Vernetzt wohnen im 21. Jahrhundert: Smarter als smart
Visionen kennen bekanntlich keine Grenzen, obwohl den kreativen Ideen punkto Wohnen Grenzen im Sinne der eigenen Wände nie abhanden kommen. Wer glaubt, unsere Lebensräume könnten einst so aussehen wie in Truffaults Science-fiction Film “Farenheit 451”, irrt. Das tun sie nämlich schon.Angeblich stand eines der ersten Demo-Häuser zum Thema "Intelligentes Wohnen" im japanischen Nishi Azuba und war von Prof. Ken Sakamura 1989 für 1 Billion Yen erbaut worden. "TRON Intelligent House" machte mit seinen 380 integrierten Computern zweifellos Architekturgeschichte.
Mittlerweile haben intelligente Häuser Hochkonjunktur. Die USA und Großbritannien zeigten sich in der Entwicklungsarbeit besonders ambitioniert. Und Bill Gates hatte auch hier wieder einmal die Nase vorn. Die Millionen schwere Villa des Microsoft-Chefs ist schon seit Jahren legendär. Wen wunderts – wer so an der Quelle des Computer-Wissens sitzt....
Mit Technologien wie Active Home, HomeDirector oder Smarthome sollen in den USA und in Kanada bereits mehrere Millionen Häuser ausgestattet sein. Zum einen erstrecken sich deren intelligente Funktionen auf Sicherheitssysteme, Beleuchtung und Temperaturregelung, die über Bewegungsmelder, Fernsteuerung oder Zeitschalter steuerbar sind. Zum anderen gehen solche Vorteile über den reinen Komfortgewinn weit hinaus. Allein durch die flexible Temperaturregelung, die beispielsweise beim Öffnen der Fenster oder Verlassen eines Raumes die Heizkörper automatisch drosselt, verbraucht ein intelligentes Haus bis zu 30 Prozent weniger Energie. Was bei einem Einfamilienhaus eine Reduktion von bis zu 7,5 Tonnen Kohlendioxid ausmachen kann!
Einheitliche Standards
"Die ganze Technik sollte sich nur noch im Hintergrund bemerkbar machen", erklärte Tom Laemmel von der "Windows ehome Division" in der Microsoft Konzernzentrale in Redmond bei Seattle anlässlich der diesjährigen Cebit. Und ist sich mit seinen Kollegen von Dell, Hewlett-Packard oder Sony einig. Vor allem angesichts der boomenden BlueTooth-Technologie. Aber das ist wirklich noch Zukunftsmusik.
Denn noch geht es hauptsächlich darum, dass alle Einzelgeräte und -systeme zentral gesteuert werden und miteinander in Verbindung treten können und dafür braucht es einheitliche Standards, an die sich Hersteller halten. Nicht umsonst haben sich über 100 Unternehmen europaweit zur European Bus Association zusammengeschlossen, um einheitliche Maßstäbe für künftige Entwicklungen zu garantieren.
Technik im Hintergrund
Doch all das scheint tatsächlich erst der Anfang zu sein. "Anstelle der typischen Wandoberflächen werden Kunstwerke auf riesigen Flachbildschirmen rotieren – wir werden nicht einmal mehr sehen, dass es ein Monitor ist", meint Faith Popcorn, die Trendscouterin und Schöpferin des "Cocooning". "Mit dieser Art von interaktiven Wänden ist alles möglich – Wandbilder, virtuelle Reisen. Man kann sagen: zeige mir diesen Anzug in 50 verschiedenen Farben oder die Bilder des letzten Familienfestes". Ihr prognostizierter Rückzug ins Private bekommt damit wieder neue (angenehmere?) Dimensionen.
Revolution der Baumaterialien
Die New Yorker Architekturfirma Hariri & Hariri entwirft schon heute Häuser, in denen die gesamte Wand des Schlafmoduls aus zweieinhalb Meter hohen und breiten Flachbildschirmen besteht. Die Technologie für diese Schirme gibt es bisher nur als Bestandteil der amerikanischen Spaceshuttles – doch wer weiß, was mit entsprechender Förderung schon in ein paar Jahren möglich ist.
"Ein weiterer entscheidender Impuls wird, so glauben viele Designer, von den Fortschritten in der Materialforschung ausgehen", berichtet das Wissenschaftsmagazin scinexx.de. "Stoffe, die dank integrierter Glasfasern ihre Farbe ändern, Baumaterialien, die sich je nach Wunsch warm oder kalt anfühlen können oder biotechnisch produzierte Kunststoffe, die Naturmaterialien imitieren, ohne deren Nachteile zu haben.... Sogar die Raumaufteilung könnte revolutioniert werden. Warum nicht einen einzigen großen Raum schaffen, in dem gearbeitet, geschlafen, gegessen wird oder das Bad als Mittelpunkt des Hauses wählen? Wenn die Wände zudem aus Materialien bestehen, die wahlweise durchsichtig oder undurchsichtig werden können, genügt ein Knopfdruck, um einen öffentlichen Raum in einen privaten Rückzugsbereich zu verwandeln."
Living Tomorrow
Wer sich unter all dem nur schwer etwas vorstellen kann, sollte tunlichst nach Vilvoorde in der Nähe von Brüssel reisen. Dort steht das Mutimedia-Modellhaus "Living Tomorrow 2", ein Gemeinschaftsprojekt von 96 Unternehmen, darunter Microsoft, Phillips, Xerox, 3Com und andere.
Das 1991 von Peter Bongers und Frank Belien entwickelte Projekt Living Tomorrow hat das erklärte Ziel, in realistischer Art und Weise Lebens- und Arbeitsumgebungen von Morgen zu zeigen. In Koopertion mit zahlreichen Spezialisten und führenden Herstellern, von denen jeder sein Know-how und seinen aktuellen Entwicklungsstand einbringt.
In den 90ern eröffnete Bill Gates höchst persönlich das erste "House of Living Tomorrow" in Brüssel. Letztes Jahr wurde aufgrund des enormen Publikumszulaufes mit 20 Mill. Euro ein Standort in Amsterdam eröffnet.
"80 Prozent der präsentierten Lösungen sind marktfähig, 20 Prozent sind Zukunftsvision", so die Betreiber. "Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn Sie den Badezimmerspiegel, den Kühlschrank oder die Waschmaschine ans Internet anschließen", heißt es in der Liv-Tom-Broschüre. Die Veränderung der Häuser ist vorprogrammiert – im Gleichschritt mit den beteiligten Unternehmen. 2005 will Philips übrigens einen Bildschirm in Form einer flexiblen Plastikfolie auf den Markt bringen........





