The space between us
Plätze prägen das Stadtbild und geben Orientierungspunkte. Historisch markieren sie das Zentrum – meist um eine Kirche oder ein öffentliches Gebäude. Als Brunnen- oder Marktplatz waren und sind sie kommunikativer Treffpunkt, sie entwickeln eine hohe Dynamik für das Umfeld. Dennoch: Damals wie heute gibt es viele Plätze, die nicht optimal genutzt werden, die vereinsamen oder als tote Plätze gelten. “Platz sein” allein reicht eben nicht aus. Eine kritische Betrachtung des Phänomens “freier Stadt-Raum”.Plätze schaffen Perspektiven
Historisch gewachsen ist für sie charakteristisch, dass sie über keine lineare, geometrische Planung verfügen. Das schafft Perspektiven und Variantenreichtum. Jeder Punkt hat seine eigene Charakteristik, der zum Verweilen oder Passieren einlädt.
Mitunter ebenso verantwortlich für die Akzeptanz eines Platzes ist die Fassadenattraktivität und -qualität sowie deren Eignung zur Platzperipherie. In diesem Sinne werden Platzgebäude auch immer aufwändiger gestaltet als die dahinter liegenden Gebäude.
Zudem steht ein Platz immer in einem Minimalverhältnis zu den umliegenden Gebäuden und eröffnet neue Sichtweisen. Selbstverständlich haben so manche Plätze eine Eigendynamik entwickelt und überwinden dieses Minimalverhältnis. Ein gutes Beispiel dafür ist der New Yorker Time Square. Dieser Platz bietet mehr als aufwändige Fassaden. Es sind die interessanten Perspektiven, die von diesem Platz wegführen und die Wege, die einen andererseits wieder anlocken. Solche Perspektiven sind für Plätze unerlässlich, um sich als eben solche zu qualifizieren, egal in welcher Stadt man sich befindet.
Sieht man von einigen historischen Beispielen ab, die bis in die Antike reichen, so hat gezielte Städteplanung erst im 19. Jh. eingesetzt. Bewusst wurden Prunkstraßen und Plätze angelegt. Ein bekanntes Beispiel ist Paris, wo unter Haussemann ganze Stadtviertel geschliffen wurden, um neue Straßenzüge und Plätze zu schaffen. Neben ihrer strategischen und zunehmend verkehrstechnischen Bedeutung stand der Repräsentationscharakter im Vordergrund. In ihrer stilistischen Einheit sind sie prägend und imposant, eignen sich aber wenig als öffentlicher Aufenthalts- oder Lebensraum.
Werden heute im Zuge von Stadterweiterungen Plätze geplant, so werden sie vorwiegend als Freiräume zwischen den Bauten und gerne als Grünflächen angelegt. Auch sie eignen sich wenig als erweiterter Lebensraum. Oder sie ergeben sich als verkehrstechnische Knotenpunkte.
Was macht den Platz zum Platz?
Ein Platz wird nur dann als Platz erlebt, wenn er aus einer Abfolge von Verdichtung und Erweiterung entsteht, aus dem Spannungsverhältnis von Enge und Weite. Auf einem strikt rechtwinkelig geplanten Platz, womöglich mit zentral zulaufenden Straßen, findet man schwer individuelle Identifikation. - Das Auge fängt sich erst bei Krümmungen, Schrägen und baulichen Differenzierungen.
Der Anspruch ist klar definiert - Plätze sollten im urbanen Leben erweiterter, öffentlicher "Wohnraum", Treffpunkt und Kommunikationsraum sein. Schade nur, dass genau dieses zumeist vernachlässigt wird oder ausschließlich theoretisch in den Köpfen der Planer stattfindet. Das wahre Leben spielt jedoch anders. Über Akzeptanz oder Nichtakzeptanz entscheidet eine Vielzahl von Kriterien, die sich außerhalb der Designkoketterie abspielen.
Aktuelles, viel diskutiertes Beispiel ist der Wiener Schwarzenbergplatz, bei dem autistisch Erlebnisfunktionen ohne städtebaulichen Kontext gestaltet wurden, die praktisch nicht erlebt oder gelebt werden. Was wahrgenommen wird, ist eine Pflastersteinwüste mit Verkehrsadern und ein Säulenwald mit flutlichtähnlicher Beleuchtung.
Manche funktionieren, manche nicht
Das Phänomen von ungenutzten Plätzen häuft sich besonders in so genannten Satellitenstädten und lässt sich hier schlicht auf die geringe Bevölkerungsdichte zurückführen: Außer der üblichen Nahversorgung gibt es kaum weitere Geschäfte. Wie auch? Zu geringe Käuferdichte ist für eine Geschäftsansiedelung eben nicht lukrativ genug.
Dennoch suchen Menschen hier ebenso wie in einer Stadt ihre Intimität und ihr Privatleben, jedoch leben sie in einem Rahmen, der eher dem eines Dorfes entsprechen würde. So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Satellitenstädte "ausgestorben" wirken, da sie zumeist fast ausschließlich aus Wohngebieten bestehen. Damit jedoch Leben in einer Umgebung Einzug halten kann, ist ein gelungener Mix aus Geschäfts- und Wohngegend wichtige Voraussetzung, denn nur wenn die Umgebung stimmt, können auch belebte Plätze entstehen.
Allerdings - Leben lässt sich nicht von heute auf morgen implementieren. Schließlich entstehen auch Menschen nicht an einem Tag.
Mehr Platz für Wien.
Versucht man nun, Wien und den zuvor genannten gelungenen Mix in Zusammenhang zu bringen, stellt man fest, dass Wien häufig zugunsten großer Einkaufsstraßen als urbaner Plätze entscheidet. Selbstverständlich besitzen auch diese Straßen ihre Berechtigung, allerdings haben sie Geschäfte und aktives Straßenleben auf wenige Punkte konzentriert. Ein kurzer Vergleich mit Paris: Egal, wo man sich in dieser Stadt aufhält, man sieht und findet Geschäfte und Gastronomie überall – ob Boutiquen, Bistros oder Brasserien. Wie so viel Handel bestehen kann, verwundert zwar, dessen ungeachtet gibt es ihn im vermeintlichen Überfluss...
Trotzdem sind die meisten Wienbesucher zu Recht begeistert von der Pracht dieser Stadt. Mit Sicherheit liegt dies nicht an der Größe dieser Metropole, denn Größe ist kein Kriterium dafür, wie aufregend eine Stadt und ihre Plätze sind. Vielleicht ist der Grund dafür ja ganz anderswo zu suchen – nämlich bei der Mentalität und Offenheit der Einwohner.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Marcus Kutschera




