eines Möbelstücks – und damit gelungenes Design von missglücktem?

Vielleicht die Größe der Zielgruppe. Architekten sind es gewohnt, für große Gruppen von Menschen zu planen, die sie nicht kennen, für eine anonyme Masse also. Doch offensichtlich schaffen es nicht alle so gut, für ein anonymes Individuum zu planen.
Vielleicht ist es auch etwas allzu Menschliches, nämlich die Befriedigung der persönlichen Eitelkeit. Es ist kein Geheimnis, dass viele Architekten ihre Gebäude am liebsten auch einrichten würden. Bei den Grands Seigneurs der Architektur hat das Prinzip "Gesamtkunstwerk" wunderbar funktioniert:
Gerrit T. Rietfeld, Rennie Mackintosh
, aber auch Josef Hoffmann etwa mit dem Palais Stoclet in Brüssel oder Arne Jacobsen beim SAS Hotel in Kopenhagen haben die Brücke von der Architektur zum Möbel geschlagen. Da wurde über die Fassade ebenso viel nachgedacht wie über das Teelöffelchen oder den Ohrensessel vor dem Kamin.
Doch dazu braucht es die entsprechenden Auftraggeber. Bleiben die aus und will der Architekt dennoch Möbel designen, so muss er nun mal den Raum mitdenken, in dem das Stück stehen soll. Den Raum, den er nicht gestaltet hat.

Das dürfte nicht allen gelingen, und genau die sollten auch die Finger von Möbeln lassen. Ganz im Gegenteil und im Sinne der "geistigen Statik": Sie sollten auf etwas ganz anderes bauen.


Erstmals veröffentlicht wurde dieser Text am 27.07.2007 in der Beilage "Schaufenster" der österreichischen Tageszeitung "Die Presse".
Autorin Barbara Jahn war für den Journalistenpreis Wohnen & Design 2008, ausgelobt von COR, nominiert.
Als einziger österreichischer Beitrag kam ihr Text ins Finale.







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