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17. Juli 2006

Der Geschmack des Designs - Teil 2/2

Kriterien des Guten Geschmacks.

Guten Geschmack kaufen

Der Gute Geschmack ist die Beziehung eines Produkts zum Ganzen des Seins. Doch wie kauft man Guten Geschmack? Und wie gelangt man an solche Informationen, wenn man ein Produkt vor sich hat und überlegt, es zu erwerben? Indem man beispielsweise im Dialog mit einem Fachmann die Botschaft und das Wesen eines Produktes zu entschlüsseln versucht, wie im folgenden Gespräch.
Kunde: Guten Tag. Ich habe in ihrer Fensterauslage eine Teekanne gesehen, die mir sehr gut gefällt. Das gebrochene Grün, der Bogen des Henkels, die genoppte Oberfläche, die Gesamtgestalt. Wie ein Klassiker und doch modern.

Fachmann:
Guten Tag. Aha, ja, die Teekanne. Sagten Sie schön?
Kunde:
Nein. Ich möchte mich erst einmal erkundigen, ob ich sie schön finde.
Fachmann:
Finden Sie eine Sache nicht auf Anhieb schön? Oder eben auch nicht?
Kunde:
Sicher, zuerst muss ich angesprochen werden von einem Objekt. Bevor ich die Dinge schmecke, rieche und betaste müssen die Augen geschmeckt haben. Sonst hätte ich ihr Geschäft ja nicht betreten. Aber danach kenne ich eben nur die visuelle Attraktion eines Objekts und benötige weitere Informationen. Ich urteile nicht nur nach der Ästhetik, sondern frage auch, ob das Material schonend der Natur entnommen wurde und ob die Produkte vom Naturkreislauf wieder aufgenommen werden. Um das zu erkennen, brauche ich einen Fachmann, dem ich vertraue.
Fachmann:
Dazu stehen wir ihnen gerne zur Verfügung. Die Kanne – über die Ästhetik scheinen Sie sich ja im Klaren zu sein –, stammt aus der traditionsreichen japanischen Iwachu-Schmiede. Wir kennen persönlich den Produzenten und prüfen die Produkte. Um nicht zu sagen: wir kontrollieren sie.
Kunde:
Und woraus besteht die Kanne?
Fachmann:
Aus Gusseisen. Von Hand gegossen und nachgeschliffen, innen emailliert. In Japan fehlt die Emaille, da die Japaner den Vorteil der Eisenmineralien nutzen, die der Rost der Kanne dem Tee beimengt. Den Europäern ist das weniger bekömmlich – deshalb die Emaille. Gusseisen verteilt die Wärme gleichmäßig und speichert sie. Zur Ausstattung der Kanne gehört ein nicht rostender Metallsiebeinsatz. Alle Materialien sind für die Nahrungsmittelzubereitung geeignet. Darüber erhalten Sie ein Zertifikat, neben einer Anweisung für Gebrauch und Reinigung der Kanne, von der Sie Öl und Salz fern halten sollten. Bei der Herstellung der Kanne ist die Natur so schonend wie möglich behandelt. An der Kanne werden Sie für Jahrzehnte Freude haben. Nicht zu vergessen, dass die Qualität Sie in ihrem Alltag beflügeln wird. Vielleicht machen Sie das Teetrinken zum tägliches Ritual und geben ihrem Tag eine spirituelle Mitte.
Kunde:
Sind Sie Designfachmann oder Teeexperte?
Fachmann:
Wenn nicht beides zusammenkommt, sollte man keine Teekanne verkaufen. Wie Sie bemerken, haben wir für unsere Kunden einen Gedankenkatalog an Kriterien zur Hand: Kriterien für den Guten und für den guten Geschmack. Sowohl für Tee als auch für das Design.
Kunde:
Ein paar Punkte haben wir offenbar schon geklärt.
Fachmann:
Brauchen Sie tatsächlich eine Teekanne?
Kunde:
Ich habe eine.
Fachmann:
Sie wollen eine zweite, gut. Für wie viele Personen wollen Sie in dieser Kanne Tee zubereiten?
Kunde:
Für zwei bis drei.
Fachmann:
Dafür ist sie eher zu groß.
Kunde:
Es scheint, Sie wollen sie gar nicht verkaufen.
Fachmann:
Doch. Wir haben nur unsere Unternehmensprinzipien.
Kunde:
Und die lauten?
Fachmann:
