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6. Dez. 2006

Der Weltraum lässt grüßen: Urban Lightning

Ballsaalkronleuchter über Einkaufsstraßen, Lichtvorhänge über Häuserfassaden, Lampenketten in Parks und Bäumen, Skylines im Weihnachtsfieber – alljährlich zum Jahreswechsel verwandeln sich Städte und Ballungszentren jeder Größenordnung zur temporären Lichtinstallation. Allerdings – mit genügend Abstand aus dem Weltraum betrachtet – braucht's die Feiertage gar nicht. Unser Planet macht mit seiner künstlichen Strahlkraft längst Millionen Jahre alten Sternen Konkurrenz.

Das hätte sich Thomas Alva Edison nie gedacht, als es ihm am 21. Oktober 1879 erstmals gelang, eine verkohlte Baumwollfaser in einem luftleeren Glaskolben mit Hilfe von Strom so stark aufzuheizen, dass sie zu leuchten begann. Nur drei Jahre später brachten bereits 400 Edison-Lampen den ersten Stadtteil New Yorks zum Strahlen. Heute gibt allein die USA jährlich über zwei Milliarden Dollar für öffentliche Beleuchtung aus. Vor zwanzig Jahren musste die renommierte Carnegie Institution den Betrieb ihrer 32 Kilometer vor Los Angeles stationierten Sternwarte einstellen, weil die Lichtglocke über der nahen Filmstadt nicht nur schneller wuchs als deren Einwohnerzahl, sondern ferne Sterne bei weitem überstrahlte.

Heller, größer, bunter

Nun, dass 6 Milliarden Menschen einiges an Licht verbrauchen, steht außer Zweifel. Auch dass die Ressourcen – wie überall – ungleich und wenig gerecht verteilt sind. Außer Zweifel steht jedoch auch, dass unsere modernen Siedlungsräume heute das sind, was sie sind, eben weil ihnen Beleuchtung in jeder erdenklichen Form zur Verfügung steht. Funktionell wie Form gebend und immer mit soziokulturellen Aspekten. Die Straßenbeleuchtung etwa war eine der ersten Errungenschaften, die nicht nur Komfort bieten konnte, sondern ebenso Sicherheit und natürlich – Status! Denn Städte und Stadtviertel, die es sich leisten konnten, wechselten früher von der Gaslaterne zur modernen Elektrizität, so dass bald alles möglich wurde – heller, größer, bunter.

Stadtlichter

Heute sind Straßenbeleuchtung und Verkehrsleittechnik die Zwillingsfunktionen, die Ballungsräume strukturell am Leben halten. Mit hohem High-Tech-Aufwand werden Verkehrsströme geregelt, damit sie wie Lebensadern nicht verstocken, Mobilität und Kreisläufe ungehindert zulassen und gleichzeitig für Lebensqualität sorgen. Mehr Licht > weniger Unfälle, mehr Licht > weniger Kriminalität so lauten die einfachen Gleichungen für Stadtplaner.
Licht als wesentliches Element der Stadtgestaltung entzündete sich spätestens mit den großen Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts, die allgemein als Experimentierfeld der modernen Architekturbeleuchtung gelten. 1889 mutierte der Pariser Eiffelturm als Vorreiter zum Leuchtturm, und die 1920er Jahre erklärten Nachtfassaden so richtig zu ihrem "Ding".
Seither wird kein architektonisches Vorhaben ohne nächtliches Pendant gedacht. Ob Straßen, Plätze, Industrieanlagen, Bürobauten oder Satellitenstädte – Licht wird heute insbesondere auch wegen seiner räumlichen Qualitäten eingesetzt, was Strukturierung und Orientierung gleichermaßen unterstützt. Dazu kommt die Kombination von eigener Ästhetik und fortschreitender (LED-)Technik, die echte Landmarks mit größter Signalstärke und weithin sichtbarer, einfach erkennbarer Identität generiert.

