Lebensräume: Küche
In unserer aktuellen Office.Info Serie suchen wir Räume mit besonderer Identität auf und fragen nach dem Wie ihrer Gestaltungs- und Wirkungsweisen. Diesmal: Die Küche – neuer, alter Livingroom für Young Urbans.Es heißt nicht umsonst: Räume haben Charakter. Ganz gleich ob wir darin arbeiten, lernen, lehren, kommunizieren, uns unterhalten oder entspannen möchten – der dafür "erschaffene" Raum nimmt auf die Besonderheiten von Nutzern und Tätigkeiten in der Regel eindeutig Bezug. Ob er allerdings "funktioniert", ist eine andere Frage und hängt ganz davon ab, ob er uns auch emotional erreicht. Wirkung ist letztlich doch mehr als die Quadratwurzel aus Raumhöhe + Wandfarbe + Stellfläche.
"Sorry, Pat, wo ist denn deine Herdplatte versteckt?" Ein unauffälliger Fingertipp, und die gläserne Ablagefläche verschwindet mit leisem Surren in der angrenzenden Arbeitsplatte. "Oh, da ist sie ja...!" Moderne Küchen sind wahre Meister des Understatements: gerade Flächen, verborgene Griffleisten, High-tech-Funktionalitäten mit Touchscreen-Interfaces. Wenn es also auf den ersten Blick oftmals gar nicht mehr danach aussieht, keine Panik – Kochen ist noch immer eine ihrer Kernkompetenzen! Allerdings mit einem – zugegeben – unübersehbaren Hang zu jeder Menge Zusatzfeatures in Richtung Genuss- und Wohngefühl.
Alles zu seiner Zeit
Die Küche erfuhr in jüngster Zeit eine enorme Aufwertung vom "versteckten Arbeitszimmer" hin zu einer offenen Location, die sich sehen lassen kann – und auch soll. Nicht nur Partygäste verschlägt es zu später Stunde zum ursprünglichsten aller häuslichen Kommunikationszentren (Herd! Feuer!), die zunehmend fließenden Übergänge von Wohn- und Essbereichen brechen Arbeitsabläufe auf, verändern Verhaltensmuster und fördern neue Interaktionsprozesse.
Aber war das nicht früher auch schon so – ist das nicht ein wiederkehrender Trend? In gewisser Weise ja, wenn auch neu akzentuiert. Kaum ein anderer Raum in unseren Wohnungen, der so angepasst an unser Sozialverhalten ist – und damit gleichzeitig über die Jahrzehnte so fundamentale Änderungen in technischer Hinsicht, bei Nutzungszuweisungen und Planungsaspekten mitgemacht hat.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa war die Küche bereits der zentrale Sozialbereich in Wohneinheiten. Eine strikte Trennung zum Wohnraum gab es selten – oder andersrum: die Küche war Wohnzimmer. Hier wurde zusammengesessen, geredet, gekocht, gegessen, hier wurden die Kinder großgezogen und Ehen versprochen.
Deutsche Perfektion
Nach dem ersten Weltkrieg hielt der Taylorismus mit seinen rationalisierten Arbeitsvorgängen und seiner Stoppuhr-Mentalität in die privaten Haushalte Einzug. Kulturgeschichtliches Zeugnis davon ist die "Frankfurter Küche". Sie wurde von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky – übrigens der ersten Frau, die ein Architekturstudium in Österreich abgeschlossen hat – entworfen. Damit wurde 1926 der Prototyp der modernen Einbauküche geboren. Angelehnt war dieses "Kochlaboratorium" an die Speisewagenküche einer Eisenbahn. Maximale Zeit- und Arbeitsersparnis auf minimalem Raum war das verwirklichte Ziel. Die Flächeneffizienz, wie man es heute nennen würde, war auch deswegen notwendig, weil die Küche in Wohnbauprogrammen für untere Bevölkerungsschichten Anwendung finden sollte. Hier galt es, sparsam mit dem Platz umzugehen.
