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26. Juni 2001

Die Welt von Charles und Ray Eames

Wie niemand sonst prägte das amerikanische Gestalterpaar Charles und Ray Eames das Design der Nachkriegsjahrzehnte.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand lebenslang die Auseinandersetzung mit den menschlichen Grundbedürfnissen nach Wohnraum, Komfort und Wissen. Mit ihren Häusern, Möbeln, Ausstellungen, Filmen, Büchern und Grafiken, und nicht zuletzt mit ihren Ideen, gelang es dem Architekten- und Designerpaar, die Modernisierung Amerikas nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend mit zu gestalten.Die Ausstellung im Wiener MAK illustriert anhand zahlreicher Exponate die Reichhaltigkeit und Komplexität des Eames'schen Oeuvres.

Charles Eames (1907 - 1978) und seine Frau Ray, geb. Kaiser, (1912 - 1988) haben dem Amerika des zwanzigsten Jahr-hunderts Form gegeben und der American Way of Life wurde wesentlich von der Formensprache und dem Leben der Eames mitgestaltet.

Kennen gelernt haben sich Charles und Ray an der Cranbrook Academy of Art (Detroit). Die Grundlehre von Cranbrook der Glaube an ein besseres Leben durch ein besseres Design - sollte die Überzeugung der Eames bleiben. Von den vierziger bis in die siebziger Jahre hinein praktizierten sie Designkultur, die an Idealismus wie an Vielfalt nicht zu Übertreffen war: Ihre Möbel, Spielzeuge, Bauten, Filme, Ausstellungen und Bücher waren ihr Beitrag für das moderne Amerika.

Charles Eames' lebenslanges Interesse an Maschinen und komplizierten Vorgängen resultierte aus seiner frühen Arbeit in Fabriken und Werkstätten. Eine seiner großen Leidenschaften war - in künstlerischer sowie in technischer Hinsicht - die Fotografie. Seine Arbeit als Architekt und die Zusammenarbeit mit Eero Saarinen prägte seinen beruflichen Werdegang.

Ray Eames kam als Kunststudentin und Schülerin Hans Hoffmanns früh mit den Strömungen der Moderne und der europäischen Avantgarde in Berührung. Beeinflusst von amorphen Tendenzen eines Arp und Miro entwickelt sie Ansätze, deren Formensprache in den später gemeinsam entwickelten Designs wiederkehren.

Der Erfolg ihrer Projekte lag wohl vor allem darin, da sie ihren unterschiedlichen Auftraggebern, von der amerikanischen Regierung über Industrieunternehmen wie IBM, Boeing und Polaroid bis hin zur Privatperson, nicht bloß fertige Produkte lieferten, sondern umfassend an den Herstellungsmitteln, der Vermittlung der Inhalte sowie an Maßnahmen zur Vermarktung arbeiteten.

Möbel: Die längst zu Klassikern avancierten Möbel zeigen exemplarisch jene Symbiose von Ästhetik, Qualität und Ökonomie, die Charles und Ray Eames in allen ihren Produkten anstrebten. Insgesamt gingen über vierzig vielfältig einsetzbare Möbelsysteme für Büros, Wohnhäuser und öffentliche Einrichtungen in Produktion.

Populär sowie kommerziell erfolgreich geworden sind vier Stuhlgruppen für die Herman Miller Furniture Company. Für sie entwickelten die Eames aus flexiblem Material dem menschlichen Körper angepasste Sitzformen: aus formgepresstem Sperrholz, aus glasfaserverstärktem Kunststoff, aus in Form gebogenem und geschweißtem Drahtgeflecht und aus Aluminiumguss. Sie tragen Namen wie DCW 'Dining Chair Wood' (Esszimmerstuhl mit normierter Sitzhöhe und Holzfüßen), LCM 'Lounge Chair Metal' (Wohnzimmerstuhl mit tieferer Sitzhöhe und Metallfüßen). Mit gepolsterter Sesselschale enstand 1956 eines der bekanntesten Objekte der Eames, der Lounge Chair.

Allen diesen Entwürfen gemeinsam ist die experimentelle Herangehensweise im Umgang mit dem Material. Zur Entwicklung und Herstellung der Modelle und Prototypen wurden spezielle Werkzeuge, handgemachte Press- und Gussformen sowie Testapparate entwickelt. Ein weiterer progressiver Schritt war die Einsparung einer teuren Polsterung sowie die Vielfalt ihrer Kombinationsmöglichkeiten und Anwendungsbereiche. Zu diesen Möbeln erstellten die Eames auch entsprechende Konzepte für deren Vermarktung. Fotos und Illustrationen trugen zur Erklärung der innovativen Techniken, der industriellen Herstellungsverfahren und vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten bei.

Raum: Als Architekten entwickelten Charles und Ray Eames für das zwanzigste Jahrhundert neue Formen des Wohnens. Ihre bereits in den Designentwürfen erfolgreich eingesetzten Prozesse der Serienfertigung übertrugen sie in die Architektur. Standardelemente ermöglichten die Planung von Häusern mit geringem budgetären und materiellen Aufwand.

