Alles bloß Fassade!
Architektur als Dualität von Raum und Hülle. Architektur als Raumkunst, deren nach außen gerichtete Haut Schutz, Abgrenzung und Identität vereint. Weit entfernt von der Monumentalität und Fassadenhaftigkeit vergangener Jahre entstehen zunehmend nicht nur Außenflächen von hoher Individualität, sondern auch mit überraschenden Kommunikationsimpulsen: Bürohausarchitektur im Medienzeitalter.Fassade – früher ein Wort wie ein Fels, unbeweglich, monumental, mitunter einschüchternd sogar. Heute sieht alles ganz anders aus. Die klassische Lochfassade hat ausgedient. Was umhüllt, will nicht mehr "nur" verpacken, einkleiden, verhüllen oder repräsentieren, sondern ist Innen-Außenwelt in einem. Mit hochkomplexen Anforderungen und Möglichkeiten: geben und nehmen, formen und funktionieren, Wirkung schaffen und Wirkung sein. Ganz klar ist die Fassade einer der wichtigsten Bauteile eines Gebäudes, der wirtschaftlich, nutzungstechnisch und ästhetisch jedes Projekt entscheidend beeinflusst, ja sogar prägt.
The Next Generation
Wie komplex und wichtig das Thema ist, davon zeugen am eindrucksvollsten unsere modernen Stadtbilder. Einerseits versuchen technische Innovationen den endgültigen Sprung ins 21. Jahrtausend. Schlanke Vorhangfassaden, photochrome Verglasungen, die wie eine Sonnenbrille funktionieren, oder intelligente Vakuum-Dämmsysteme sind nur wenige Ansätze daraus.
Andererseits verabschiedet sich schön langsam die klassische Moderne mit ihrer Affinität zu glatten Flächen und kühlem Purismus, so scheint´s zumindest. Statt dessen rücken organische Bau-Wesen mit geschwungenen Ummantelungen, Membran-ähnlichen Oberflächen, haptisch verlockenden Ausbuchtungen und unkonventionellen Körperlichkeiten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. "architecture of the flow" – Architektur im Fluss – nennt man es gerne in den USA und meint "organische" Architektur, die den "Fluss der Kräfte" realisieren will, mit neuen Materialien wie selbstverdichtendem Beton oder neuen Verfahren wie "Rapid Prototyping".
Der neueste Trend bei uns heißt: Medienfassaden. Der Uniqua-Tower in Wien zum Beispiel macht uns zu Zeugen einer ganz neuen technologischen Entwicklung – der LEDs nämlich. "Das sind nicht mehr nur die niedlichen Lämpchen, die uns anzeigen, ob ein Gerät im Ruhezustand ist. LEDs sind nun so leuchtstark, dass es erstmals möglich ist, sogar bei Tageslicht Gebäudefassaden mit großflächigen, medialen Inhalten zu bespielen..." (www.bauforum.at).
Natürlich sind die Ansprüche solcher Medienfassaden mitunter völlig konträr. Werbung, Attraktion, Kommunikation sind der eine Weg, der in erster Linie Menschen zusammenbringen oder Themen visualisieren möchte. Ihr Einsatz hat damit in der Regel temporäre Grenzen, will sie auf Dauer nicht Langeweile erzeugen.
Ganz anders der Effekt, werden (Zitat:) "dem Gebäude entweder bereits in der Planungsphase kommunizierende Eigenschaften gegeben oder diese als Teil des ästhetischen Ausdrucks nachträglich integriert. Der 1986 von Toyo Ito erstellte «Tower of Winds» in Yokohama, Japan ist eines der ersten Projekte mit einer intelligenten Lichtfassade. Mittels verschiedener steuerbarer Lichtquellen vermag diese auf äußere Einflüsse wie Licht, Wind und Geräusche zu reagieren und verbildlicht so den jeweils aktuellen klimatischen sowie akustischen «Zustand» der Stadt. Ähnlich funktioniert die 1992 von Christian Möller und Rüdiger Kramm konzipierte interaktive Gebäudehülle der Zeilgalerie Frankfurt. Hier übersetzt der Computer die Daten einer eigens auf dem Dach eingerichteten Wetterstation in entsprechende Lichtsignale. Je nach Temperatur verändert sich der Anteil an gelbem Licht, das über die blau gestrichene Hausfassade flutet und seine Richtung jeweils mit Wind und Regen wechselt.
