Lebensräume: Zwischen-Räume
In unserer Office.Info Serie suchen wir Räume mit besonderer Identität auf und fragen nach dem Wie ihrer Gestaltungs- und Wirkungsweisen. In unserem letzten Beitrag zum Thema widmen wir uns jenen Räumen, die eigentlich keine sind – und denen wir dennoch nicht aus dem Weg gehen können, Tag für Tag.Es heißt nicht umsonst: Räume haben Charakter. Ganz gleich ob wir darin arbeiten, lernen, lehren, kommunizieren, uns unterhalten oder entspannen möchten – der dafür "erschaffene" Raum nimmt auf die Besonderheiten von Nutzern und Tätigkeiten in der Regel eindeutig Bezug. Ob er allerdings "funktioniert", ist eine andere Frage und hängt ganz davon ab, ob er uns auch emotional erreicht. Wirkung ist letztlich doch mehr als die Quadratwurzel aus Raumhöhe + Wandfarbe + Stellfläche.
Schauplatz 1: Er ist einer der Drehscheiben Europas. Rund 155 Fluglinien nützen seine strategische Position, im Jahr 2010 bewältigten die drei aktuellen Terminals des Frankfurter Flughafens über 53 Millionen Passagiere. Ein Aufkommen, das sich in den letzten zwanzig Jahren nahezu verdoppelt hat. Flugreisende warten hier, kommen an, reisen weiter – ein perfektes Synonym für unsere globalisierte Gesellschaft, in welcher der Mobilität des einzelnen keine Grenzen mehr gesetzt sind. – Außer jene der eigenen Mittel an Zeit und Geld.
Schauplatz 2: Auf den 350.000 km² Verkaufsfläche findet sich alles, was Rang und Namen hat. Gut dreißig Millionen Besucher jährlich wandeln hier und shoppen in 1.200 Geschäften, besuchen 120 Gastronomiebetriebe und diverse Attraktionen bis hin zur Kunsteisbahn. Die Dubai Mall im neuen Stadtteil Downtown Dubai, sie gilt derzeit als die größte Mall der Welt, mag ganz sicher nicht der Regelfall sein. Doch Fakt ist, weltweit boomt seit den 1980er und 90er Jahren das Konzept der Shoppingcenters. Angebotskonzentration am besten mit Zusatznutzen lockt auf der ganzen Welt tausende Kaufwillige in die geballten Einkaufsmeilen.
Schauplatz 3: Von Chicago bis Moskau, von London bis Wien: U-Bahnen, Subways, Metros übernehmen einen Großteil des Individualverkehrs moderner Städte. Unfassbare drei Milliarden sind es in Tokio, die sich jährlich über die Bahnsteige ergießen, über zwei Milliarden in Moskau, eine Milliarde in London. Hunderte Kilometer Tunnelsystem leiten die Fahrgäste in allen großen Städten unterirdisch von A nach B. Auf den Straßen darüber könnte dieses Verkehrsaufkommen nicht mehr bewältigt werden.
Ausnahmezustand
Frage: Was haben Flughäfen, Einkaufscenter, U-Bahnen, Bahnhöfe, Parkhäuser gemeinsam? Sie sind Orte im "Ausnahmezustand". Oder besser: Orte mit meist austauschbarer Identität, auch wenn ihre architektonische Hülle mitunter durchaus repräsentativ sein mag, fokussiert auf Funktion und Nutzen. Hier wird gewartet, abgereist, durchschritten, passiert, geparkt. Sie sind die Orte, die man in erster Linie betritt, um sie wieder zu verlassen oder anderswo hinzugelangen.
Wahrscheinlich sehen sie deshalb in gewisser Weise alle ähnlich aus. Gates und U-Bahnsteige, Shoppingetagen und Rolltreppenaufgänge, Wartehallen und Garagen - manchmal muss man sich richtig konzentrieren, und scharf nachdenken, in welchem Teil der Welt man sich gerade befindet. (Ok, ok! – Ein bisschen Übertreibung darf schon sein.)
