Bene Büromöbel
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10. Mai 2007

„Film ab!“

Ob Mainstream oder Autorenkino, Action oder Kammerspiel – jede Form des Films trägt einen Gutteil aktueller Kulturgeschichte in sich. Für Bene Grund genug, sich mit der Wahrnehmung des eigenen Themas auch in diesem Genre auseinanderzusetzen. Büro im Film? Gibt’s eine solche Konstante überhaupt?

Lesen Sie zuerst Gedanken von Laurids Ortner über die verdichtete Symbolik des "Büros" auf Zelluloid geschrieben. Danach finden Sie ein paar filmische Anregungen älterer und neuerer Provenienz.


Büro im Film


Im Kino sollte man sich nicht weiter zurücksetzen als in die 5. Reihe. Vor sich hat man dann eine Leinwand, deren linker und rechter Rand nicht mehr zugleich, sondern nur mit leichter Drehung des Kopfes erfassbar ist. Beginnt der Film, so sitzt man mitten drinnen, die Bilder scheinen sich über die Seiten der Leinwand hinaus zu ziehen und hinter dem Kopf zu schließen. Es braucht immer wieder etwas Zeit, um sich auf diese Nähe einzustellen, die nur Einzelheiten sehen lässt und alles andere als Überblick verschafft. Aber wenn dann ein angerissenes Streichholz irgendwo weit links aufflammt mit dem scharfen Fachen, als wäre eine Schlange direkt hinterm Ohr, dann bricht eine Lust der Wahrnehmung los, die sich auch mit halbem Verstehen begnügt, aber das Herz im Hals stecken hat.

Über die dunkle Schulter eines Sitzenden gleitet die Kamera, um dann ins weite Oval eines Tisches zu sinken, ganz niedrig über Papiere, Gläser, Aschenbecher, Schreibzeug fliegt. Hier ist alles hell, mit scharfen Konturen und knappen Schatten, als wäre Mittag auf einer sandigen Lichtung. Weit entfernt Verkehrslärm, bedrohlich nah der harte Klang eines Glases, das auf den Tisch gestellt wird. Die Ränder der ovalen Lichtung verlieren sich in Dunkelheit. Tiefer unten fahl schimmernde Hände und um alles herum ein dunkler Wall aus teurem Tuch: die Bosse tagen.

Michael Cimino’s "Jahr des Drachen" (1984) lieferte Sichtweisen dieser Art. Knackvoll bis an die Außenränder der riesigen Leinwand, ein breiter Bilderstrom, lauernd träge, im nächsten Moment alles mit sich reißend. Geräusche sind hier vergrößert zu unentrinnbaren Waffen, mit denen auf zweiter Ebene der gesamte Organismus des Zuschauers attakiert wird.

In vielen dieser Filme spielen Büros eine wesentliche Rolle. Sie sind die Schauplätze, von denen das Geschehen seinen Anfang nimmt und immer wieder dorthin zurück kehrt. Heiße Drehscheiben, die alles andere sind als langweilige Arbeitsplätze. Allein schon ihre zentrale Lage im brodelnden Topf der City fordert heraus, sich wendiger und bewusster zu bewegen. Und was an Schnelligkeit, an Herausforderung und Angebot draußen passiert, passiert in verkleinerter Form auch in diesen Büros.

Lange bevor sich Architekten, Unternehmer und Büromöbelhersteller das Thema "Büro" in seiner Gesamtheit zu überlegen begannen, hatte der Film diesen Ort längst als "heiß" vor Augen geführt und dem "braven" Zuhause gegenüber gestellt.

Eine wesentliche Einzelheit des Filmes beruht offensichtlich darauf, dass er über prägnante Einzelheiten eine fasslichere Realität zu montieren in der Lage ist, als die, die wir täglich vor der Nase haben. Wahrnehmbar werden hier komplexe Phänomene, die sich sonst wegen ihrer selbstverständlichen Gegenwart nie wirklich greifen lassen. Stadt als Stadt gehört hier ebenso darunter wie ihr größter Umschlagplatz: das Büro.

Laurids Ortner



Ein echter Klassiker: Büro im Wandel


Bleiben wir doch gleich bei den Film-Klassikern, und Sie werden sich überraschend schnell an die "Büro-Klassiker" erinnern.
"Extrablatt"
(Originaltitel: The Front Page) zum Beispiel ist so ein Film. In der bitteren Komödie von Billy Wilder aus dem Jahr 1974 jagen Jack Lemmon und Walter Matthau abwechselnd ihren höchst unterschiedlichen Lebenszielen hinterher. Die Handlung und damit auch die Kulisse stammen aus den 1920er Jahren – die Redaktionsbüros sind geprägt vom typisch holz-dominierten Look der Zwischenkriegszeit, hektische Großraumatmosphäre mit Leinwand-effektvollem Chaos vermitteln überzeugendes Zeitkolorit.

