What matters
Bauen in Südafrika und Bangladesh, Design für die anderen 90%: Die Initiative BASEhabitat und eine Ausstellung zeigen Beispiele für nachhaltige und kostengünstige Lösungen, um Armut zu bekämpfen oder zumindest erträglich zu machen.Innehalten ist ein Gebot der Stunde. Die Krise bietet Anlass und Atempause, das eigene Tun und Denken infrage zu stellen. Soziale Verantwortung rückt in den Mittelpunkt. Jene, die längst Unbehagen verspürten, sind beispielgebend dafür, wie brisante soziale, politische und ökologische Zusammenhänge in eigenen Projekten aufgezeigt und Lösungsansätze gefunden werden können. Bezugspunkte bieten die 1960-er Jahren, als Wirtschaftsdenker, Architekten und Designer nach neuen Konzepten suchten (vgl. unseren Buchtipp: Victor Papanek, Design für die reale Welt).
"Saving the world is back in fashion", schreibt die Londoner "The Times" anlässlich der Emerging Architecture Awards. Die kritische Haltung junger Architekten gegenüber dem Bauen würdigt sie mit der Empfehlung: "..think very carefully before you build, and if you have to build, tread lightly on the Earth." Zu den Gewinnerprojekten der Jahre 2006 und 2008 zählen insgesamt drei von BASEhabitat, einem Projektstudio, das an der Kunstuniversität Linz / Lehrstuhl Prof. Roland Gnaiger, seinen Ausgang nahm.
Bauen mit Lehm und Bambus
Bangladesh, das Dorf Rudrapur. Anna Heringer, inzwischen Leiterin von BASEhabitat, absolvierte hier vor Studienbeginn in Linz ein freiwilliges soziales Jahr. Während des Studiums entwickelte sie vor Ort gemeinsam mit StudienkollegInnen eine Dorf- und Bebauungsanalyse (2002), um anschließend dem Schulbau "METI – handmade school" ihre Diplomarbeit zu widmen.
In Rudrapur stehen alle von BASEhabitat inzwischen in Bangladesh realisierten Bauprojekte. Rudrapur liegt im Norden von Bangladesh, einem der dichtest besiedelten Länder dieser Erde. Armut und mangelnde Infrastruktur treibt viele Menschen vom Land in die Städte. Deshalb versucht die lokale NGO der Dorfbevölkerung neue Perspektiven zu geben, zum Beispiel mit dem Schulprojekt: Es soll die Kinder in ihrer Identität stärken.
Anna Heringer griff mit METI-school (realisiert 2005) diesen Ansatz auf, vernetzte Dorfbewohner, Schüler und Lehrer und machte sich kundig in traditionellen Bautechniken. Lehm und Bambus sind dort vorhandene, kostengünstige Materialien, die außerdem dem subtropischen Klima hervorragende Eigenschaften entgegensetzen. Gemeinsam mit Lehmbau- und Bambusexperten erarbeitete sie und ihr Team eine verbesserte Technologie – und vermittelte sie an lokale Bauarbeiter und Dorfbewohner weiter. So gelang es, Bambus und Lehm wieder zu modernen Materialien werden zu lassen. Materialien, die Kultur, Identität und Stolz vermitteln – anstatt nur ein low-cost-Material der Armen zu sein. Die METI-school bildete den Startschuss für die Projekte von BASEhabitat in Bangladesh: sie alle bauen auf Nachhaltigkeit und lokalen Materialien auf.
Heizen mit der Sonne, kühlen mit intelligenten Konstruktionen
BASEhabitat - architecture in developing countries - hat sich das Bauen in Entwicklungsländern zur Aufgabe gemacht. Seit dem Jahr 2004 werden Projekte in Südafrika und Bangladesh realisiert. Das erste Projekt entstand aus einer Idee der NGO SARCH (social and sustainable architecture): Damals planten und bauten 25 Studierende der Kunstuniversität Linz gemeinsam mit heimischen Arbeitskräften ein Heim für behinderte Kinder im Township Orangefarm, Johannesburg / Südafrika. Die Baustoffe für "Living Tebogo" bezog man direkt aus dem Township und dem unmittelbaren Umland: Betonsteine, Erde, Lehm, Holz, Stroh, Grasmatten. Üblich ist dort das Bauen mit gefundenen Blechtafeln, Wellblech oder Karosserieteilen. Der große Nachteil dieser "Shacks"-Hütten: im Sommer wird es unerträglich heiß, in Winternächten empfindlich kalt. In Tebogo entstanden nun Häuser, die ohne Energieeinsatz das ganze Jahr hindurch ein angenehmes Innenraumklima aufweisen. Ein weiterer Vorteil dieser "ortseigenen" Materialien: Sie stärken die heimische Wirtschaft und erleichtern spätere Nachahmung beim Bauen.
"build together – learn together"
Wichtig für BASEhabitat ist die Einsicht, dass Mangel durchaus Kreativität freisetzen kann. Und dass echte Schönheit ein Synonym für Nachhaltigkeit ist. Deshalb sind die Grundzüge von BASEhabitat Projekten ganz klar: Gute Architektur bedeute einen verantwortungsvollen Umgang mit Energie, Materie und Kultur – egal wo man baut. So soll ein auf Dauer guter Lebensraum entstehen.