Dumm gelaufen
Bei der Konstruktion der Frankfurter Küche wurde nichts dem Zufall überlassen – von der reduzierten Höhe der Arbeitsplatte vor dem Fenster, die ein Arbeiten im Sitzen ermöglichte, über die Aussparung in der Arbeitsplatte mit emaillierter Schütte zum raschen Entfernen von Abfällen aus dem Arbeitsbereich bis zur praxisorientierten Anordnung von Arbeitsbereichen, Abtropfständer und -tasse für Geschirr, doppeltem Abwaschbecken und Hängeschränken. Sogar die Farbe war rational gewählt: Denn Wissenschaftler der Uni Frankfurt vertraten die Meinung, dass Fliegen blau-grüne Flächen meiden würden. Ob diese als schön empfunden wurden, lässt sich schwer sagen – aber das war ja nicht das primäre Ziel.
Die Frankfurter Küche konnte als standardisiertes Modulsystem in großer Anzahl industriell gefertigt werden – der Tischler brauchte sie nur noch in der Küche zu verankern. Dadurch war sie natürlich recht kostengünstig und lieferte ein Vorbild auch für heutige Einbauküchen. Rund 10.000-mal wurde sie in Frankfurter Siedlungen umgesetzt – daher auch ihr Name.
Einen essenziellen Haken hatte sie trotzdem: So optimiert sie in arbeitstechnischer Hinsicht auch war, wurde sie doch nicht immer wie geplant genutzt. Zu groß war einfach die Umstellung zwischen dem bisherigen "Lebensraum" Küche und dem nunmehrigen "Arbeitsraum" Küche. Die soziale Komponente war in der Planung einfach zu wenig berücksichtigt worden. Dumm gelaufen.
Von Frankfurt nach München
Das war übrigens auch der Grund, warum nur zwei Jahre später die deutschen ArchitektInnen Erna Meyer, Hanna Löv und Walther Schmidt das Thema nochmals anpackten und mit der Entwicklung der Münchner Küche einen Kompromiss zwischen reiner Arbeits- und traditioneller Wohnküche fanden. Vor allem die Möglichkeit, die Kinder im Auge zu behalten und den Raum optisch ein wenig zu öffnen, erschien notwendig. Erfüllt wurden diese Anforderungen durch eine lediglich hölzerne Abtrennung zwischen dem Essbereich des Wohnzimmers und der Küche, die ab einem Meter Höhe verglast war. Auch die Türe zwischen den beiden Räumen wurde entfernt – die starren Raumgrenzen somit ein wenig gelockert. Zudem beließ man den Geschirrschrank, wie bislang üblich, im Wohnraum.
Nur ja nichts anbrennen lassen
Auch heute ist die Küche nach wie vor ein spannendes und vielfältiges Thema. Der Markt ist heiß umkämpft, die Produktqualität enorm hoch und der Konsument durchaus investitionsbereit. Abgesehen vom "Nebenschauplatz" Kochtechnik geht es heute vor allem um die Verschmelzung hoher Ansprüche punkto Genuss, Komfort und natürlich auch Gesundheit und Nachhaltigkeit. Denn wer gesund lebt und isst, will dies auch in einem Surrounding tun, das dieselben Prinzipien im Hintergrund berücksichtigt. Die Optik setzt parallel dazu auf stilsicheren Purismus und langlebigen Lifestyle. Der Anspruch lautet zunehmend, Möbeldesign und Baukunst zu verbinden, um daraus raum- und funktionsbildende Elemente zu schaffen – insgesamt großzügig, hochwertig, die Küche als Abrundung und Aufwertung eines ausgeprägten Wohngefühls.
