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10. Apr. 2007

Oikologische Unternehmenskultur.
Nothing comes from nothing.

Achte auf deine Worte, denn sie werden deine Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden deine Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
Talmud

Die Geschäftsführer eines Traditionsunternehmens, die einander nicht grün sind, zerstören die Tradition des Unternehmens. Dennoch hat dieses Unternehmen eine Unternehmenskultur.
Ebenso hat ein ehemaliges Familienunternehmen Unternehmenskultur, das von Private Equity Gesellschaften übernommen wurde und deren neue Vorstände sich in Folge der Übernahmeturbulenzen in einem Sicherheitstrakt verschanzen müssen, um sich vor Übergriffen seitens der Belegschaft zu schützen.
Auch das bekannte Unternehmen, das damit wirbt, dass eine einstige Todsünde geil sei und die Konkurrenz mit Abmahnungen und Klagen überzieht, verfügt über eine Unternehmenskultur.


Destruktive Unternehmenskultur


Wir sehen daraus, dass der Begriff der Unternehmenskultur für sich betrachtet bedeutungslos ist, denn jedes Unternehmen hat Unternehmenskultur. Der Begriff Unternehmenskultur ist dehnbar wie ein Gummiband.
Deshalb lassen sich Unternehmen nur nach Art und Maß ihrer Kultur unterscheiden. Eine Unternehmenskultur setzt sich aus Werten, Ansichten, Zielsetzungen und Gewohnheiten zusammen. Aber welche sind das?
Eine Vielzahl von Unternehmen lähmt durch ihre Unternehmenskultur das Engagement der Mitarbeiter und verbreitet Angst. Laut brand eins engagieren sich in Deutschland nur 14% der Beschäftigten für ihr Unternehmen und ein renommiertes Institut ermittelte, dass 60% aller Beschäftigten mit berufsbezogenen Ängsten am Arbeitsplatz sind. Angst ist unproduktiv, zerstört sie doch Geistesgegenwart, lässt die Inspiration versiegen und trocknet das kritische Bewusstsein aus. Angst ist ein Verlustproduzent auf ganzer Linie. Unternehmenskulturen, die Angst produzieren, sind destruktiv und belastend. Das Resultat destruktiver Unternehmenskulturen ist ein Verlust der Ausgewogen- und Angemessenheit.


Oikologische Unternehmenskultur


Die Alternative sind oikologische Unternehmenskulturen. Die entstehen bei Unternehmen, die versuchen, alles in ihrem unternehmerischen Handeln zu berücksichtigen – eben das Ganze, den Oikos. In ihren Bilanzen sind ausdrücklich die Einheit der Dinge des Menschen, der Gesellschaft und der Natur ausgewiesen. Oikologische Unternehmenskulturen tragen zum Erreichen einer natürlichen, gesellschaftlichen und individuellen Angemessenheit bei. Sie beschützen und motivieren ihre Mitarbeiter und produzieren Glück statt Angst. Unternehmen, die sich eine solche Kultur erarbeiten, gehen konform mit dem Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen."


Interne Reiberei


Die Realität sieht anders aus. Im Durchschnitt geht ein Drittel aller Investitionen verloren durch innere – das heißt personalbedingte – Reibereien. Informationen werden blockiert, Mitarbeiter harmonieren nicht oder missverstehen sich, werden krank durch das Gefühl, in dem Unternehmen nicht weiter zu kommen oder unterdrückt zu sein. All das nimmt die Motivation bei der Arbeit und schwächt die Wirtschaftskraft eines Unternehmens. Der Tatbestand wird immer häufiger Gegenstand von Untersuchungen, denn die Menschen verstehen, dass Wirtschaftskraft nicht nur Geldflüsse in Bewegung bringt, sondern vor allem Motor von Gesellschaft und Moral, von Kultur und Ästhetik ist bzw. sein soll.


