Pro und Contra:
Oh nein, Tapete? Oh ja!
Der Wandschmuck feiert ein Comeback. Das Ornament ist schon da. Was liegt näher, als zur Tapete zu greifen? Vorbehalte und gute Gründe lesen Sie hier.
Contra: Wer will schon unter Palmen liegen?
Die Hängematte zwischen zwei leicht geneigten Kokospalmen. Das blaue Meer am Horizont, ansonsten weißer Sandstrand soweit das Auge reicht. Sie erinnern sich? In den leichtsinnigen 1970ern, als die ersten Sonnenstudios zu sprießen begannen, holte man sich die Traumstrände mangels beschränkter, noch allzu teurer Reise-Alternativen gerne großformatig in die kleinen, heimeligen vier Wände.
Tante Gabis Wohnzimmer war damals also echt angesagt mit der 4 x 2,5 m großen Fototapete auf der Wand vor der gemütlichen Couchlandschaft....
Wenngleich mich – heute kann ich es ja sagen – bereits leiser Zweifel beschlich angesichts solch gnadenloser Dauerpräsenz paradiesischer Inselkulisse. Abgesehen davon hatte die gewählte Bildsprache manchmal etwas von einer großformatigen Fortführung des Hubertus-Hirsch-Motives über dem großelterlichen Ehebett. Schreck!!
Sie sehen schon – einige Jugendtraumata lassen sich nur ganz schwer überwinden. Und in meinem Fall hat die modische Wiedergeburt der Tapete somit auch gar keine Chance. Nicht in den neuesten Trendfarben und nicht im angesagten Retro-Dekor. Komme was da wolle, ich steh´ einfach auf meine schmucklosen Wände im schlichteten Look dezenter Dispersionsfarben. Wer braucht Papier und Textil schon auf der Wand? Auf dem einen lese ich lieber, das andere trage ich lieber. In Zeiten wie diesen wollen wir mit natürlichen Ressourcen doch nicht zu verschwenderisch umgehen, oder?
Anna Voltren
Pro: Raumerlebnisse, all-over!
Nein, da geht die Sonne auf! Palmenstrand im Vordergrund, die unendliche Weite des Meeres dahinter. Im Jugendzimmer meiner Schulfreundin Gabi, tief in den 1970er Jahren, wohnte die Modernität: in Form einer riesigen Fototapete. Das Motiv, auf mehrere Quadratmeter groß aufgeblasen, öffnete den schmalen Raum in exotische Welten. Statt einer öden Wand gab es einen Fluchtpunkt für Fern- und sonstiges Weh. Sehnsucht, immer vor Augen. Hin und her gerissen war ich zwischen Verzückung und Neid ob so viel jugendlicher Selbstbestimmung – flächendeckend!
Tapeten sind klasse, das konnte ich immer wieder feststellen in all den Jahrzehnten seither, da die textile, papier´ne oder gar lederne Wandbekleidung als spießig galt – und allen Trendsettern tabu war. Muster und Texturen erzeugen eine besondere Stimmung und bieten dem Auge was. Auch noch, wenn Staub sich in der Raufaser ablagert – das betont den Relief-Charakter noch mehr! – oder der beständige Heißluftstrom des Heizkörpers bräunlichgelbe Schlieren auf das ehemals weiße Wandpapier zeichnet. Nikotin tut das Seine dazu. Diese abstrakten Zufallsgemälde können auch die ödesten Familiennachmittage interessant machen. Und das bisschen Abgewohnte erzeugt eine heimelige Atmosphäre – cosy, wie die Briten sagen. Von welcher Verarmung zeugen da hingegen weiß getünchte Wände! Steril und unterkühlt wirken sie wie der sprichwörtliche Eisschrank.
Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit verdankt auch Baby Ben, damals gerade mal drei Monate alt, sein vielleicht erstes psychedelisches Erlebnis einer Tapete. Jungfamilie landete zwecks Wochenenderholung in einem, sagen wir, nicht kürzlich renovierten Hotelzimmer. Voll tapeziert, riesen Muster, aaaa. So was hast Du noch nie gesehen, Ben! Es folgt begeistertes Strampeln ob der offenbar großartigen Wahrnehmung. Und Baby ist eine Zeit lang beschäftigt... danke, Tapete!
Dora Marquard