Pret-à-porter oder Haute Couture
Küchen gibt es heute ebenso "von der Stange" wie ganz individuell. Die Planung einer Designküche kann ein mehr als umfassendes Projekt sein, mit Nutzungsanalysen, 3D-Simulationen, Lichtplanung und intensiver Fachberatung. Man kann sich Maßmöbel in mm-Schritten anfertigen lassen, aus Materialien wie Massivholz oder Furnier ebenso wie Edelstahl, Aluminium oder Glas. Auch die harmonische Abstimmung auf die Umgebung über den Raum hinaus wird angeboten. Individualität liegt im Trend. Dazu die Öffnung zum Wohnraum hin, mit Koch- und Arbeitsinseln, die rundherum begehbar sind und einen fließenden Übergang zum Wohn- und Essbereich bilden. Oder man lässt die Küchenzeile sich optisch im Wohnraum gleich völlig auflösen – durch optimale Material- und Farbabstimmung auf die übrigen Möbel, sozusagen als Sideboard "getarnt".
Wer sich auf den großen Küchenmessen wie der Eurocucina in Mailand oder der Living Kitchen in Köln umsieht, erhält Inspirationen ohne Ende, dazu Erfahrung und Qualität gepaart mit eindrucksvoller Perfektion und absolutem Designanspruch. Arclinea etwa, einer der maßgeblichen und traditionsreichsten Küchenhersteller Europas, arbeitet seit den späten 1980er Jahren mit dem Architekten Antonio Citterio zusammen, und hat den Wandel des Lebensraums Küche eindrucksvoll mitgeprägt – von der funktionellen Küche, über die "metamorphorische" bis zur "raumdurchdringenden".
Zum unangefochtenen Trendsetter hat sich seit drei Generationen auch die deutsche Marke bulthaup entwickelt – mit einer Kombination von Purismus und Sinnlichkeit, zugeschnitten auf die spezifischen räumlichen Gegebenheiten. So zeichnete sich etwa die von den Wiener Designern EOOS 2008 für bulthaup entwickelte Küche b2 durch ihr offenes und mobiles Konzept aus, individuell zusammenstellbar, die konsequente Weiterentwicklung der "Küchenwerkbank". Allerdings schon wieder einen Schritt weiter zeigte sich die heuer in Mailand präsentierte b3 von bulthaup-Art Director Mike Meiré. Seine Küchenvision lässt die Systemküche im Wohnraum völlig aufgehen – mit schwarzem Leder und versilberten Griffen sicher eine aufsehenerregende Interpretation und ganz im Trend der Luxusanbieter: Küche zum Vorzeigen und Repräsentieren mit dem Anspruch perfektionistischer Handwerkskunst.
Eine ähnlich traditionsreiche Marke mit echtem Weltruf kommt aus Deutschland. Poggenpohl hat in den 1920er Jahren die so genannte "Reformküche" mit den ersten verbundenen Schränken auf den Markt gebracht und damit den Vorläufer für die moderne Einbauküche geschaffen. 1950 kam dann tatsächlich die erste Anbauküche zum Einsatz, und von da an ging´s so richtig los. Heute arbeitet Poggenpohl mit Designern wie Jorge Pensi oder Porsche Design.
Ebenfalls Design affin und mehrfach preisgekrönt präsentiert sich Warendorf, die mit einer eigenen Philippe Starck Collection by Warendorf für Luxus, Eleganz und hohes Stilbewusstsein stehen.
Die erste "grifflose" Küche der Welt stammte übrigens von SieMatic aus den späten 1960ern. Der Designklassiker mit dem Modellnamen 6006 wurde erst vor kurzem "neu interpretiert".
Überraschend und innovativ auch immer wieder die Produkte von Schiffini. Das italienische Unternehmen, das sich zur Zeit seiner Gründung im Jahr 1920 vorwiegend noch mit Schiffseinrichtunen beschäftigte, arbeitet heute mit den Architekten Ludovica und Roberto Palomba, Giuliano Giaroli und Alfredo Häberli.
Und auch das österreichische Team 7, deren zeitlose Formensprache in Synthese mit natürlichen Materialien immer wieder besticht, setzt auf die Zusammenarbeit mit namhaften Designern wie Jacob Strobel, Karl Auer, Sebastian Desch und Kai Stania – letzterer übrigens vielfach und ebenso preisgekrönt für Bene tätig.
Brigitte Schedl-Richter