Als eine Art wandelbares Kleidungsstück soll die Gebäudehülle des Hamburger Kaufhauses L-Store betrachtet werden. Im Rahmen einer umfassenden Sanierung im Jahr 2000 ist der Bau um eine sogenannte `digitale Haut` erweitert worden: eine Ebene aus Glas und Metall, rückseitig beschienen von über 200 vernetzten Leuchten mit verschiedenen Farbgläsern und speziellen Reflektoren. Über die Internet-Seite des Kaufhauses lassen sich sowohl Farbe als auch Helligkeit dieser Lichtpunkte direkt beeinflussen, wobei der virtuelle Besucher dank 3D-Echtzeitsimulation das programmierte Stimmungsspiel vorgängig testen kann." (Aus: Barbara Lenherr Wenger: "Meilensteine auf dem Weg zur transparenten Medienfassade", Fassade, 1/2005).
Große Erwartungen
Die Vielfalt an Funktionen, die Fassaden zu erfüllen haben, bestimmen aus gutem Grund die Qualität des Gesamtkomplexes. Immerhin geht es um:
> Energie: Fassaden fungieren als zentrale Schnittstelle des Energiehaushalts. Heizung, Kühlung und Beleuchtung bilden die Einflussfaktoren. Baulösungen für typische Büroräume werden u.a. durch Licht- und Wärmedurchlässigkeit, Fenstergrößen und –orientierung sowie Glas-, Verschattungs- und Tageslichtsysteme bestimmt. Dabei entstehen durchaus konkurrierende Anforderungen, wenn etwa Tageslichtbeleuchtung und Sonnenschutz aufeinander prallen. Dazu kommen Funktionen der Wärmedämmung, die Einhaltung von Energiestandards usw.
> Gebäudetechnik: Kosteneinsparung oder Kosten ohne Ende – je nach dem wie optimal die Abstimmung von Beleuchtung, Tageslichtnutzung, Sonnenschutz, Klimaanlage usw. gelingt...
> Facility Management: Besteht aus gutem Grund z.B. auf einfache Zugänglichkeit für die Fassaden- und Glasreinigung oder kostensparende Reparatur und Wartung des Sonnenschutzes.
> Nutzerkomfort: Nutzer wünschen sich in erster Linie ein natürliches und gesundes Raumklima mit einem hohen thermischen Komfort sowohl im Winter als auch im Sommer, oder aber eine einfache Bedienung von Belüftung, Blendschutzanlagen und Beleuchtung.
> Ökologie: Meint hohe Nutzungsdauer, geringe Produktionsenergie, minimierte Schadstoffe, gute Rückbau- und Wiederverwertungsenergie. Umweltverträgliche Bausysteme sind für verantwortungsvolle Bauherren und Architekten zu einem wichtigen Thema geworden. Auch das Kriterium Nachhaltigkeit ist hier angesiedelt.
Sicherheit: Ein angemessener Einbruch- und Brandschutz gehört selbstverständlich dazu, ebenso wie geeignete Absturzsicherungen. Vor allem Fassaden mit hohem Glasanteil stellen erhöhte Anforderungen an die Qualitätssicherung.
Flächeneffizienz: Noch immer stehen Rastermaß und Raumtiefen im wirtschaftlichen Zusammenhang mit bestimmten Nutzungsverhalten und –möglichkeiten insbesondere von Büroflächen.
Ästhetik: Ganz klar! Identität und Identifikation entstehen über die äußere Optik. Struktur, Material, Farbe machen das Gesamtbild aus.
Bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich unsere Städte bewegen. Blade Runner jedenfalls würde sich schon bald heimisch fühlen, meinen die Visionäre...
Mehr zum Thema zu sehen auf:
http://www.ag4.de
Brigitte Schedl-Richter