Vielleicht wissen Sie, was Kunde ursprünglich bedeutete? Kunde war früher der Bekannte, der beim Bauern, Handwerker oder Händler Informationen einholte zu einem Problem, mit dem er nicht fertig wurde. Und wenn Problemlage und Information zusammenpassten, konnte auch ein Kauf zustande kommen. Der Grundgedanke des Kunden lag in dem von ihm gesuchten Bedürfnis nach Information und Kommunikation – im Austausch von Know-how.
Kunde:
Ich hoffe, ich muss Ihre Prinzipien nicht unterschreiben, bevor ich bei Ihnen etwas erwerbe.
Fachmann:
So streng sind wir nicht, aber wir lassen uns von diesem Prinzip leiten. Es wirkt dem blinden Konsum ein wenig entgegen. Und wir meinen, dass sich darin unsere Loyalität den Kunden gegenüber ausdrückt. Selbstverständlich auch die Pflege des Guten Geschmacks.
Kunde:
Bewusst folge ich keinem Programm, aber sicher leiten auch mich Ideen beim Kauf.
Fachmann:
Möchten Sie sich erst einmal setzen und eine Tasse grünen Tee nehmen?
Kunde:
Ja. Gerne.
Fachmann:
Zu verstehen, dass ein Gegenstand mit großem Wissen und Können, mit Sorgfalt und Hingabe hergestellt wurde, beflügelt die Menschen, das wissen wir. Dabei erweist sich die Ästhetik nur als ein Element. Hinzu kommen Geruch und Material, Verarbeitung und Herkunft, auch die Marke – als Garant für Qualität.
Kunde:
Ja. Wenn eine Marke keine Maskierung ist, die den Nutzer täuschen soll, wird man nicht enttäuscht.
Fachmann:
Setzen wir uns an den Teetisch?
Kunde:
Gerne. – Sie servieren den Tee in "meiner" Kanne?
Fachmann:
Damit Sie sie vor dem Erwerb einmal anfühlen, mit den Händen umschließen können, wenn sie etwas abgekühlt ist. Gießen Sie den Tee doch bitte ein. So prüfen Sie, wie sie sich halten und kippen lässt. Das ist ja neben dem Fassen des Tees eine wichtige Funktion. Und prüfen Sie unbedingt, ob die Kanne beim Ausgießen tropft. Wie Sie sehen, lässt der Deckel beim Einschenken der ersten Tasse keinen Unterdruck im Kannenbauch entstehen, durch den der Tee erst verzögert und dann unter erhöhtem Druck schwallartig aus der Kanne ausfließt. Dafür sorgt das winzige Loch im Deckel der Kanne.
Kunde:
Alles in bester Ordnung. Und der Tee schmeckt mir sehr gut. Ich frage mich, ob er in einer hässlichen, schlecht gearbeiteten Kanne auch ein solches Aroma entwickeln würde.
Fachmann:
Das ist unfraglich ein ausgezeichneter Tee. Ein Gyokuro, ein Schatten-Tee aus Uji. Einst stand er nur dem Tenno zu. Noch heute wird er in Japan nur ehrwürdigen Gästen angeboten. Der Tee bildet die Basis, aber man darf den Rest, das Ambiente, für den guten Geschmack des Tees nicht unterschätzen.
Kunde:
Offenbar entfaltet sich das Behagen erst, wenn die angemessenen Dinge beieinander sind. Dann entwickelt nicht nur der Tee sein Aroma und seine Wirkung, indem die rechte Menge Tee bei der rechten Temperatur und in der rechten Zeit zieht, auch die geistige Aufnahmebereitschaft der Teetrinker scheint sich zu weiten. Darüber wissen Japaner und Chinesen besser Bescheid. Der Chinese Lu Yu zählt vierundzwanzig Dinge auf für das Zubereiten von Tee. Damit die Zeremonie gelingt, sind sie in einer bestimmten Reihenfolge und in angemessener Weise zu handhaben.
Fachmann:
Man sieht, was man beim Kauf eines Alltagsgegenstandes wie einer Teekanne alles beachten kann.
Kunde:
Für die Japaner reflektieren das Teegeschirr und die Art seiner Handhabung eine geistige Haltung. Diese geistige Haltung ist wohl der Gute Geschmack.
Fachmann:
Ja. Und nun sehen Sie, dass auch beim Einschenken der letzten Tasse der Deckel in der Fassung bleibt und nicht in die Tasse fällt.
Kunde:
Die Kanne hat ihren Preis – zurecht. Sie erzeugt eine wunderbare Aura, entfaltet den Geschmack des Tees und öffnet unsere Sinne – wie die Poesie.
Fachmann:
Die Teekanne bringt die Dinge auf den Punkt.


