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22. Sep. 2006

Where are we going? Über Kunst und Unternehmen.

Die Welt der Wirtschaft ist ordentlich in Bewegung, und Bewegung ist nichts anderes als eine Frage, die eine Antwort sucht. Was war die Frage? Gertrude Stein hat nie eine Antwort erhalten auf diese wunderbare Frage, die sie nach einem erfüllten Leben auf ihrem Sterbebett stellte. Es waren ihre letzten Worte. Für alle Lebenden hat der erfolgreiche Entrepreneur François Pinault die Antwort bereit.

Er hat in Venedig das Palazzo Grassi erworben, dieses wunderbare Haus am Canale Grande aus dem 18. Jh., das bis dahin von Fiat als Kulturplattform bespielt wurde. Pinault hat es erworben, weil er davon überzeugt ist, dass Wirtschaftskraft gerade in der jetzigen Passagenzeit sich vorwiegend aus kultureller Kraft speist. François Pinault besitzt u. A. die Gucci-Gruppe, das Auktionshaus Christie’s sowie Chateau Latour. Er hat den japanischen Stararchitekten Tadao Ando gebeten, motiviert und beauftragt, Palazzo Grassi umzubauen. Als das Haus in diesem Jahr seine Pforten wieder fürs Publikum öffnete, erstrahlte es im neuen Glanz, und als aller erstes werden von François Pinault ausgewählte Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst gezeigt. Hauptwerke von Jeff Koons, Maurizio Cattelan, Damien Hirst und vielen anderen reihen sich aneinander wie Perlen an einer Perlenkette. Der Katalog liest sich wie das Who is who? der Kunst von heute. Die Ausstellung hat einen programmatischen Titel, und zwar ist dieser Titel eine Frage. Möglicherweise die Frage, die Gertrude Stein am Ende ihres Lebens abhanden gekommen war. Sie lautet: "Where are we going?"

Eine sehr aktuelle Frage. In der vorhergehenden Ausgabe des Culture Spots haben wir Rüdiger Safranskis Buch Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? vorgestellt. Er ist der Überzeugung, dass die globale Zivilisation zu einem Dickicht geworden ist, und dass der einzelne Mensch und das einzelne Unternehmen in diesem Dickicht eine Lichtung, einen Freiraum schlagen muss. Lichtungen sind eine Voraussetzung für das gezielte Fortschreiten, und Unternehmen erkennen in der Kunst zunehmend eine Lichtung, durch die Standortbestimmung, Orientierung und gezielter Fortschritt erst möglich sind. Kunst kann eine Antwort auf die Frage geben, wohin ein Unternehmen gehen muss, wohin es gehen soll. Dieses Potenzial wurde nicht von Anfang an erkannt. Die Mutter aller Firmensammlungen moderner Kunst wurde 1959 in New York unweit der Wall Street geboren. David Rockefeller, der damalige Präsident der Chase Manhattan Bank wollte Kunst, um die neue Zentrale seines Hauses zu dekorieren. Das einzige Kriterium war Qualität. Er wollte nur das Beste. Aus dem Bedürfnis an Dekoration ist eine Sammlung mit mehr als 10.000 Kunstwerken geworden, die in der ganzen Welt verstreut ist. Die Kunst lädt in 55 Ländern der Welt die Stakeholder des Unternehmens auf. Heute ist für Banken, wenn sie sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, Kunst längst mehr als Dekoration. Als die Sammlung der Schweizer UBS Bank vor einem Jahr in Teilen in der Fondation Beyeler in Riehen ausgestellt wurde, schrieb Marcel Ospel, der Präsident der UBS:

"Die UBS Art Collection ist Ausdruck einer Unternehmenskultur, die sich bewusst mit den Fragen der Gegenwart und der Zukunft auseinandersetzt. Wir wollen nicht nur dem etablierten Kunstschaffen Raum bieten, sondern insbesondere auch dem Visionären der aktuellen Gegenwartskunst. Kunst soll die Pluralität unserer heutigen Welt veranschaulichen und hoffentlich auch zu Diskussionen Anlass geben. Denn der Austausch zwischen Menschen erweitert Horizonte, eröffnet neue Perspektiven und steht oft genug am Anfang von Innovation und Fortschritt."

