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Unter der Wolke war auf der Wolke
12. Mai 2010

Unter der Wolke war auf der Wolke

Ganz unter dem Einfluss der isländischen Aschewolke fand heuer vom 14. bis 19. April die Möbelmesse in Mailand statt. Der Luftraum war großteils ab Freitag gesperrt, wer davor noch nicht da war, musste sich anstrengen hinzukommen. Wer nach Freitag wegwollte, musste sich ebenso mühen, um herauszukommen – ein dominierendes Thema. Glücklich diejenigen, die entspannt in Mailand festsaßen und die Zeit nutzen konnten, sich dem bunten Treiben auszuliefern.

Und es gab bei über 2.300 Ausstellern auch wirklich viel zu sehen. Die Messe scheint ständig zu wachsen. Mit Ventura Lambrate startete gleich eine ganz neue Designzone im Osten der Stadt. Lauter, bunter und unübersichtlicher denn je, verlor man sich unweigerlich in den Inszenierungen der Design- und Möbelbranche und im Charme Mailands.


Design im Jahr der Krise


Mögen die Inszenierungen in den Schauräumen der Stadt weniger aufwändig gewesen sein als in den vergangenen Jahren, so setzten doch die meisten Produzenten trotz Krise auf Innovation. Es gab ein ganzes Feuerwerk von neuen Produkten zu bestaunen. Ob man jetzt ökonomisch an eine Konsolidierung glauben darf oder nicht, im Design hat sie sichtlich begonnen. Es wird zwar immer noch gemixt was das Zeug hält, doch zeigen die Entwürfe der führenden Designer eine neue Art der Sorgfalt, Charakterstärke und Ernsthaftigkeit. Wie zum Beispiel die neuen Produkte bei Walter Knoll: Consero von EOOS, oder T-Ray von Hadi Teherani. Aber auch Origami von Carlos Tiscar für Offecct. Bunter und verspielter, aber nicht weniger charakterstark sind die neuen Produkte von Bla Station, wie zum Beispiel Dunder, das neue Modulsofa von Stefan Borselius. Inspirationsquelle ganz klar: übergroße Kissen.


Weichzeichner – und Gelb


Tribut an die Krise oder logische Konsequenz? Die harten Kontraste der letzten Jahre werden weicher. Schwarz-Weiß wird durch Grau-Schattierungen verfeinert, und neben Grau etablieren sich alle Arten von pudrigen Beige- und Schlammtönen. Das zeigt sich auch in den Metalloberflächen: Neben klassischem Silber sieht man auch unterschiedliche Bronze- bis Nude-Schattierungen. Bunte Farben bleiben uns weiter erhalten, doch sind sie etwas gedämpfter oder werden weniger in Kontrast gesetzt als vielmehr in Schattierungen kombiniert – weicher und harmonischer. Darüber hinaus zeigte Bla Station einen Trend mit Dunder sehr deutlich: Gelb setzt starke und vor allem fröhliche Akzente.


Skin to Skin


Selten gab es so viel Leder zu sehen wie heuer. Aber anders, weicher. Das klassische Schwarz oder Weiß, in Kombination mit kühlem Chrom ist in die zweite Reihe verwiesen. Es dominieren samtig weiche Häute in warmen Tönen von Nude über Cognac bis Braun. Allen voran Produkte des Lederexperten Matteograssi mit neuen Modellen von Piero Lissoni. Leder soll und darf wieder wie Leder aussehen. Gebrauchsspuren sind in Zukunft erwünscht, die Möbelstücke sollen zeigen dürfen, dass man mit ihnen lebt.


Plastic Fantastic


Knallige Farben, Transluzenz, Transparenz, Hochglanz und gummiert, alles war zu sehen. Einer der besonders gelungenen Kunststoffprodukte ist sicher der neue Stuhl NAP von Kaspar Salto für Fritz Hansen. Kartell zeigte gleich mehrere neue Stühle von Tokujin Yoshioka, Philippe Starck, Piero Lissoni u.a. Von Bodyguards schwer bewacht, war es fast unmöglich, Schnappschüsse zu erhaschen.
Endlich wieder was Neues von Tecno, dem italienischen Klassiker des Büros: Beta, ein Büromöbelprogramm für kreative Arbeitsbereiche von Pierandrei Associati, ganz und gar in recyclierbarem Kunststoff.


