Lebensräume: Lernräume
In unserer aktuellen Office.Info Serie suchen wir Räume mit besonderer Identität auf und fragen nach dem Wie ihrer Gestaltungs- und Wirkungsweisen. Diesmal: Räume, die bilden. „Raumpädagogik“ und „Lernarchitektur“ als Katalysatoren auf dem Weg zu Knowledge und Diversity.Es heißt nicht umsonst: Räume haben Charakter. Ganz gleich, ob wir darin arbeiten, lernen, lehren, kommunizieren, uns unterhalten oder entspannen möchten – der dafür "erschaffene" Raum nimmt auf die Besonderheiten von Nutzern und Tätigkeiten in der Regel eindeutig Bezug. Ob er allerdings "funktioniert", ist eine andere Frage und hängt ganz davon ab, ob er uns auch emotional erreicht. Wirkung ist letztlich doch mehr als die Quadratwurzel aus Raumhöhe + Wandfarbe + Stellfläche.
Sie haben die Fachtermini wahrscheinlich alle schon gehört: Blending Learning, Challenged Based Learning, Rapid E-Learning, CBT und WBT und wie sie alle heißen... Wofür sie stehen? Für neues Lernen und Wissensgenerierung mit Breitenwirkung – beides angesagt wie nie zuvor.
Surrounding mit Softskills
Ändern sich Lernmethoden und Lernprozesse, liegt der Schluss nahe, dass auch die Rahmenbedingungen rundum sich weiterentwickeln müssen. Moderne Bildungs- und Wissenskonzepte tun demnach gut daran, inspirierende und kreativitätsfördernde Umgebungen zu schaffen. Immerhin sind erfolgreiche Volkswirtschaften schon längst auf jene immateriellen Werte angewiesen, die eine Knowledge-Gesellschaft zu generieren im Stande ist.
Dabei ist eine Entwicklung besonders hervorstechend: gleich ob Grundschule, Universität oder berufliche Weiterbildungen, der Prozess der einseitigen Wissensvermittlung wandelt sich zunehmend in den Prozess eines interaktiv basierten Wissenstransfers bzw. von Lernunterstützung.
Wissen bekommt man heute nicht mehr serviert, Wissen bedeutet Selbstverantwortung, Neugierde, Eigenrecherche, Erfahrung, Diskussion und Netzwerken. Die Dynamik, die daraus entsteht, fordert – leicht nachvollziehbar – entsprechend designte Umgebungen. Längst passé sind – wenn auch immer noch Realität, doch das ist eine andere Diskussion... – Massenhörsäle mit Frontalkonzept. Notwendig sind vielmehr Räume, die Lust an der Bildung, Kreativität, Fantasie, Interaktion, Experiment und Präsentation gleichermaßen erlauben. Buchstäblich "sinnliche" Konzepte, die auf Optik, Haptik, Akustik, Olfaktorik eingehen, die Konzentration und Entspannung zulassen sowie flexible Settings ermöglichen, definieren etwa Richard Stang und Frank Thissen. Beide sind Professoren an der Hochschule der Medien in Köln mit Forschungsschwerpunkt "Lernwelten".
Der Lernraum muss demnach zum Lebensraum mutieren und darf nicht nur den wissenschaftlichen Content in den Fokus stellen, sondern ebenso die immer auch gleichzeitig stattfindende Persönlichkeitsbildung. Raum zur Entfaltung - in jedem und im besten Wortsinn!
Schluss mit dem Schubladendenken!
Wie so häufig in Bildungsfragen sind die nordischen Länder auch bei der Schularchitektur vielen anderen einen Schritt voraus. Was dort bereits umgesetzt ist, erscheint ein paar Breitengrade entfernt noch unvorstellbar. Zum Beispiel eine Schule, die praktisch ohne Klassenzimmer auskommt.
Inzwischen hat die Hellerup-Schule in Gentofte, Kopenhagen, schon Berühmtheit erlangt. Denn das Konzept, vom dänischen Architekturbüro Arkitema umgesetzt, ist tatsächlich ungewöhnlich: 750 Schüler teilen sich den Großraum von 8.200m² Geschoßfläche auf drei Stockwerken, ohne separierte Klassenzimmer zu haben.