Es sind außerdem Orte, an denen man eine neue, temporäre Rolle übernimmt, die für den Moment das eigentliche Ich nach hinten drängt – hier ist man zuerst einmal Autofahrer, Einkäufer, Parker, Fluggast. Der emotionale Zustand, in dem man sich befindet, hat mit dem Ort, an dem man sich befindet, wenig zu tun (ausgenommen, der angepeilte Parkplatz wird gerade von einem unverschämten Verkehrsteilnehmer okkupiert – doch das ist eine andere Geschichte....).
Interaktion – sagen wir mal – findet statt. Das "Entschuldigen Sie, lassen Sie mich bitte durch" ist eindeutig vernachlässigbar. Ist die technische Funktion dieses Ortes nicht mehr gegeben, hat auch der Ort seine Berechtigung verspielt. Schwer vorzustellen, was uns in eine Garage locken könnte, wären dort keine Parkplätze mehr. Da müsste sich schon Grundlegendes an diesem Schauplatz verändern. – Wie es übrigens manchmal die Kunst- und Eventszene schafft. Ein perfektes Beispiel ist der Wiener Szene-Club "Passage". Nomen est omen: Die Betreiber bauten im Jahr 2003 eine ehemalige Straßenbahnunterführung in der City zu einer der angesagtesten Locations der Stadt um. Ausgestattet mit allen technischen Raffinessen und einem futuristischen Interieur, hat sich hier ein reges Partyleben entfaltet. Und ein Raum, der seinen festen Platz in der Stadtlandschaft gefunden hat...
Zwitterwesen
Natürlich sind die Übergänge fließend. Natürlich können beispielsweise auch Bahnhöfe Orte mit Identität und Geschichte sein. Wie etwa im Falle des Leipziger Hauptbahnhofs. Hier fand zu DDR-Zeiten deutschdeutsche Geschichte statt, begann doch an diesem Ort zum einen der Leidensweg der politisch Abgeschobenen – und gleichzeitig das neue Leben jener Glücklichen, die eine Ausreiseerlaubnis in den Westen erhalten hatten. "Auf dem Gleis 1a trafen sich Freunde und Verwandte, um sich für immer zu verabschieden, während vor dem Bahnhof die berühmten Montagsdemonstrationen entlang zogen, die mithalfen, das System der DDR zum Einsturz zu bringen" (Bahnhöfe Europas erzählen Geschichten: www.lichtfilm.de).
Nicht-Orte
Der Ethnologe Marc Augé erhebt die "Nicht-Orte" sogar zum "Maß unserer Zeit" und unterwirft diesem Terminus noch viel mehr. Für ihn müssen Orte identisch, relational und historisch sein, um aus anthropologischer Sicht Geltung zu haben: In ihnen müssen soziale Beziehungen existieren, sie müssen zur Identität einer Gemeinschaft beitragen und in dieser gewachsen sein. Der räumlich architektonische Aspekt gibt nur die Hülle für das, was an gesellschaftlicher Entwicklung stattfindet. Aus diesem Grund zählen für Augé auch Krankenhäuser, Feriendörfer oder Hotelketten zu den Nicht-Orten, sind sie doch für die Zeitreise des Menschen temporär, provisorisch, nicht identitätsstiftend und nur peripher von Bedeutung.
Leben in den Zwischen-Räumen
Dennoch scheint das Phänomen komplex und vor allem: hoch aktuell. Ob nun Ort oder Nicht-Ort, ob temporär oder anthropologisch relevant, ist nicht zu übersehen, wie viel Zeit wir in diesen "Zwischen-Räumen" verbringen. Sei es in Bewegung oder zur Organisation unseres Alltags, mobil auf den unterschiedlichen Verkehrswegen oder wartend auf das nächste Ereignis. So ist es insbesondere dieser Zeitfaktor in Kombination mit modernen Kommunikationstechnologien, die eine völlig neue Dimension einbringen: Am Flughafen wartend kann man gut auch berufliche Dinge vorantreiben. Während zahlreiche mobile Applikationen wie Location-based Services und Augmented-Reality Features klassische Nicht-Orte möglicherweise schon morgen zu echten Orten machen.
Brigitte Schedl-Richter




