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Lebensräume: Museen - Guggenheim, Bilbao
4. Feb. 2011

Lebensräume: Museen

Sie sind Hülle und Behältnis, haben Inhalt und Funktion, sind Manifestationen von Ideen und Intentionen. Räume stehen - als inszenierte Orte mit physischer Präsenz - vor allem in permanenter Wechselwirkung mit ihren Nutzern. Denn: Für einen bestimmten Zweck geschaffen, beeinflussen sie - vice versa - die Wahrnehmung ihrer User selbst und erzeugen damit neue Realitäten.

In unserer aktuellen Office.Info Serie suchen wir nach Räumen mit besonderer Identität und fragen nach dem Wie ihrer Gestaltungs- und Wirkungsweisen. Zum Auftakt: Museen, kulturelle Zeremonienstätten zwischen archivarischem Gewissen und Erlebnisfetischismus.

Es heißt nicht umsonst: Räume haben Charakter. Ganz gleich ob wir darin arbeiten, lernen, lehren, kommunizieren, uns unterhalten oder entspannen möchten – der dafür "erschaffene" Raum nimmt auf die Besonderheiten von Nutzern und Tätigkeiten in der Regel eindeutig Bezug. Ob er allerdings "funktioniert", ist eine andere Frage und hängt ganz davon ab, ob er uns auch emotional erreicht. Wirkung ist letztlich doch mehr als die Quadratwurzel aus Raumhöhe + Wandfarbe + Stellfläche.


Mit den Augen des Betrachters


Natürlich besitzen Museen besondere Komplexität. Denn hier ist meist schon die Architektur der Star und werden Versprechen an den Besucher gemacht, die die Erwartungshaltung bereits vor dem erstmaligen Eintreten nachhaltig prägen. Die Museumsbauten der Gegenwart präsentieren sich wahrlich spektakulär wie selten in den Jahrhunderten zuvor und reklamieren selbstbewusst öffentliche Wertschätzung und Diskussion. Ob Yoshio Taniguchis MoMA in New York, Shigeru Bans und Jean de Gastines Musée des Confluences in Lyon, Jean Nouvels Louvre in Abu Dhabi oder Ortner & Ortners Museumsquartier in Wien – das Museum ist Kunstwerk und architektonisches Prestigeobjekt. Aber wie verhält es sich seinen "residents" gegenüber, der Kunst, den Besuchern, oder überhaupt als Arbeitsstätte? Erfüllt es neue Anforderungen oder stehen traditionelle Aufgaben im Vordergrund? Fest steht: Das Museum ist seit jeher ein Ort mit ganz besonderer Atmosphäre und großen Herausforderungen.


Kontemplation oder Erlebnis?


Ruhig und in sich ruhend liegt der Raum im gelben Licht, das – von den Jalousien gebrochen – gedämpft durch die hohen Fenster fließt und sich behutsam auf den Parkettboden und die gepolsterten Bänke legt. An den fliederfarbenen Wänden die Gemälde. Rundum angenehme Stille. Wie aus der Ferne klingen hin und wieder einzelne Schritte. Ron liebt die Vormittagsstunden, in denen erst wenige Besucher den Weg ins Museum finden. Die Zeit scheint hier einen anderen Rhythmus anzuschlagen und auf die Geschäftigkeit draußen zu vergessen, als wäre sie darauf bedacht, Raum zu lassen für Gedanken, die sich erst allmählich entfalten.