Wirtschaft und Ethik


Um diese umfassende Kraft auszubilden, müssen sich Unternehmen um die Ausgewogenheit von wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung kümmern. Diese Ausgewogenheit ist die Voraussetzung für das Entstehen einer oikologischen Unternehmenskultur, aus der sich die Werte Dialogbereitschaft und Solidarität, Achtsamkeit und Verantwortung entwickeln lassen. Sitte, Moral und Ethik versammeln die Werte einer Gemeinschaft. Sie verbinden zuerst die Menschen miteinander, sollten aber auch die Gemeinschaft mit der Natur und dem Naturstoff verbinden.
Unter den Bedingungen der Globalisierung, in der die Menschheit zu einer Weltgemeinschaft zusammenwächst, muss auch die Ethik zusammenwachsen. Sie muss zu einer Weltethik werden. Eine Weltethik fasst alle Kulturen zusammen, lässt ihnen aber die Eigenständigkeit. In einem solchen Modell findet ein ideeller demokratischer Diskurs zwischen den Kulturen statt. Unternehmen mit einer so weit gefassten Ethik entwickeln eine oikologische, das heißt positive Unternehmenskultur. Das unternehmerische Handeln einer oikologischen Unternehmenskultur besteht im Erarbeiten von Strukturen, die es ermöglichen, die Mitarbeiter für die Arbeit, für das Miteinander und das Engagement für Natur und Gesellschaft zu motivieren. Eine solche Unternehmenskultur produziert in allen Bereichen Qualität – im gegenseitigen Handeln, in der Arbeit und in der Art, die Dinge zu produzieren und zu konsumieren.
Darin steckt der Gedanke, dass der Mensch nicht nur sich und dem Unternehmen, sondern auch einem allgemeinen Zweck zu dienen bereit ist. Geld ist nicht die Mitte des Lebens. Der Mensch muss das ganze Haus besorgen, das heißt für die Ordnung des Hauses Sorge tragen. Das Unternehmen, das ein gut besorgtes Haus ist, bedeutet Schutz und Wirtschaftlichkeit (das ist die Ökonomie), Zusammengehörigkeit und Naturpflege (das ist die Ökologie). Nur wer sein Haus gut besorgt, bringt es in eine angemessene Relation zu dem großen Haus, dem Kosmos. Das ist der Beginn der Nachhaltigkeit.
Ethik, diese auf das Handeln ausgerichtete philosophische Disziplin, wird in der krisengeschüttelten Gegenwart wieder beachtet, weil ethische Fragen in Zeiten erörtert werden, in denen unsere Wertvorstellungen nicht mehr mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Was bedeutet dies für Unternehmen, die anderen Unternehmen dabei helfen, sich in der Welt einzurichten, also für Unternehmensentwickler, Planer und Projekteinrichter?


Gestaltungsethik


Eine Hauptaufgabe von Unternehmen, die andere Unternehmen einrichten, ist es, Poesie zu schaffen. Und somit Fragen nach der Herkunft von Produkten zu stellen, nach Herstellungsverfahren, nach Zukunft und Nachhaltigkeit. Fragen nach den Verfahrensweisen und danach, wie viel Energie für ein Produkt aufgewandt und wie viel Naturstoff bewegt werden muss.
Einrichtungsgegenstände sind Produkte. Der Stoff wird mit der Hand aus der Erde hervorführt. Das Resultat ist das Pro ducere – das Heraus geführte. Mit der Verwandlung der Natur durch die menschliche Hand begann die Evolution der Gegenstände und mit ihr die Geschichte der Gestaltung im engeren Sinne. Da das der Natur entnommene dem Bereich der Götter angehörte, musste es sorgsam behandelt werden. Es war die Sorgfalt im Produzieren, Herstellen und Gestalten, welches das der Natur Entnommene in den Rang des Kostbaren erhob. Hierin liegt ein Ursprung aller Gestaltungsethik, da das Schonen des Gegenstandes – das ist seine Schönheit – als Ausgleich für die Verletzung des Naturstoffes durch seine Gestaltung aufgefasst wurde. Gute Einrichter sehen das auch heute so, und das Ergebnis ihrer Arbeit sind deswegen Einrichtungen von hoher Qualität. Eine Qualität, die dazu beiträgt, dass dem Unternehmen als Haus die Verbindung mit dem Haus des Kosmos gelingt.


Schönheit


Wenn Unternehmen nachhaltig tätig sind, erweitern sie die Produkt- und Marktorientierung ausdrücklich um die Gesellschaftsorientierung. Das wird jedoch nur dann gelingen, wenn sich die Stakeholder des Unternehmens engagieren. Dazu müssen sie motiviert, also von innen her bewegt werden. In dem Zusammenhang spielt die Qualität der Einrichtung eine wesentliche Rolle. Qualität und gute Form sollten eine große Verpflichtung für jeden sein, denn sie haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung und auf das Wohlbefinden des Menschen. Die gute Qualität wirkt über die Sinnesorgane positiv auf das Gemüt der Menschen und ist verantwortlich für das was wir Lebenssinn nennen. Das macht deutlich, dass eine schöne und den Aufgaben angemessene, eine sachliche und anregende Einrichtung Bestandteil einer oikologischen Unternehmenskultur ist. Schönheit stützt den guten Geschmack; Angemessenheit macht die Arbeit effizient; Sachlichkeit beruhigt bei der Arbeit; Anregung belebt die Kreativität. Schönheit, Angemessenheit, Sachlichkeit und Anregung erzeugen ein positives Selbstbild und geben den Menschen einen Ruhepunkt. Ruhe ist wichtig, damit der Mensch mit Freude, Gelassenheit und Kreativität seine Arbeit verrichten kann.


Meinen kleinen Exkurs zum Thema Unternehmenskultur runde ich mit einer Ermutigung für die Leser ab: Jeder kann an seinem Ort dazu beitragen, das Unternehmen zu oikologisieren. Wer z. B. andere Unternehmen einrichtet, kann zum Botschafter des Schönen und der Nachhaltigkeit (Schonen) werden, er kann guten Geschmack verbreiten, Wissen weitergeben und Motivation fördern. Ich schließe mit der einfachen und optimistischen Weisheit des chinesischen Lehrmeisters Mẽng Tzữ: "Es ist möglich als großer Mensch zu handeln." Möge er ein Motiv werden für unser aller berufliches und kulturelles sowie privates und gesellschaftliches Engagement.


Jan Teunen
Cultural Capital Producer
Teunen Konzepte GmbH
Schloss Johannisberg, im November 2006


Quelle: www.objektform.de






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