Holzstühle


Dass der Plastic-Hype möglicherweise an der Kippe steht, vor allem bei den Stühlen, mag man daran ablesen, dass sogar bei Arper eine neue Liebe zum Holz entflammt ist, die dazu geführt hat, dass man den Klassiker Catifa nun auch mit Holzbeinen bekommt.
Oder daran, dass selbst Konstantin Grcic einen neuen Stuhl ganz aus Holz entworfen hat: den X-beinigen, grazilen "B-Chair" für Bd Barcelona. Holz war auch schon bei Grcic´ Stuhl Monza für Plank im Spiel, der Materialmix mit Kunststoff erzeugt Spannung. Der Messestand von Plank galt ausschließlich Grcic-Entwürfen, somit nicht verwunderlich, dass die Standgestaltung der Designer gleich selbst übernommen hatte.


Hommage an Klassiker


Klassiker erfahren auf ganz unterschiedliche Arten ein Revival. Modernisiert, aufgepeppt oder ganz neu interpretiert, wie der BD Lounger von Jaime Hayon. Es gehört schon eine Portion Mut dazu, dem Klassiker von Charles und Ray Eames eine zeitgenössische Variante an die Seite zu stellen. Originell die Verbindung der einzelnen Schalen, frisch die Farben und so bequem wie diese Art Lounge-Chair sein muss.
Der LC2 von Le Corbusier, eine der großen Ikonen des Möbeldesigns, wird durch bunt lackierte Stahlgestelle und kontrastierende Lederpolsterungen gehörig aufgepeppt und so vom jahrzehntelangen Dasein in schwarzem Leder und Chrom erlöst.


Hochlehner omnipräsent


Valdemar, eine Neuinterpretation des Ohrensessels, von Martin Kechayas und Christian Nørgaard für Normann Copenhagen, macht das Sitzen zu einem solitären Vergnügen, selbst in einem Raum voll von Menschen. Wing Chair – ebenfalls eine tradierte Form von Ohrensessel aus der Möbelserie PARCS der britischen Designer PearsonLloyd für Bene – schaffte den Weg von Österreich nach Mailand: mit großem Erfolg.
Von Fabio Novembre für Driade entworfen, stammt ein Hochlehner ganz anderer Art, in Form einer Maske, dessen Inspirationsquelle man zwischen Karneval und LSD-Trip orten könnte. Und zwischen beiden Extremen gab es alles zu sehen….


Austrian Design goes Milan


Im Rahmen der Ausstellung "Surprising Ingenuity: Austrian Design" in der Mailänder Fabrica Bugatti ging am 15. April die "Austrian Design Party" über die Bühne. Die Außenwirtschaft Österreich (AWO) als Veranstalter freute sich über ein volles Haus, insbesondere über die Anwesenheit zahlreicher DesignerInnen und UnternehmerInnen, MedienvertreterInnen und VIPs wie Wolfgang Joop sowie eines höchst interessierten internationalen Publikums. Die Ausstellung präsentiert 41 heimische Designpositionen im Rahmen des Salone del Mobile. Bene war mit seinem Wing Chair von PearsonLloyd und mit Filo von EOOS vertreten.


Chairless


Ganz ohne Stuhl – eben "Chairless" – beleuchtete Vitra das Thema Sitzen. Ein einfacher Gurt aus Stoff um den Körper gewickelt, soll das Sitzen auf dem Boden unterstützen. Chairless entlastet Wirbelsäule und Beine, ein Umklammern der Knie ist nicht mehr nötig, sodass man die Hände frei hat zum Bedienen eines Laptops oder iPads etwa, wie man vor Ort auch live ausprobieren konnte. Gesehen bei den Ayoreo-Indianern aus Paraguay, nachempfunden von Alejandro Aravena für Vitra. Ein Teil des Erlöses aus "Chairless" kommt direkt den Ayoreo-Indianern zugute.


Nicole Schemerl-Streben







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