Großstadtacker zwischen Pflasterstrand
Sie pflanzen Blumen, Kräuter oder Radieschen illegal in Verkehrsinseln oder Grünstreifen, in Hinterhöfen oder auf Dachflächen: Die Anhänger des Guerilla Gardening werden immer mehr.Tagsüber schneidet er Kunden die Haare, am Abend den Schnittlauch: Sebastian könnte man in London, Berlin oder Wien antreffen. Er ist Ende zwanzig, lebt alternativ, umwelt- und ernährungsbewusstbewusst, sieht sich gern als kritischer Konsument und möchte ein bisschen autark sein, zumindest was seine Lebensmittel betrifft. Deshalb zieht Sebastian Tomaten auf dem Fensterbrett, den Schnittlauch illegal im kleinen Grünstreifen des Hinterhofs - und ist dabei ganz "nerdy", wie er sagt, streberhaft. "Es fühlt sich gut an."
Anregung zu seinem grünen Tun fand Sebastian beim "Guerilla Gardening", einer gar nicht so neuen Bewegung von "Gartenpiraten", die wild den urbanen Raum bepflanzen. Ökologischer Anspruch, politischer Protest und künstlerisches Anliegen – Motto: die Stadt verschönern – lassen die Guerilleros zu Harke und Setzlingen greifen. Bereits in den 1970er Jahren verwandelten sie in Manhattans Straßenschluchten die Stadtbrachen und Grünstreifen in Beete. Ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte Guerilla Gardening am 1. Mai 2000 in London, erzählt Sebastian: Damals trafen Globalisierungskritiker, Anarchisten und Umweltaktivisten einander auf dem verkehrsreichen Parliament Square, um dessen Rasenfläche mit Schaufeln und Spaten umzugraben und mit Grünzeug zu bepflanzen. "So wollte man die Straße zurückerobern."
Manifest und Samenbomben
Großbritannien, das Land, das den Garten-Kult erfand, brachte auch den bislang bekanntesten Protagonisten der Guerilla-Gärtnerei hervor: Richard Reynolds. Mit rund Dreißig ließ er nicht nur Blumen auf Londons Straßen unerlaubt sprießen, indem er nachts Unkraut jätete und Pflanzen säte, sondern er schrieb auch ein Buch: "Guerilla Gardening – Ein botanisches Manifest". Inklusive "Handbuchteil zu Taktik, Ausrüstung und Wahl der botanischen Waffen". Im Jahr 2009 erschien diese Gartenkunde der anderen Art auf Deutsch. Und mit seiner Website richtete Reynolds einen virtuellen Treffpunkt für die internationale Community der Botanik-Aktivisten ein. Dort finden die globalen Guerilleros nützliche Tipps für erfolgreiches Stadtgärtnern und können sich zu so genannten "Digs", gemeinsamen Buddelaktionen – nachts, versteht sich –, verabreden. Hier erfährt man auch, wie man Samenbomben bastelt und wie und wo man sie am besten abwirft.
"So spektakulär muss ich es nicht haben", sagt Sebastian, "zumal im überaus grünen Berlin die Guerilla-Pflanzerl sowieso kaum wahrgenommen werden. Und in Wien muss mannicht mit Strafen rechnen." Die Stadt Wien reagiert auf die Grün-Piraterie mit einem Pilotprojekt zur erlaubten Begrünung öffentlicher Flächen: Im 15. Bezirk können sich Bürger dazu die Genehmigung einholen. Expertenwissen, Erde und mitunter Pflanzen kommen von den Wiener Stadtgärtnern. Ein Ansatz, der den zivilen Ungehorsam der Guerilla-Gärtner zähmen möchte – und damit definitiv die Wurzeln dieser aufs Gemeinschaftliche ausgerichteten Bewegung kappt: "Die unerlaubte Kultivierung von Land, das jemand anderem gehört."
Désirée Schellerer
Photos:
Ja! Natürlich. Garten am Bürogebäude in Wr. Neudorf.
Guerilla Gardening in Wien, Roofjet-14; Wissgrillgasse 10: Ohne Zustimmung des Nachbarhausbesitzers wurde dessen Innenhof weiss mitgestrichen und zum Teil bepflanzt, um die Atmosphäre für alle heller zu gestalten und mehr "Grün" in die Stadt zu bringen.