Projekte mit Sendungsauftrag


Seinen Ursprung hat der Begriff Museum im Altgriechischen. Den Musen wurden als Schutzgöttinnen von Kunst, Kultur und Wissenschaft an bestimmten Stätten gehuldigt. Als erstes Museum nach unserem Verständnis gilt das Kapitolinische Museum in Rom, das 1471 von Papst Sixtus IV gegründet wurde, knapp bevor 1506 das Vatikanische Museum seine Skulpturensammlung einem Publikum der oberen Schichten zugänglich machte.
Doch schon ab dem 18. Jahrhundert gehören Museen zu den wichtigsten Projekten namhafter Architekten. Das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum in Wien beispielsweise, 1871-1891 nach Entwürfen von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer im Stil der italienischen Renaissance erbaut, sind prachtvolle Monumentalbauten. Der Besucher heute ist noch immer beeindruckt von den prächtigen Eingangshallen, Stiegenhäusern und Kuppeln, die nicht nur eine Atmosphäre von Größe und Erhabenheit ausstrahlen, sondern zu ihrer Zeit auch politisches Statement und erzieherischen Auftrag symbolisierten.
Die historische Baukunst prägt das Erscheinungsbild musealer Objekte noch bis weit ins 20. Jahrhundert. Dann aber hielt eine neue Experimentierfreude Einzug in die Museumsarchitektur. Und Stararchitekten wie Hans Hollein, Daniel Libeskind, Frank O. Gehry, Zaha Hadid, Mario Botta, Tadao Ando, Jean Nouvel oder Renzo Piano schafften bzw. schaffen neuartige, aufsehenerregende Kultorte, die als Imageträger für ganze Städte fungieren. Mitunter werden diese Kultorte geplant und errichtet, sogar noch bevor die inhaltliche Gestaltung feststeht. Ein Beispiel dafür ist zweifellos das von Daniel Libeskind entworfene Jüdische Museum Berlin. In den ersten beiden Jahren nach seiner Eröffnung im Jahr 1999 strömten bereits 350.000 Besucher hinein – und das obwohl der Bau noch leer stand. Konnte man sich doch von Beginn an der Faszination der großteils asymmetrisch angelegten Räume nicht entziehen, deren kompromisslose Optik nur aus Flächen und Flächenunterbrechungen entsteht.


Dies ist kein Museum


Als erster moderner Museumsbau, der das Selbstverständnis heutiger Museumsarchitektur weitreichend geprägt hat, gilt das von Frank Lloyd Wright in den 1940er Jahren entworfene und 1959 eröffnete Solomon R. Guggenheim Museum in New York. Die Auftraggeberin, Hilla von Rebay, schrieb an Wright: "Ich möchte einen Tempel des Geistes, ein Monument." Und das wurde es auch.
Das Gebäude wächst in einer nach oben sich öffnenden Spirale in die Höhe. Der Besucher gelangt mit einem Aufzug bis unter die gläserne Kuppel. Von dort aus wandert man die spiralförmige Rampe hinunter, an den Wänden sind die ausgestellten Kunstwerke gleichsam Weggefährten. Das Bauwerk beschränkt aber nicht nur darauf. Denn der Rundbau ist nach innen offen, was einerseits eine angenehm großzügige Atmosphäre schafft und andererseits Blicke in andere Etagen zulässt, sodass geistige Verbindungslinien quer durch den Raum (und durch die präsentierten Zeiten) gezogen werden können. Außerdem sind die Galerien in unterschiedliche Sektionen unterteilt, die vom Spiralgang aus betreten werden können, bevor man diesen weiter verfolgt. Diese Raumaufteilung ist Zitrusfrüchten mit ihren Membranen nachempfunden, wie überhaupt vieles in dem Gebäude Anleihen an der Natur und organischen Formen nimmt und damit nicht nur räumlich, sondern auch thematisch in einem Naheverhältnis zum umgebenden Central Park steht.
Das Bauwerk erntete neben Jubel auch heftige Kritik, vor allem von Künstlern und Kunstkritikern, die meinten, dass es als Museum vollkommen ungeeignet wäre, da die ausgestellte Kunst dominiert und in den Schatten gestellt würde. Wright hingegen sah in seinem Konzept eine wundervolle Symphonie aus Baukunst und bildender Kunst, wie sie in dieser Form in der Welt der Kunst noch nicht existierte.


