NEOCON 2010
Wie jedes Jahr im Juni war der Merchandise Mart in Chicago Austragungsort einer der weltweit größten Messen der Büromöbelbranche. Und jedenfalls einer der wichtigsten, präsentiert sich doch in Chicago die starke amerikanische Industrie Händlern, Kunden und Architekten – sozusagen auf ihrer Heimmesse.Besser besucht und belebter als im Krisenjahr 2009 präsentierte sich die Neocon 2010. Wenn auch die Besucherzahlen nicht annähernd an die besten Jahre heranreichen, so war immerhin die Qualität der Gespräche deutlich besser als zuletzt, und auch die Schlangen vor den Aufzügen im Merchandise Mart und vor den Taxis sind wieder länger geworden: vielleicht mehr als ein erster Konjunkturindikator.
Die Neocon gilt generell als Branchen-Barometer. Das Geschäft läuft immer noch langsam, insofern konnte man sich von der Messe kein Feuerwerk an Innovationen erwarten, bei genauerem Hinsehen aber durchaus einige Neuigkeiten entdecken. Sie bewegt sich also doch, die Büroeinrichtungsbranche. Vielleicht aufgrund der zurückgekehrten Hoffnung auf bessere Zeiten und / oder doch aufgrund der Veränderungen in der Arbeitswelt, auf die es Antworten zu finden gilt.
Education!
Einige der amerikanischen Hersteller versuchen sich zunehmend in neuen Geschäftsfeldern, wie etwa in der Ausstattung von Spitälern, Arztpraxen oder anderen Healthcare-Unternehmen. Das kennt man bereits aus den letzten Jahren. Neu diesmal die deutliche Positionierung im Segment Education: Dies lässt sich auf internationale Konjunkturpakete der öffentlichen Hand zurückführen – Investitionen in Bildung sind zweifelsohne politisch en vogue –, aber auch auf die steigende Bedeutung von Training und Weiterbildung in den Unternehmen.
Ein Produkt, das in diesem Zusammenhang auffiel: der Node Chair von Steelcase. Als Hybrid zwischen Tisch und Stuhl ein wahrer Allrounder für den schnellen Wechsel zwischen Vorlesung und Team-Arbeit.
Andere Beispiele waren Multi-Generation von Knoll oder Seek von Allsteel.
Das schwierige konjunkturelle Umfeld der letzten beiden Jahre wirkt sich auch auf die Produktentwicklung aus. Der aus der Marktsituation resultierende Verdrängungswettbewerb hat zum Beispiel zur Folge, dass nahezu alle großen Anbieter mit neuen Drehstühlen im günstigeren Preissegment antreten. Professionelle Produkte, die einzeln betrachtet nicht weiter erwähnenswert sind. Der Fairness halber sei erwähnt, dass nach den interessanten Neuentwicklungen der letzten beiden Jahre – vor allem von Herman Miller, Humanscale und Wilkhahn, mit neuen Bewegungs- und Mechanikkonzepten – weniger zu erwarten war.
Technologisch auffällig einzig "Luce" von Okamura. Die Mechanik entstammt dem Funktionsprinzip von Roboterbeinen. Auch im Design ist Luce eine positive Erscheinung.
Still und leise hat der Drehstuhl B_Run von Bene (Design: Justus Kolberg) den Weg nach Nordamerika gefunden und wird vom kanadischen Sitzmöbelspezialisten Keilhauer in Lizenz vertrieben.
Relaxed Conferencing – "Group Task" Seating
Sukzessive haben die Anbieter eine neue Produktkategorie bei Stühlen geschaffen: eine Art Mischung zwischen einfachem Task Chair für den persönlichen Arbeitsplatz und einem Konferenzstuhl mit durchaus neuer Funktionalität. Denn diese Stühle bringen Ergonomie, Komfort und vor allem Dynamik in den bisweilen eher statisch möblierten Konferenz- und Besprechungsraum – bzw. gelten sie als einfach zu bedienende und einzustellende Arbeitsstühle ohne komplizierte Detailfunktionen.
Als beispielhafte Produkte zu sehen waren: Level von Haworth; der aus der Feder von Pearson Lloyd stammende Cobi Chair von Steelcase; oder der Diffrient World Chair von Humanscale, der zuletzt in Deutschland mit dem Best of the Best Red Dot Award ausgezeichnet wurde.
Collaboration
Langsam aber stetig stellen sich neue Lösungsansätze für ehemals klassische Konferenzen und Besprechungen ein. Ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein sei erlaubt…: PARCS von Bene kann konzeptionell nach wie vor als Vorreiter bezeichnet werden. Einige interessante Produkte und Lösungen waren aber auf der Neocon durchaus zu finden.
Stärker in Richtung Lounge-Möbel geht Davis mit seiner Site Kollektion: Mit seinen Sitzbänken rund um einen in der Höhe reduzierten Tisch bietet er eine Alternative für die traditionelle Konferenz.
