Die Geschichte des Furnierens - vom Kunsthandwerk zur Industrialisierung
Das Wort Furnier wurde im 16. Jahrhundert dem französischen „fournier” entlehnt und bedeutet „liefern, mit etwas versehen”. In der Renaissance, im Barock und in späteren Jahrhunderten schufen große Meister Möbel in kunstvoller Vollendung. Sie zeigen, wie dieses kulturelle Erbe weiterentwickelt wurde – als Ausdruck der jeweiligen Zeit.Geburtsstätte in Ägyptens Hochkultur
Erfunden wurde die Furniertechnik um 3000 v. Chr. in Ägypten. In einem Land, das fast ausschließlich aus Wüste besteht und wo edle Hölzer ebenso begehrt wie begrenzt waren. Dies zwang schon damals zu einer möglichst ökonomischen Verarbeitungsweise. So ist es kein Zufall, dass die Idee, edles Holz in feine Brettchen zu sägen und weniger edle Untergrundmaterialien damit zu belegen, hier ihren Ursprung nahm. Holz war im alten Ägypten eine Rarität, es besaß Seltenheitswert und wurde ebenso geschätzt wie die hochwertigen Edelsteine, die man in kunstvoller Arbeit zur Verzierung von Möbeln verwendete.
Das Furnier ist also dort entstanden, wo keine üppigen Wälder die Landschaft prägten, sondern wo Holz als seltener Rohstoff hoch im Kurs stand und man sich der Notwendigkeit seiner optimalen Nutzung bewusst war. Die zunächst handwerkliche Herstellung von Furnieren, die mit Sägen vom Stamm geschnitten wurden, war eine sehr mühselige und zeitaufwändige Arbeit. Dennoch zeugen die wunderschönen Schreine, die 1922 im Grab des Tutanchamun gefunden wurden, von dieser damals noch rudimentären Technik im Umgang mit Holz und offenbaren die natürliche Schönheit der Zeichnung im Inneren des Holzes.
Renaissance in Europa
Dank der überlieferten Objekte und Abbildungen auf Grabmälern und Keramiken kann man den Weg des Furniers von Ägypten über Griechenland und das Römische Reich bis in unsere heutige Zeit verfolgen. Im frühen Mittelalter allerdings verschwindet das Furnier-Handwerk fast gänzlich von der Bildfläche und taucht erst wieder in der Gotik auf. Wiederentdeckt wird es in Deutschland zu einem Zeitpunkt, da man im restlichen Europa noch ausschließlich mit Massivholz arbeitet.
Eine Blütezeit erlebt das Furnier in der Renaissance, im Barock und Rokoko. Die Herstellung selbst kleiner Mengen Furnier war in jenen Zeiten so arbeits- und zeitaufwändig, dass diese Technik ausschließlich für dekorative Zwecke eingesetzt wurde und die hergestellten Objekte den wohlhabenden Bevölkerungsschichten vorbehalten waren.
In Italien beginnen Schreiner damit, komplizierte Furnieroberflächen zu erstellen. So auch in Spanien, wo aufwändige Furnierschränke in kunstvoller Handarbeit entstehen. Währenddessen werden in Deutschland Laubsäge-Techniken entwickelt, die man für die Produktion von Ebenholzschränken nutzt. In aufwändiger Marketeriearbeit – einer Technik, bei der einzelne Furnierteile auf einem Untergrund aufgeleimt werden – sind diese mit Arabesken verziert.
Diese Entwicklungen werden auch in Frankreich aufgenommen. Bis zum Ende der Regentschaft von Louis XV hat sich dort eine eigenständige antikisierende Stilrichtung entwickelt, die Furnierkunst im höchsten Grad zur Schau stellt. Der Trend zu Furnier und Marketerie schwappt auch über den Kanal nach England, wo Tischler mit dekorativen Walnuss-Furnieren schnell einen ebenfalls ganz eigenen Stil entwickeln.
Die Industrielle Revolution
Anfang des 19. Jahrhunderts gelingt es, die Arbeitsmethoden der Furnierherstellung zu mechanisieren. Im Jahr 1806 erhielt Marc Isambard Brunel das britische Patent über eine handbetriebene Furnierschneidemaschine. Henry Faveryear, ebenfalls ein Engländer, erfindet 1818 die Furnierschälmaschine. 1843 wird die erste Furnierfabrik in Deutschland gegründet, damals noch ausgestattet mit Furniersägen.
Der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Herstellung ermöglicht die Verarbeitung von Furnieren in großen Mengen. Die fertigungsbedingten Unebenheiten durch das Sägen werden durch neuartige Maschinen zum Messern und Schälen endgültig eliminiert. Schnell werden Mahagoni, Nuss und Rosenholzfurniere für jedermann erschwinglich.
Die Moderne
Schon Mitte des 20. Jahrhunderts werden Furniere weltweit industriell produziert und zur Möbelherstellung verwendet, bis hin zu großflächig furnierten Wandpaneelen. Im Wohnmöbelbereich wird Furnier endgültig zum dominierenden Element.
Obwohl heute bei der Furnierproduktion modernste Technik angewandt wird, erfordert die Herstellung große Erfahrung und handwerkliches Können. Dies beginnt beim Erkennen und Bewerten der Qualität eines Holzstammes in seinem runden, unbearbeiteten Zustand, betrifft die Entscheidung für eine der vielfältigen Bearbeitungsmöglichkeiten, um die schönste Zeichnung im Furnier zu erzielen. Und geht bis zum richtigen Bewerten der fertigen Furniere, damit diese dem besten Verwendungszweck zugeführt werden und durch kreative Verarbeitung die höchste Aufwertung erfahren. Jede Holzart wird individuell verarbeitet und zusammengesetzt. So entsteht mit jedem Furnierblatt ein Unikat.
Umweltbewusstsein
Das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Rohstoff Holz wächst stetig. Die westliche Furnierindustrie erkennt die Verantwortung für den nachwachsenden Rohstoff Holz und für eine naturverträgliche Holzernte auf der Basis einer nachhaltigen Forstwirtschaft.
Das Furnieren ist eine sehr ökonomische Form der Holznutzung: Aus einem durchschnittlichen Buchestamm können etwa 500 m2 Furnieroberfläche gewonnen werden. In den Trägermaterialien von Furnieren (Spanplatten, MDF-Platten etc.) finden nahezu alle bei der Holzernte anfallenden Stammteile Verwendung und runden somit das Bild der optimalen Holznutzung ab.
Nicole Schemerl-Streben