Im Zentrum befindet sich das "Kolosseum", ein gedeckter, vielfältig nutzbarer Innenhof mit breiter Stiege. Entlang des Innenhofs befinden sich Gemeinschaftsflächen mit Liege- und Sitzmöbeln. Auch ein Café und andere Gemeinschaftsräume bieten Platz zur Interaktion. In den ruhigeren Ecken des Gebäudes sind die 4 so genannten "Heimbereiche" (für je 75-100 Schüler) angesiedelt. Diese umfassen jeweils eine Trainingszone für Einzel- und Gruppenunterricht und drei "Heimbasen". Letztere sind hexagonale Bereiche, die jeweils 25 Schülern als Raum für besonders konzentriertes Zuhören und Lernen dienen. Nach solchen, kurz dauernden Phasen verlassen die Schüler die Heimbasen aber wieder, um im Großraum zu interagieren. Präsentationen finden entweder in Miniauditorien im Zentrum der Heimbereiche oder im "Kolosseum" statt. Die Geschoße sind durch zahlreiche Stiegen miteinander verbunden, Brücken, Plateaus und Balkone machen den Raum zusätzlich erlebnisreich. Wer unglaubliches Getöse in der ganzen Schule erwartet, wird erstaunt sein – obwohl sich die Schüler viel mehr durch den Raum bewegen als in herkömmlichen Strukturen und diesen auch vielfältig nutzen, ist der Lärmpegel überraschend niedrig.
Wahrlich faszinierend ist, dass nahezu alle Bereiche offen sind und sich so zu einer einzigen Landschaft verbinden. Als Raumteiler dienen nur Möbel. Ausnahme: die Lehrerbüros für 5-6 Lehrpersonen und ein einziger abgeschlossener Unterrichtsraum. Das Haus ist durchzogen von dieser offenen Atmosphäre, die Kommunikation erleichtert und zugleich ein entspanntes Lernklima schafft.
Akademische Lehre im Fluss
Zwei ganz unterschiedliche Universitätsarchitekturen auf verschiedenen Kontinenten – und trotz ihrer Einzigartigkeit haben sie einiges gemeinsam: Die Rede ist vom Rolex Learning Center in Lausanne, Schweiz, und dem Universitätscampus in Ho Chi Minh City, Vietnam. Beide Architekturen greifen das Thema Wasser auf, beide arbeiten mit wellenförmigen Designelementen und organischen Formen, beide haben sich mit einer gewissen Exzentrik den Möglichkeiten der Begegnung und Interaktion verschrieben.
Beim Rolex Learning Center handelt es sich um eine zusammenhängende Struktur mit einer Grundfläche von 88.000m². Sofort fällt der wellenförmige, parallele Verlauf von Dach und Boden auf, der das Gebäude unerwartet leicht aussehen lässt. Kaum sichtbare Stützen halten das Bauwerk stellenweise über dem Boden. Unter den entstehenden "Brücken" gelangt man von verschiedenen Seiten in einen weiten, offenen Raum und zum Haupteingang.
Die Wellenform schafft im Inneren eine hügelige Landschaft ohne Abtrennungen zwischen den einzelnen Bereichen. Zahlreiche Begegnungszonen ermöglichen Interaktion. Für konzentriertes Lernen stehen eigene Bereiche zur Verfügung, für Meetings von kleinen Gruppen verglaste "Bubbles". Ob vertikal oder horizontal: Kurven und Biegungen bestimmen die Struktur. Dazu tragen auch die gerundeten Innenhöfe bei, die – mit Glas überdacht – visuelle Öffnungen nach außen bilden. Das vom japanischen Architekturbüro SANAA geschaffene Gebäude spiegelt die Philosophie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne wider: Es bildet die fächerübergreifende Zusammenarbeit ab und fördert diese durch ihre Struktur.
Nachhaltiges Design in Vietnam
Schauplatzwechsel: Ho Chi Minh City, Vietnam. Mitten im Mekongdelta entsteht in den nächsten Jahren ein Universitätscampus im Einklang mit der Natur. Mit ihrem Entwurf haben die Architekten Kazuhiro Kojima, Daisuke Samuki und Trong Nghia Vo die Jury des Global Holcim Awards 2009 für nachhaltige Architektur überzeugt und den Preis in Silber erlangt. Die Gebäude stehen in perfekter Harmonie mit der natürlichen Umgebung – sowohl optisch als auch technisch gesehen. Die sanft gebogenen Ovale passen sich in den Mangrovenwald ein, der Campus nimmt wenig Landfläche in Anspruch. Wind und Wasserströmungen sind in die Gestaltung mit einberechnet, die natürliche Belüftung und Beschattung ersetzt Klimaanlagen weitgehend. Zur optimalen Ventilation wurden Anregungen aus der traditionellen lokalen Bauweise genommen: Bambusgeflecht und Mangrovenholz bilden die Fassade der Gebäude.
