Bene Büromöbel
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20. Sep. 2010

Mahlzeit!

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht: „Der Mittagstisch nimmt in der Routine des Büroalltags eine buchstäblich zentrale Stellung ein.“? Natürlich haben Sie. Jeden Tag. Und das nicht nur, weil der „Mittagstisch“ sich so ziemlich in der Mitte des Tages befindet (wie hellsichtig), sondern weil er doch – so bestätigt der tägliche Selbstversuch – tatsächlich bei Motivation & Produktivität, Konzentration & Aktivität, Wohlbefinden & Stimmungslagen zumindest eines ganzen Halbtages ordentlich mitmischt.

Was nehmen wir denn heute? Wieder einmal das todgekühlte Tomaten-Mozzarella-Sandwich mit Alibi-Salatblatt vom Billig-Laden um die Ecke oder fettgetränkte Kohlenhydrate vom Italiener, dessen Koch noch nie in Italien war? Oder wie wär’s mit einer der zahllosen Asia-Kitchen, die – online bestellt und unterschiedlich wieselflink – die Andeutungen Indiens, Chinas oder Japans auf die heimischen Büromittagstische liefern; Mangolassi ab drei Gerichten gratis?
Die Auswahl wird Tag für Tag größer, die Wahl nicht immer einfacher. Nichts desto trotz sind sich alle Beteiligten, beginnend bei den echten bis zu den Möchtegern-Gastronomen oder gar sozial engagierten Chefs, einig: Mitarbeiter gehören gut genährt. Auch ohne aufwendige Feldversuche kann man davon ausgehen – diese Tatsache erhöht die Produktivität und reduziert die Krankenstände.

Was allerdings unter "gut" zu verstehen ist, wird zugegeben sehr unterschiedlich interpretiert. Die in den letzten Jahren Pilz-ähnlich aus den heimlichsten Straßenecken wuchernden Mittags-Fast-Food-Lieferanten sehen ihre Rolle mitunter anders als hygiene- und betriebswirtschaftlich getriebene Großküchen. Und völlig anders – wagen wir hier einmal zu behaupten – sehen es die Betroffenen selbst. Denn was essen denn jene, die mehr Kopf- als Muskelarbeit, mehr Computer- als Laufarbeit, mehr Wissens- als Fertigungsarbeit leisten, am liebsten?


Es rührt sich Leichtes, Frisches, Bekömmliches…


Immerhin scheinen in den urbanen Ballungszentren kleine, feine, einfallsreiche Geschmacksproduzenten durchaus ihr wachsendes und vor allem junges Publikum zu finden. Oder vielleicht ist es sogar umgekehrt: die Office-Worker finden sie. Von Suppen-Bars über Salatkünstler, Fusion-Köchen bis Bio-Theken, es dampft und köchelt wieder vielversprechend am heimischen Büro-Mittagstisch.

"Das Interessante ist ja", schwärmt Gastronom Michael Vesely gemütlich beim Espresso in seiner zeitgemäßen Version eines Wiener Beisls mitten im so genannten Textilviertel des 1. Bezirks, "dass der Mittagstisch ja auch noch einen wichtigen Zusatzaspekt hat und nicht nur Nahrungsaufnahme ist. Mittag ist Zäsur, Auszeit, Abschalten, kommunikative Pause, vielleicht sogar kreatives Sammeln. Da will man aus der Routine für eine halbe Stunde raus, will vielleicht Dampf ablassen, oder andere Leute sehen. Sich Inputs oder einfach nur Ablenkung holen."

Der klassische Quereinsteiger weiß, wovon er spricht. In den letzten Jahren als Geschäftsführer in der internationalen IT-Branche bzw. heute "projektweise nebenbei" als gefragter Kommunikationsexperte mit Schwerpunkt Web und Social Media unterwegs, hat er sich gemeinsam mit seiner Frau Adelheid Reisinger – ebenfalls Quereinsteigerin und Drehbuchautorin – einen Lebenswunsch erfüllt. Heute empfiehlt er auch gerne Wiener Schnitzerl vom oberösterreichischen Kalb wortreich spanischen Gästen, die sich ab und an auf den Salzgries in sein kleines, feines gastronomisches Reich verirren. Sein Stammpublikum aber sind – gerade zur Mittagszeit – die umliegenden Wirtschaftstreibenden, Agenturen, Ateliers, Verlage. Besondere Fans der kulinarischen Mittagspause erhalten den täglichen Menüplan mitunter sogar gefaxt, sodass man am Weg hinaus bei der eigenen Rezeption schon sieht, was einen erwartet. "Als Wirt hat man ja durchaus auch eine bestimmte Verantwortung. Nicht nur, dass die Art der Küche klug gewählt sein muss, so dass die Gäste nachmittags nicht in schläfrige Tristesse abgleiten. Wer zu Mittag das Büro verlässt, will einen schmackhaften Kurzurlaub, will ein kleines Erlebnis. Und das müssen wir ihm in einer knappen halben Stunde ermöglichen."

Wenn man auf kleineren Tischen dann auch noch angeregt zusammensitzt, ergeben sich mitunter neue, spannende Kontakte. Berührungsängste hat die Generation der Knowledge-Worker ohnehin eher wenig. Und wer doch lieber alleine abdriften möchte, schafft das sicher auch. Hauptsache Tapetenwechsel und raus aus der eigenen Bürokultur, die ja nach wie vor häufig klassischen Mustern verhaftet ist und – seien wir ehrlich – nur selten echten Spirit versprüht.


Welches Menü zwitschert heute?


Wichtig ist bei der ganzen Sache allerdings auch, dass man sein Plätzchen rechtzeitig ergattert. Aus diesem Grund tut Reservieren beim bevorzugten Mittagswirt meist gut. Nichts schlimmer, als die Enttäuschung des Abgewiesenwerdens. Vesely hat da sein eigenes Konzept. Und er käme nicht aus der IT-Branche, würde er nicht alle Möglichkeiten nützen. So verkehrt er mit seinen Gästen nicht nur real, sondern im Vorfeld meist virtuell über twitter, Facebook Fanpage, website, Newsletter und anderes.

Übrigens, wissen Sie was ein kluger Mensch zum Stellenwert menschlicher Ernährung meinte? "Ein Mensch ist in erster Linie ein Sack zum Essenreinstopfen", schrieb George Orwell in seinem Buch "The Road to Wigan Pier". Und weiter: "Ich glaube, man könnte überzeugend darstellen, dass Veränderungen in der Ernährung wichtiger sind als Dynastie- oder sogar Religionswechsel!". .......Was steht doch heute gleich am Speiseplan?


Brigitte Schedl-Richter







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