Guter Geschmack und Qualität


Das Gehaltvolle der Dinge ist ihre Qualität. Sie wirkt wohltuend auf unser Gefühl und ist eine Herausforderung für unser Denken. Sie hat eine Wirkung auf die Physis, die Psyche und das Verhalten des Menschen. Sie zeigt sich im Zurückgeworfensein des Menschen auf sich selbst – wenn es nur noch um das Wesentliche geht.

Bei Krankheit oder im Angesicht des Todes fällt alles Äußerliche vom Menschen ab. Der Kranke will die Krankheit überwinden, dem Tod ausweichen. Äußerlichkeiten wie Ehre und Ruhm, volle Terminkalender und rasante Autos sind hilflose Mittel. Hilfreicher sind Ruhe und Rückzug und die Konzentration auf das Wesentliche: Auf das Leben, das erhalten werden will. Der Getroffene reduziert sich und wendet sich nach innen. In der Reduktion auf das Wesen der eigenen Existenz und die Besinnung auf das Leben wird der Mensch zu einem Erkennenden. Doch auch im Zustand positiver Gestimmtheit kann sich der Mensch zurücknehmen. Wie Liebende ihren Sinn in der Konzentration auf das Wesentliche – sich selbst – finden. Liebe und Krankheit offenbaren sich als elementare Zustände des menschlichen Daseins: das Bewahren des Lebens in der Krankheit sowie Kommunikation, Fortpflanzung und Freude in der Liebe. Auch Liebende sind Erkennende.

Liebe und Krankheit machen den Menschen auf etwas Wesentliches seiner Existenz aufmerksam und legen ihm nahe, aus dem eigenen Wesen heraus zu leben – nicht nur aus den Gewohnheiten und Äußerlichkeiten, nicht nur aus den Regeln und Zwängen des Alltags. In der Reduktion offenbaren sich ihm Qualität und Lebensqualität.
Aristoteles definiert das Wesen als "Was es ist, dies zu sein". Als Washeit, die in eins fällt mit den lateinischen Begriffen quale und qualitas, von denen sich das Wort Qualität herleitet, und Eigenschaft, Merkmal und Wesen bedeutet.

Qualität ist das Wesen einer Sache. Wie die Reduktion in der Krankheit und in der Liebe, in denen der Mensch eine Erweiterung seines Alltagsdasein erfährt und sensibel wird für die Qualitäten des Daseins. Die Konsequenz daraus sind die Wertschätzung des eigenen Lebens, die Verantwortung für andere und das Engagement für die Natur. Das Leben aus dem Wesen heraus ist die Hinwendung zu Qualität und zu einem nachhaltigen Leben. Deshalb sind Gegenstände des Guten Geschmacks von hoher sachlicher und gestalterischer Qualität, da auch sie wie Elemente der Natur im Ganzen des Seins verankert sind. Dadurch lassen sie neben ihrer funktionalen auch eine poetische Beziehung zu – den Bezug auf das Ganze des Seins. Ein Mehr an Qualität ist erforderlich, damit ein Mehr an Lebensqualität in die Welt gelangt.
Der Feind von Qualität ist das Mittelmaß. Sind Gleichgültigkeit und das Verfehlen des Wesentlichen in der Beliebigkeit. Mittelmaß ist kein mittleres Maß und nicht Ausdruck einer Ausgewogenheit, sondern eine Haltung der Lieblosigkeit, der Verachtung und Selbstverachtung. Nicht deshalb, weil Produzenten und Gestalter mit mittelmäßigen Produkten die Masse bedienen, sondern weil sie aufgeben, den Menschen zu dienen und durch gute Produkte und hohe Qualität den Guten Geschmack zu bilden. Mittelmäßigkeit inspiriert nicht, fördert weder Selbstvertrauen noch Orientierung, noch verschafft sie Freude und Motivation. Eher Umweltzerstörung und Depression.