In Wien hat es beispielsweise eine Versicherung vorgemacht: Als UNIQA im Jahr 1999 als neue Marke in den Markt eingeführt wurde, gab es unter anderem das Ziel, die Unternehmenswerte bei der Errichtung und Gestaltung des neuen Headoffice-Gebäudes sichtbar zu machen. Das aus einem internationalen Architektur-Wettbewerb hervor gegangene Konzept von Heinz Neumann setzte diese Ziele sowohl mit einer ausdruckstarken Architektursprache, als auch mit einer spektakulären Medienfassade gelungen um (Lichtplanung: Licht Kunst Licht, Bonn und Berlin). Keine Frage - die konzipierbaren Bilderwelten aus abstrakten und gegenständlichen Motiven verleihen der Außenhaut des UNIQA Towers zusätzliches Leben und sind konsequente Fortsetzung des Auftritts nach außen. Nicht zufällig wurde der UNIQA Tower kürzlich mit dem "Bauherrenpreis 2006" ausgezeichnet.

Licht und Schatten

Wo viel Licht, da ist bekanntlich auch viel Schatten - und deshalb sollte man die Kehrseite der Medaille nicht gänzlich außer Acht lassen. Immerhin besitzt unsere Sprache schon Termini wie Lichtschutz-Aktivisten vs. Lichtterroristen. In Deutschland etwa wurde Licht, das unkontrolliert in die Umgebung abstrahlt, analog zu Lärm und Abgasen gleichsam als Schadstoff in das Bundesemissionsschutz-Gesetz aufgenommen. Dabei geht es nicht nur um Energieverschwendung, sondern – so die Kritiker – ebenso um Störung der Privatsphäre, Belästigung, Landschaftsentstellung oder Umweltschädigung. Letzteres sogar in durchaus nachweisbarem Ausmaß – gibt es doch allein in Europa 40.000 Insektenarten, deren Wahrnehmungssysteme auf Dunkelheit angewiesen sind.
Sogar in New York lief in den letzten Monaten die Kampagne der Stadtverwaltung und der Audubon-Gesellschaft für Tierschutz, "Löscht das Licht", die Eigentümer und Pächter von Bürotürmen mit mehr als 40 Stockwerken dazu bewegen will, zum Schutz der Zugvögel ab Mitternacht Beleuchtungen im Inneren und am Äußeren der Gebäude abzuschalten. Das Chrysler-Building hat schon mitgemacht. Spätestens mit Ende der Vogelflugsaison aber erstrahlt wieder alles, wie es war – sehr zur Freude tausender Touristen und sehr zum Ärger vieler Astronomen, für die die Himmelverschmutzung auf der Erde passiert...

Brigitte Schedl-Richter



Übrigens:
Light up
, so heißt jenes Projekt, das die Wiener Einkaufsstraßen zur Adventszeit noch eindrucksvoller in Szene setzt. Inklusive Ergebnis eines im Vorjahr von der Wirtschaftskammer Wien ausgeschriebenen Wettbewerbs, für den vor allem junge Designer "sprühende" Ideen liefern.
Sieger 2006 ist das Designerduo element design
– mit dem Beleuchtungskonzept für die Wiener Josefstädter Straße. "Die große Länge der Straße, von der ´Zweierlinie´ bis zum Gürtel, war die besondere Herausforderung bei diesem Projekt", erklären die beiden "Element"-Designer Stephan Breier & Johannes Scherr, "als Antwort darauf entwarfen wir schwebende Kugeln, die einzelne Bereiche bewusst betonen."
element design wurde 2002 von den beiden Gestaltern Stephan Breier und Johannes Scherr in Wien gegründet. Sie sind heute vor allem in den Bereichen Produkt-, Möbel- und Transportation-Design tätig, Johannes Scherr entwickelt Produkte für die Bene AG.
Wir gratulieren!

www.element.co.at






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