Coalesse, eine Marke von Steelcase, präsentiert mit SW 1 Tischen und Stühlen einen interessanten Zugang für Laptop-unterstützte Zusammenarbeit.
Bei Steelcase und Haworth waren wandorientierte Lösungen für das Bildschirm-orientierte Arbeiten in Kleingruppen zu sehen. In unterschiedlichen Höhen, Formen und Größen.
Seitens der Polstermöbelhersteller überraschte Keilhauer mit der umfangreichen Produktfamilie Cahoots in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Designertrio EOOS. Ein Angebot an Sitzmöbeln und Beistelltischen fürs Warten, Relaxen und Arbeiten – jeweils definiert als Angebot für kleinere Gruppen. Daher kommt übrigens auch der Name. Wenn man sich "in Cahoots" begibt (unter einer Decke steckt), trifft man sich sozusagen für ein persönliches, vertrauliches, manchmal vielleicht auch konspiratives Treffen...
Desking
Gleich vorweg die wichtigste Erkenntnis: Benches sind in den USA angekommen. Die Amerikaner sehen Benches als "europäische Alternative" zu Panel-Systemen. Die Farben, das Kabelmanagement und die verschiedenen Accessoires sind so präsentiert als wären sie Inhalt einer trendigen Messe in London Clerkenwell. Europäische Bench-Lösungen bringen Leichtigkeit, Geradlinigkeit und dienen mehr der Zusammenarbeit in Teams.
Die großen Anbieter bemühen sich merklich um Ausstattungselemente für Abschirmung, persönlichen Stauraum, das Personalisieren des Arbeitsplatzes, Luftreiniger, ergonomische Monitorhalter oder energieeffiziente LED Arbeitsplatzbeleuchtung. Einerseits im Sinne des einzelnen Nutzers, andererseits auch, um dem hohen Preisdruck im Segment der Tische oder eben Benches ein Stück weit zu entfliehen.
Sehr interessant und erwähnenswert FrameOne von Steelcase. Mit seinen Übertisch-Ablagen und -Teilern bringt das Programm versperrbare Boxen, Kabelauslässe, Stauraum für Utensilien oder Taschenablagen direkt an den persönlichen Arbeitsplatz. Stoffe und Farben erhöhen auch den Wohlfühlfaktor der Wissensarbeiter.
Das System Stride von Allsteel war einer der Gold Award Winner auf der Neocon. Das Stauraumelement wird über die Bench geschoben, definiert bzw. trennt damit relativ flexibel Arbeitsplätze voneinander und ergänzt sie funktional. Das System bietet damit die Funktionen eines Containers und kann als Screen mit zusätzlichem Stauraumangebot interpretiert werden.
Antenna Workspace, das neue Bench-Produkt von Knoll International, wirkt aufgrund des minimalistischen Designs, der Farbgebung und einiger interessanter Details auffällig europäisch. Für das Design verantwortlich zeichnet übrigens eine Oberösterreicherin, die seit über zehn Jahren in New York lebt und arbeitet: Sigi Möslinger, mit ihrem japanischen Partner Masamichi Udagawa. Gemeinsam sind sie das Designteam Antenna.
Nachhaltigkeit
In diesem Jahr nicht als Hype wie auf den letzten Neocons, aber dennoch: "Grün", "Öko", "Nachhaltigkeit" sind seit gut zwei bis drei Jahren stark promotete Themen bei den großen amerikanischen Herstellern. Auch wenn Amerika diesbezüglich einige Jahre hinter Europa liegt, alle Aktivitäten werden selbstbewusst vermarktet. Hier könnten wir Europäer uns durchaus etwas abschauen. Und auf ihre Art stellen sich die Amerikaner ja auch in den Dienst der Sache.
Annäherung
Zusammenfassend bleibt die Feststellung, dass die Annäherung des Designs und der Bürokultur zwischen Amerika und Europa unaufhaltsam fortschreitet. Zumindest auf den wichtigsten Messen zeigen sich die amerikanischen Anbieter europäischer. Inwieweit das auch das tatsächliche Leben in den Büros widerspiegelt und wie nachhaltig diese Entwicklung ist, bleibt als Frage für die kommenden Jahre offen.
Übrigens: Selbst in Amerika können sich auch kleine Anbieter mit smarten Ideen in Szene setzen. Wie zum Beispiel Izzy mir einem Mini mit Surfboard, umringt von den traditionellen Monster-Trucks der Branchengrößen. Direkt geparkt vor dem Merchandise Mart Messegelände.
Chicago selbst war auch in diesem Jahr wenig beeindruckt von der einflussreichen Bürowelt-Messe. Immer noch feiert Chicago seine Blackhawks, seine Eishockey-Stars, die 2010 den Stanley Cup in die Metropole von Illinois geholt hatten. Davon blieb auch das Erbe Picassos nicht verschont ….
Juni 2010, Peter Handlgruber