BASEhabitat geht es um
- Wertschöpfung lokaler Ressourcen und Traditionen
- Angemessenheit der Technik
- Wertschätzung des Handwerks
- Stärkung kulturellen und individuellen Selbstvertrauens
- Unterstützung der lokalen Wirtschaft und des ökologischen Gleichgewichts
- Integration der lokalen Bevölkerung, denn ohne Akzeptanz und Sympathie der Bevölkerung vor Ort könnten die Projekte nicht erfolgreich sein.
Ökologisches Bauen hat einen besonderen Stellenwert: Dabei gibt es vor allem eine Herausforderung: Wie lässt sich der Widerspruch aufheben zwischen Beibehaltung des weitgehend nachhaltigen Ist-Zustandes und der angestrebten Weiterentwicklung des Lebensstandards? Inzwischen hat BASEhabitat geschafft, nicht nur als Vorreiter in Entwicklungsländern zu gelten, sondern auch als beispielgebend für die Industrienationen.
Wie lässt sich Zukunft denken?
Als Folgeprojekt der METI-school wurden in Rudrapur drei zweigeschossige Modellhäuser für die ländliche Bevölkerung errichtet (HOMEmade, 2007). Die zweistöckige Bauweise soll dem Schwinden der landwirtschaftlichen Flächen Einhalt bieten – und in weiterer Folge die Situation der derzeitigen Lebensmittelknappheit in Bangladesh entschärfen.
Ein anderes "Habitat", an dem sich Zukunft denken lässt, ist DESI (2007), eine Berufsschule in Kombination mit Lehrer-Appartements. Eine Photovoltaikanlage (Stromerzeugung mit Sonnenenergie) deckt den gesamten Energiebedarf des Hauses: High-Tech meets Low-Tech. DESI und HOMEmade wurden mit dem AR Award for Emerging Architecture 2008 ausgezeichnet.
Mit DESI geht BASEhabitat einen Schritt weiter: Es ist ein Wohngebäude für den Mittelstand. DESI will zeigen, dass eine faire Entwicklung möglich ist, ohne Kluft zwischen arm und reich, zwischen Tradition und Moderne. Denn der Unterschied zwischen einfacher und verfeinerter Architektur liege nicht primär in der Verfügbarkeit finanzieller Mittel, sondern vielmehr in der Entwicklung der Handwerkskunst, im technischen Know-how und in der Kreativität.
www.basehabitat.ufg.ac.at
Design für die anderen 90%
So lautet der Titel einer aktuellen Wanderausstellung: Sie bietet einer wachsenden Gruppe von Designern aus der ganzen Welt eine Plattform, ihre Ansätze und Vorschläge zu zeigen, wie sie die Lebensbedingungen armer Menschen verbessern möchten. Mit "die anderen 90 Prozent" ist jener Teil der mehr als sechs Milliarden Menschen auf der Welt gemeint, die wenig oder gar keinen Zugang zu Produkten und Dienstleistungen haben, die für viele von uns selbstverständlich sind. Designer, Architekten, Ingenieure, Studenten, Professoren und Unternehmer suchen nach kostengünstigen Lösungen, um den Zugang zu Essen, sauberem Wasser, zu Energie oder nur einem Dach über dem Kopf zu erleichtern.
Ideen als Treibstoff
Mit Objekten wie folgenden will die Ausstellung Augen öffnen: Ein rundes, reifenförmiges Behältnis, mit dem sich mehr Wasser bequemer transportieren lässt als mit Kanistern. Eine Bambus-Trittpumpe, die während der Trockenperiode Zugang zum Grundwasser ermöglicht. Eine tragbare Matte, die dank Fotovoltaik Licht in jede Hütte bringt. Ein Wasserfilter aus Keramik soll Durchfallerkrankungen verhindern. Ein besonders langlebiges Moskito-Netz. Das Wichtigste an diesen Produkten oder neue Techniken ist jedoch: Menschen in Armut zu helfen, die eigene Produktivität steigern zu können.
Die Aufmerksamkeit für das Schicksal jener Menschen, die in Armut leben, wachse, ist Cynthia Smith, Kuratorin der Ausstellung "Design für die anderen 90%", überzeugt. In einem Interview mit der Zeitschrift "brand eins 01/09" sagt sie außerdem: "Die einfachen Lösungen, an denen diese Designer aus der ganzen Welt arbeiten, können Leben nicht nur verbessern. Sie können Leben retten." Auch sie meint: Der Treibstoff der neuen Design-Bewegung gegen Armut sind gute Ideen. Soziale Netzwerke und Partnerschaften zwischen verschiedenen Akteuren sorgen für deren Verbreitung.
Der Auftakt der Wanderausstellung "Design for the Other 90%" war im Cooper-Hewitt-Museum für Design in New York zu sehen.
other90.cooperhewitt.org
Désirée Schellerer