Das Wesen einer Sache und ihre Qualität haben immer eine komplexe Ordnung. Deshalb ist Guter Geschmack das Angesprochensein aller Sinne, in dem sich das Wesen der Sache mit dem Wesen sowohl des Menschen als auch der Natur verbindet. Wer diese Wesenheiten erkennt und erfühlt, verfügt über Guten Geschmack.
Die Wirkung des Designs liegt darin, dass alles, was dem Menschen in die Sinne gelangt, eine bleibende verändernde Wirkung auf ihn ausübt. Da die Welt heute vorwiegend aus Produkten des Menschen besteht, und die guten Produkte den Menschen in seiner Entwicklung fördern und ihn in seiner Existenz stützen und anspornen, wird die Verantwortung deutlich, die im guten Design liegt. Guter Geschmack ist das Erkennen von Qualität.


Guter Geschmack und Verantwortung


In der gegenwärtigen Weltlage kann es sich der Mensch nicht leisten, den Guten Geschmack auf die Ästhetik eines Produkts zu verkürzen oder ihn als individuelles Meinen abzutun. Denn unter den Bedingungen der Globalisierung gehört zum Guten Geschmack eine Sensibilität für die Natur, für den Haushalt, aus dem der Mensch hervorgegangen ist: für das All und für die Erde mit ihren vielen Zimmern – den Lebensräumen für Pflanze, Tier und Mensch.

Wenn der Mensch auf die gegenwärtige Krise antworten will, muss er lernen, in ökologischen Zusammenhängen zu denken und zu fühlen und sein Sensorium in dieser Dimension ausrichten – er muss in seinem Tun verantwortlich werden. Die Verantwortung für das Ganze des Seins ist sein Engagement, seine Motivation – die Bewegtheit, die von innen, von seinem Wesen herrührt – wie in der Krankheit und der Liebe.
Motivation ist Antrieb zum Handeln und Verhalten, das sich an Prinzipien wie Freiheit und Verantwortung (Realitätsprinzip) orientiert oder an der Lust (Lustprinzip) und läuft auf das verantwortungsbewusste Gestalten von Lebenswelt, Arbeitswelt und Umwelt hinaus, aus dem neue Motivation erwächst. Motivation, die ein Objekt des Guten Geschmacks stiftet, verbindet sich über das Formale und Stoffliche hinaus mit dem Politischen, mit internen Strukturen von Unternehmen und Institutionen sowie einem persönlichen Engagement für die Welt.

Die Maschinerie unablässigen Produzierens von Design hat mächtige Krisen hervorgerufen. Das Haus der Erde ist zwar groß, dennoch ist seine Energie und Biomasse begrenzt. Deshalb müssen die Menschen mit der Lebensgrundlage Erde angemessen umgehen und sich für eine Lebensweise entscheiden, nach der sie sorgfältig und verantwortungsbewusst – also nachhaltig – mit den Stoffen der Erde und ihrer Energie umgehen. Nachhaltigkeit ist um so erforderlicher, je mehr die schon enorme Weltbevölkerung bei begrenzten Ressourcen weiter ansteigt.

Damit Menschen motiviert werden, die Natur zu erhalten, ist ihre innere Natur auszubilden. Bei dieser gesellschaftlichen Aufgabe kommt Gestaltern eine große Bedeutung zu. Denn gute Produkte als Dinge des Alltags geben den Menschen Festigkeit und Zuversicht, die wiederum eine Basis für Motivation bilden und den Menschen zu einem verantwortungsvollen Leben anspornen.
Motivation ist eine Förderin Guten Geschmacks. Der Gute Geschmack, den sie fördert, wirkt zugleich motivierend zurück auf den Menschen, bei dem wiederum der Gute Geschmack gefördert wird. Das Geschmackvolle motiviert, setzt den Menschen in Bewegung und wird zur Kostbarkeit an sich.

Die Begabung des Gestalters zum Guten Geschmack liegt in der Fähigkeit der differenzierten und offenen Sinne. Seine Spezialität ist, dass er Sinnlichkeit und Gefühl wieder in die Schemata der Produktion einführt, die emotionalen mit den rationalen Strukturen verbindet. Das macht den Guten Geschmack des Menschen zu einem Werkzeug, zu einer Lebenshaltung, zu einer Philosophie. Zu einem Meta-Sinnesorgan, das alle Sinnesarbeit des Menschen und sein Wissen in einem Geschmack, dem Guten Geschmack konzentriert. Auf lange Sicht kann das Prinzip Guter Geschmack die Krise meistern und das Haus des Menschen und das Haus der Menschheit halten – hergerichtet mit Dingen des Guten Geschmacks.


Hajo Eickhoff / Jan Teunen
31.03.2006



Quelle: www.objektform.de






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