In der Avantgardezeitschrift Arts & Architecture wurde 1945 das Case Study Program angekündigt - ein Programm zur Bewältigung der nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika vorherrschenden Wohnungsnot. Case Study House No. 8 - das private Stahl- und Glaswohnhaus der Eames in Los Angeles - wurde mit seinem hohen Anspruch an Sparsamkeit, Vielseitigkeit und effektiven Nutzen zu einem einflussreichen Beispiel industrieller Architektur und zu einem für das Nachkriegsamerika prototypischen, modernen Wohn- und Lebensraum, in dem sich industriell hergestellte Produkte mit handwerklichen und künstlerischen Objekten in chaotischer Ordnung ergänzen.

Enttäuscht über den ausbleibenden kommerziellen Erfolg des Hauses - es kam nie zu der geplanten Serienproduktion - zogen sich die Eames aus der Architektur im konventionellen Sinne zurück. In ihren Spielsachen, Möbeln und Filmen setzten sie jedoch ihre architektonischen Ansätze fort.

Ästhetik: Charles und Ray Eames sensibilisierten den Blick für das Schöne im Alltäglichen, und ihre Philosophie vom pädagogischen Wert der einfachen Dinge wurde mehr und mehr zum Leitfaden ihrer Arbeit. Ihre Möbelentwürfe waren, trotz Funktionalität, skulpturale Objekte, deren biomorphe Formen-sprache zeitlose Schönheit bewiesen haben.

Filme und Diaprojektionen auf multiplen Projektionswänden wurde ihr effektvollstes Mittel, Alltägliches in ungewohnten Perspektiven zu präsentieren. Die über 350.000 sorgfältig katalogisierten Dias - ihr "Kuriositätenkabinett" - geben einen Einblick in die umfassenden Recherchen und Auseinandersetzungen mit Kultur und Technik. Zusammengetragen als Informationsmedium für den Schulunterricht, für Vorträge wie für Firmenveranstaltungen ihrer Kunden, diente das Bildmaterial didaktischen Zwecken und der Vermittlung historischer und interkultureller Aspekte.

Kultur: Der Wandel der Designaufgaben seit den fünfziger Jahren spiegelt die Entwicklung Amerikas von der Industrie- zur postindustriellen Informations-gesellschaft wieder. Von Architektur und Möbeldesign verlagerte sich die Aufmerksamkeit des Ehepaares auf Kommunikationssysteme: Ausstellungen, Bücher und Filme.

Mit Glimpses of the U.S.A., einer der ersten und auf der American National Exhibition 1959 in Moskau gezeigten Multi-Dia-Show, übernahmen die Eames die Rolle als Botschafter der amerikanischen Gesellschaft. Auf sieben Leinwänden mit sechs mal neun Metern bot der Film mit 2200 Bilder von Supermärkten, Autostraßen, Wolkenkratzern und Fabriken ein betörendes Bild amerikanischer, demokratischer und konsumorientierter Werte. U.S.-Fernsehsender gaben Filme zur amerikanischen Geschichte und Populärkultur in Auftrag, die zum Verständnis einer neuen amerikanischen Identität nach innen wie nach außen beitragen sollten.

Zur ersten kulturübergreifenden Zusammenarbeit kam es Ende der fünfziger Jahre. Die indische Regierung beauftragte die Eames mit einem Forschungsprojekt zur Zukunft des indischen Designs. Eine Studie sollte dem Land Hilfestellung leisten, um bei der industriellen Umstellung auf Massen-produktion die Qualitäten des traditionellen Kunsthandwerks zu erhalten. Wenig später gründeten die Eames ein Designinstitut in Ahmedabad.

Wissenschaft: Ausstellungen und Filme dienten vor allem als didaktisches Kommunikationsmittel, um einem möglichst breitem Publikum gesellschaftlich wichtige Aspekte der Wissenschaft nahe zu bringen: Neue Technologien und deren Potential sollten im Auftrag von Industrie, Regierung und diversen Bildungseinrichtungen vermittelt werden. Viele der Eames'schen Wissenschaftsprojekte drehten sich um den Computer als Informations-maschine, seine immer komplexer werdenden Informationsmengen und Einsatzbereiche.

Die Fähigkeit von Charles und Ray Eames, Wissenschaft zu vermitteln, ist am besten in dem Film Powers of Ten (Zehnerpotenzen) zum Ausdruck gebracht. Auf denkbar einfache Weise stellt der Film die relativen Größenverhältnisse von Mikrokosmos und Makrokosmos dar. Powers of Ten zeigt uns das Universum, in dem Beständigkeit und Wandel gleichzeitig am Werk sind und findet die Mysterien des Kosmos in einem ganz gewöhnlichen Picknick.

Charles und Ray Eames fassten dennoch den Begriff Design weiter, als dies je zuvor getan wurde. Das spiegelt sich nicht nur in ihrer Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst, Wissenschaft und neuen Technologien, sondern auch in ihrem ganzheitlichen Verständnis von Design als Prozess.





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