The Power of Places. Über physische Orte und ihre Wirkung.
Sind auch Sie häufig „im Netz“, „besuchen eine Homepage“ oder legen Dokumente „im Dateiordner“ ab? Das sind nur einige der virtuellen Orte, an denen wir uns beinahe täglich aufhalten. Verlieren physische Orte damit an Bedeutung, oder gewinnen sie an Wichtigkeit? Lassen Sie uns einige reale Orte aufsuchen – virtuell natürlich ;-) – und deren Wirkung auf uns nachspüren."Und was habt ihr euch im Urlaub angesehen?" wollte Bernhard wissen. "Vor allem die Maya-Städte, Tikal zum Beispiel, ich sag dir: beeindruckend." – "Ich weiß, da hab ich einmal eine Doku drüber gesehen." – "Ja, aber wenn man tatsächlich dort ist und die Tempel und Bauten direkt vor sich hat – und rundum der Regenwald – ich sag dir: Das kann dir keine Doku geben, auch wenn sie noch so interessant ist, das musst du einmal erlebt haben!"
Urlaubs-Orte
Ob es Tikal, Rom oder eine Hütte in den Alpen ist – allein die Tatsache, dass wir andere Orte in unserer Freizeit besuchen zeigt, dass diese eine besondere Anziehungskraft auf uns ausüben. Fotos, Videos und Beschreibungen reichen da nicht aus – da muss man hin!
Waren Sie zum Beispiel in den letzten Jahren einmal auf einem Berggipfel? Denken Sie daran zurück! Wie Sie ihn erklommen haben und jetzt oben stehen. Rundum bietet sich Ihnen ein weiter Ausblick – Täler, Hügel, Wälder; die reine Luft, die bei jedem Atemzug in Ihre Lunge strömt.
Was haben Sie gespürt? Freiheit? Erleichterung? Oder waren Sie schon lange auf keinem Berg mehr? Dann denken Sie an einen Palmenstrand, eine Wüste, einen nebelverhangenen Wald. Denn diese ganz unterschiedlichen Orte üben schon allein in der Erinnerung eine besondere Wirkung auf uns aus. Aber so richtig zur Geltung kommt sie erst, wenn wir uns direkt dort befinden.
Orte der Kraft
Solch emotionale Wirkungen bieten jedoch nicht nur Plätze, die ein rein natürliches Umfeld bieten – wenngleich die Verbindung zur Natur in der frühen Geschichte von großer Bedeutung war. So entstanden religiöse Kultstätten verschiedenster Völker oftmals an Orten, die eine besondere Kraft auszustrahlen schienen oder symbolisch gedeutet werden konnten. Ein alter Baum, eine Quelle oder eine ungewöhnliche Felsformation waren sozusagen standortbestimmend, Himmelskörper legten die Ausrichtung fest.
Der Mensch gestaltet
Auch wenn die Kraft des Ortes weiterhin eine wichtige Rolle spielt - mit der Zeit gewannen menschlich geschaffene Objekte und Gebäude an Bedeutung. Nun ging auch von ihnen etwas aus, das in uns Gedanken und vor allem Emotionen weckt, nun machen sie den Ort besonders. Architektur wurde Ausdruck einer Anschauung und Träger einer Intention. Man denke vor allem an religiöse Bauwerke, die nicht nur der Zusammenkunft dienen, sondern immer auch den Glauben versinnbildlichen wollen. Und selbst nichtgläubige Menschen fühlen oftmals, dass diese Orte eine besondere Wirkung haben.
Culture and sport
Natürlich gibt es aber auch andere Beispiele, von denen eine besondere Kraft ausgeht. Ähnliche Wirkungen haben oft Museen oder Opernhäuser. Abgesehen davon, was ausgestellt wird oder welche Oper gespielt wird – allein der Ort weckt Gefühle. Erinnerungen und Erwartungen sind mit ihm ebenso verbunden wie das unmittelbare Erlebnis des Jetzt-hier-Seins. Das trifft übrigens auch für gesellschaftlich ganz anders genutzte Orte zu – beim Sport zum Beispiel. Der Besuch eines Fußballstadions ist nun einmal eine gänzlich andere Erfahrung, als ein Spiel zuhause im Fernsehen zu verfolgen. Der Ort, die Menschen, die Stimmung, das Spiel – all das ist für eine bestimmte Zeit miteinander verbunden. Klar: Es gibt Menschen, die nicht gerne ins Stadion gehen, genauso wie manche Scheu vor Museen oder Kirchen haben – aber auch das zeigt, dass diese Orte eine Wirkung auf uns haben – ob angenehm oder unangenehm.
Historie und Image
Oft werden Orte durch Geschehnisse geprägt, die dort stattgefunden haben. Das gilt für Mekka oder Jerusalem genauso wie für Waterloo oder Maastricht – mit diesen und zahlreichen anderen Orten ist Geschichte verknüpft, die vielfach heute noch ihre Wirkung entfaltet. Nicht jeder weiß dabei, wo Waterloo oder Maastricht überhaupt liegen, aber "sein Waterloo erleben" kennt jeder, und dass Maastricht etwas mit der EU zu tun hat, ist auch bekannt. So wird der Ort zum Synonym für ein Ereignis oder ein Regelwerk, das dort ausgearbeitet wurde. Kyoto zum Beispiel steht für Klimaschutz, der Lissabon-Vertrag war lange ein heißes Thema, und jedem Unternehmer ist Basel II ein Begriff. Auf diese Weise wird Wissen an Orten verankert – und das in einer zunehmend mobiler werdenden Welt.
Der Ort prägt den Menschen
Natürlich hat ein und derselbe Ort nicht auf jeden dieselbe Wirkung – hier spielen persönliche Erlebnisse, die mit diesem – oder einem ähnlichen – Ort verbunden sind, eine bedeutende Rolle, ebenso wie spezifische Vorlieben. Dennoch können Tendenzen festgestellt werden. Die Architekturpsychologin Rotraut Walden definiert vier Treiber für das örtliche Wohlbefinden: eine klare Funktion, Ästhetik, das soziale Erleben sowie die gekonnte Einbindung des Ortes in die Natur. Nicht nur sie ist überzeugt: Der Ort prägt den Menschen. Er wirkt beständig und implizit auf ihn ein.
In einer Welt, die immer mobiler und virtueller wird, könnte man glauben, dass physische Orte an Relevanz verlieren. Aber ganz im Gegenteil: Je mobiler wir leben, desto mehr brauchen wir den bestimmten Ort. Er stellt einen Fixpunkt dar, gibt uns Halt; auch im Beruf. Gerade jetzt, wo Wissensarbeiter so gut wie überall ihren Job machen können, bekommt das Büro eine neue Bedeutung. Es wird zum Koordinations- und Knotenpunkt der Wissensarbeit.
Außerdem: So wie man andere Personen face-to-face viel besser kennenlernt als lediglich per E-Mail und Telefon, so ist es auch mit ganzen Unternehmen. Der Spirit wird erst im Büro so richtig spürbar – für Kunden, Geschäftspartner und natürlich auch für Mitarbeiter. Hier bekommt man ein Feeling für das Unternehmen und hier manifestiert sich auch die Unternehmenskultur. Hier kann man ein motivierendes Arbeitsumfeld finden, einzigartig und inspirierend. Knowledge-Worker wissen das zu schätzen.
Apropos Knowledge-Worker: Mehr über Wissensarbeiter und welche Orte sie für ihre Arbeit nutzen, lesen Sie schon bald im nächsten Office.Info Trendletter.
Ronnie Sambor