Sinnreich und multifunktional


Dramatisch verändert haben sich neben dem architektonischen Anspruch auf hohe Individualität auch Präsentationsmethoden und Betätigungsfelder von Museen. Die eigentlichen Ausstellungsflächen haben in den letzten Jahrzehnten lebendigen Zuwachs erhalten. Moderne Museen verfügen nicht nur über großzügige Entrées, sondern auch Cafés, Museumsshops, Rekreationsbereiche, Bibliotheken, Familienzonen und natürlich wenn möglich Außenanlagen. Dazu kommen Theater, Restaurants, Vortrags-, Veranstaltungs- und Konferenzräume. In der erst kürzlich (wieder-) eröffnete Art Gallery of Alberta in Edmonton, Kanada, hat Architekt Randall Stout etwa eine "New Vision" geschaffen, die sowohl erweiterte Räumlichkeiten bietet als auch durch eine sensible Architektur überzeugt: eine große Glasfassade, geschwungene Formen, die Schleifen ähneln, eine Terrasse mit Skulpturen, eine im Raum "schwebende" Lounge. Der Besuch ist gewiss ein Erlebnis, das Museum ein lebendiger Ort, der Besucher anzieht und an dem man sich gerne aufhält. Die ausgestellte Kunst kommt auch nicht zu kurz: Die Ausstellungsfläche wurde gegenüber dem früheren Gebäude fast verdoppelt.
Damit zeichnet sich schon ab, was heute einer der auffälligsten Trends ist. Abwechslung, Interaktion, Flexibilität, unterstützt von medialer Vielfalt und hohen technischen Standards machen den musealen Raum zu einer kreativen Bühne, auf der unterschiedlichste Begegnungen stattfinden. Hand in Hand gehen damit performative und simulierte Raumkonzepte, die das sinnliche und emotionale Erlebnis in den Mittelpunkt stellen. Gerne mit einem interdisziplinären Ergebnis.


Kulturtainment...


Wo ein Museum funktioniert, können auch viele funktionieren. Getoppt wird die Idee modernen "Kulturtainments" wie so oft auf der arabischen Halbinsel. Auf Saadiyat Island in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate, entsteht derzeit ein ganzer Kulturbezirk inklusive gigantischer Kunst-Städten mit Namen von Weltrang: Das Louvre Abu Dhabi, entworfen von Jean Nouvel, zeigt sich als clusterartige Ansammlung von Gebäuden unter einem halbdurchsichtigen Dach. Weiters ist das gewaltige Guggenheim Abu Dhabi im Entstehen (lesen Sie dazu unser Interview mit Verena Formanek, Senior Project Manager), entworfen – wie schon in Bilbao - von Frank O. Gehry, eine Konstruktion aus gestauchten und ineinander geschobenen Quadern, Prismen und Kegeln. Beide Museen werden spektakuläre Architekturjuwele, die Anleihen aus der traditionellen regionalen Architektur aufnehmen und modern interpretieren
Das ebenfalls auf Saadiyat entstehende Zayed National Museum der Architekten Foster + Partners wurde von der Falknerei inspiriert, einem mächtigen Symbol in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die fünf Türme werden in Form von Flügeln schräg aus der Erde ragen. Als viertes Museum entwarf Tadao Ando, bekannt für seine klösterlich-karge Architektursprache aus Sichtbeton, das Maritime Museum, mit Anleihen an die Daus, die traditionellen Segelschiffe arabischer Kaufleute. Weitere aufsehenerregende Bauten u.a. von Zaha Hadid und Hani Rashid sind geplant.


... versus Rückzug


Natürlich hat auch das Gegenargument Überzeugungskraft. So ist man vor allem in Italien der Auffassung, dass Kunst möglichst nicht von ihrem gewachsenen Kontext getrennt werden sollte, sondern in der ursprünglichen architektonischen Umgebung verbleibt. Hier präferiert man eine grundlegende Verbindung zwischen Sammlung, historischem Raum und Museumsarchitektur. Letztere hat sich damit als eher funktionale Rahmenbedingung zurückzunehmen und möglichst neutral zu sein. Klassisches Beispiel hierfür ist das von Carlo Scarpa gestaltete Museo Castelvecchio in Verona. Ebenfalls eine möglichst genuine Umgebung versucht das spanische Museum für Römische Kunst in Mérida zu erzeugen. Die Exponate werden in einem mit Ziegeln verkleideten Betonbau von Rafael Moneo gezeigt. Er nimmt verschiedene Elemente der römischen Architektur auf und übersetzt sie in eine zeitgemäße Architektursprache, sodass Museum und Sammlung eine unverwechselbare Einheit bilden, die vom Besucher als Gesamtkunstwerk erlebt wird.
Museumsraum ist – so zeigt der Streifzug – somit vielfältig interpretierbar und unendlich gestaltbar. Gleich ob stille Betrachtung oder interaktives Erfahren, ob dokumentieren und lernen oder experimentelle Laborsituation, narrative Schau oder Performance, das räumliche Erlebnis ist letztlich der emotionale Auslöser, der alle Intentionen auf den Punkt bringt und das Konzept aufgehen lässt. - Oder auch nicht. Spannend!

Ronnie Sambor / Brigitte Schedl-Richter







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