Da sieht die Redaktion der Washington Post in "All the President´s Men" (Die Unbestechlichen) schon ganz anders aus. Thematisch gut 50 Jahre später angesiedelt – entstanden ist der Film allerdings nur zwei Jahre nach "Extrablatt" – wird das moderne Großraumbüro der 1970er Jahre in der Tat zum heißen Ort, an dem Nixons Watergate-Skandal an die Öffentlichkeit gelangt. Für Dustin Hofman und Robert Redford hätte sich gar kein anderes "Surrounding" finden lassen, in dem ihr Spiel authentischer wirkt. Die Atmosphäre sachlich, nüchtern, Realismus bis ins Detail.


Nichts für Teamplayer


Da tun sich Privatschnüffler und gescheiterte Ex-Bullen à la Jakes Gittes wie in Roman Polanskis "Chinatown" (1974) als Einzelkämpfer natürlich schwerer. Jack Nicholson verkriecht sich in seinem schäbigen Büro der 1930er Jahre, bis ihn eine verführerische Schöne und knallharte Gangster aus der Reserve locken. Dass seine Büroausstattung zumindest einmal kurz und klein geschlagen wird, liegt wohl eher an der Dramaturgie des Films – denn so schlecht waren die Möbel auch wieder nicht….
Gleiches gilt übrigens ebenso für die österreichische Variante des Stoffs, "Müllers Büro" (1986), das zweifellos zum echten Kristallisationspunkt von Plot und Regie wurde.

Handgreiflichkeiten im Büro kommen in den distinguierten englischen Kreisen des MI6 nicht wirklich vor, zumindest was die (bisherigen) Unterredungen von 007 alias James Bond mit seinem (seiner) Vorgesetzten M betrifft. Das Bürokonzept heißt eher Zeitlosigkeit bis zur Bedeutungslosigkeit, trotzdem ist es regelmäßig Ort für entscheidende Wendungen. In Ms. Moneypenny´s klassischem Vorzimmer zählt mehr die menschliche Komponente.


Visionäre Ausblicke - Büros im nächsten Jahrtausend


Auch die Visionäre unter den Filmemachern kommen am heißen Ort Büro nicht vorbei. Haben Sie noch die beängstigenden Ein-Mann-Zellen-Büros in der Abteilung für Informationswiederbeschaffung aus Terry Gilliams "Brazil" (1985) vor Augen? Zu eng, zu nieder, zu dunkel, nur mit einer Rohrpost mit der Außenwelt verbunden? Kein Wunder, dass Jonathan Pryce alias Sam Lowry trotz Lebensgefahr seiner Traumfrau hinterherläuft und sie – Gott sei Dank! – auch bekommt.

Lebensgefährlich ist das Leben übrigens auch im Jahr 2019, zumindest wenn man den Bildern aus Ridley Scotts "Blade Runner" (1982) Glauben schenkt. Übervölkerung, zerstörte Ökologie, brauner Regen, mörderische Replikanten, die die Erde bevölkern. Den einzigen Ruhepol mit bombastischer Aussicht auf ein unterworfenes Universum bietet die Szene im Büro der Tyrell-Corporation. Ein Chef-Zimmer – ganz eindeutig! Diese Weite kann nur dem Boss der Bosse gehören, das beeindruckt sogar Harrison Ford.


Moderne Statussymbole oder Creating Identity!


Überhaupt mutieren Büros in amerikanischen Produktionen gerne höchst plakativ zu echten Statussymbolen. Wie oft ist der berufliche Auf- und Abstieg der Hauptperson auch an die Übersiedlung in ein größeres oder kleineres Büro verknüpft. In Cameron Crowes "Jerry Maguire" (1996) muss Tom Cruise aufgrund mangelnder Erfolge allerdings gleich ganz Leine ziehen – kein privilegiertes Einzelbüro mehr, keine tolle Aussicht aus dem 65. Stock, was für ein Verlust!

Dafür erweckt das Büro von Gordon Gekko, gespielt von Michael Douglas in Oliver Stones "Wall Street" (1987), heute noch bewunderndes Staunen über eine so gekonnte und stilsichere Zeichnung von Macht, obwohl auch schon 20 Jahre alt.

Wiewohl der perfekt in Szene gesetzten Bürokulisse sogar auch augenzwinkernde Ironie gelingt – falls Sie das Büro des kalifornischen Film-Agenten (Rob Lowe) im köstlich-zynischen "Thank you for Smoking" von Jason Reitmann (2006) in Erinnerung haben: mit Feng Shui-Teichen, japanischen Koi-Fischen und dem Luxus uneingeschränkter Exzentrik. Creating Identity eben!

Brigitte Schedl-Richter







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