Die ineinander geflochtenen Gebäudeovale erzeugen mit ihren Überschneidungen eine Vielzahl großer Hallen und kleiner Räume. Begegnungs- und Interaktionsmöglichkeiten mit hoher Diversität werden hier geschaffen. Das fließende Design erzeugt ein ebenso modernes wie naturnahes Ambiente.
Eine Uni – sechs Gebäude
Zurück nach Europa: in Wien entsteht derzeit der neue Campus der Wirtschaftsuniversität. Der Masterplan vom österreichische Architektenkollektiv BUSarchitektur schafft den Rahmen für Infrastruktur, Freiflächengestaltung und die einzelnen Gebäudekomplexe. Auf 90.000m² entsteht eine architektonische Vielfalt mit rund 102.000m² Nutzfläche. Dabei ist der Freiraum als "Walk Along Park" gedacht, der die unterschiedlichen Plätze miteinander verbindet. Die sechs Gebäudekomplexe stammen von unterschiedlichen Architekten, sind jedoch in ihrer Ausrichtung aufeinander abgestimmt. In den Freianlagen sowie den Erdgeschoßzonen treffen öffentliches Leben, Studium und Forschung aufeinander. Gastronomische Highlights locken auch zufällige Besucher auf das Gelände.
Unter den Ausführenden sind das japanischen Architekturbüro Hitoshi Abe, die spanischen Büros Carme Pinós und NO.MAD Arquitectos sowie Sir Peter Cook mit seinem Londoner CRABstudio. Futuristisch mutet das Library & Learning Center vom deutschen Büro von Zaha Hadid an, symbolisches und geografisches Herzstück des neuen Campus. Hier finden Studenten Zugang zu Forschungsbibliotheken ebenso wie zu Service-Angeboten. Arbeitsplatz und Lounge, Kommunikationsraum und Verkehrsknotenpunkt – all das hat im LLC Platz. In den Departmentgebäuden herrschen kommunikationsfördernde Strukturen vor, während das lichtdurchflutete Hörsaalzentrum mit flexiblen Hörsälen und Selbststudienzonen eine abwechslungsreiche Umgebung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit bildet. Und Lernraum auf diese Weise zu Lebensraum wird...
Recreation mit Funktion
Apropos Lebensraum: Außenanlagen und Recreation-Bereiche nehmen im Rahmen zeitgemäßer "Lernarchitektur" einen besonderen Stellenwert ein. Offene Raumsituationen schaffen gerade hier die perfekte Basis für Begegnungsqualität, Entspannung und Kreativität. An der Grazer Fachhochschule der Wirtschaft, dem Campus 02, wird im Rahmen einer Projektarbeit von Studierenden seit einigen Monaten eine Bene PARCS-Installation getestet. Die Frage, die interessiert: "Kann Einrichtung und Raumgestaltung Kommunikation fördern?".
Der "Balkon" vor den Hörsälen ist am Campus eine beliebte und intensiv genützte Zone für Gruppenarbeiten, Verabredungen und Pausenaufenthalte. Außerdem bietet er bei Veranstaltungen den idealen Ausblick für das Geschehen im tiefer gelegenen Foyer. Die flexiblen und anpassungsfähigen PARCS-Möbelmodule stehen hier unter eingehender wissenschaftlicher Beobachtung und Analyse. Ergebnisse gibt es demnächst.
Veranstaltungstipp
Im Architekturzentrum Wien läuft noch bis 30. Mai 2011 die Ausstellung "Fliegende Klassenzimmer. Wir machen Schule". Die Wechselbeziehung zwischen architektonischem Raum und Lehren und Lernen ist ihr Thema, das es zu erkunden lohnt.
Ronnie Sambor
Brigitte Schedl-Richter