Innovation und Forschritt machen nur Sinn, wenn im Vorfeld zwei Fragen gestellt und befriedigend beantwortet werden.

1. Warum erneuern?

2. Wohin fortschreiten?


Wenn die Antworten auf diese Fragen auf ein Ergebnis hinweisen, das die Welt insgesamt reicher und nicht ärmer macht, kann fortgefahren werden. Sonst lieber nicht. Damit die Fragen positive Antworten erhalten, dazu braucht es die Kunst. Bevor wir auf das Warum? eingehen, noch einige Statements seitens der für Corporate Collections Verantwortlichen:

Vom Vorstandsvorsitzenden der ABN/AMRO Bank Mr. P. J. Kalff stammt die Bemerkung, dass die Sammlung zeitgenössischer Kunst, die die Bank ab 1977 aufgebaut hat, nicht als Geldanlage oder als Handelsware gesehen wird, sondern ausschließlich dazu da ist, die Lebensqualität der Mitarbeiter und Kunden zu erhöhen.

Zwei Jahre nach dieser holländischen Bank begann die Deutsche Bank mit dem systematischen Aufbau einer Kunstsammlung, die sich inzwischen zur größten Firmensammlung der Welt (mehr als 50.000 Werke) entwickelt hat. Die geistige und emotionale Dividende dieses Engagements, so Dr. Ariane Grigoteit, ist beachtlich.

Auf der Titelseite der November-Ausgabe von Architektur & Wohnen steht als Headline: Kommerz braucht Kunst. Wie Unternehmen mit Künstlern reicher werden. Im Heft werden drei prosperierende Fabrikanten vorgestellt, deren Aufschwung die Kunst begleitet hat. Einer von ihnen, Andreas Dornbracht, wird mit dem folgenden wunderbaren Satz zitiert: "Wer die Kunst mit den Augen des Controllers sieht, hat schon verloren." Ein anderer, der dänische Stofffabrikant Anders Byriel von Kvadrat Dänemark sagt: "Man braucht die Kunst zur Interaktion mit Kunden und Publikum. Mit ihr kommt mehr Emotion, mehr Kraftstoff, mehr Inhalt."

Kunst enthält tatsächlich Kraftstoff
. Das ist der springende Punkt. Der Kraftstoff, der sowohl Körper, Geist als auch Seele Energie gibt, heißt Spirit. Er manifestiert sich als Lebenswille, als der Wille sich zu entfalten, als der Wille universellen Zwecken zu dienen. Unternehmen, die Gesellschaft gestalten wollen, indem sie ihre Produkt- und Marktorientierung ausdrücklich um Gesellschaftsorientierung erweitern, brauchen Stakeholder, die engagiert und motiviert sind. Spirit bewegt den Menschen von innen, und dieser Kraftstoff ist nur in zwei Bereichen konzentriert vorhanden, und einer davon ist die Kunst. Menschen, die aufgeladen werden mit Spirit, haben in der Regel nicht bloß einen Job, sondern vielmehr eine Mission. Kunst – so behaupten kluge Köpfe – mache die Menschen besser. Und die Verantwortlichen in den Unternehmen müssen ihre Stakeholder dazu animieren, die Kunst nicht bloß zu konsumieren. Kunst will, dass die Menschen ihr Schöpfer sind. Sie müssen ihr in ihrem Leben nacheifern – so der große russische Dichter Joseph Brodsky. Wenn die Menschen dies tun, haben sie Orientierung und bekommen sie automatisch eine Antwort auf die Frage: "Where are we going?"


John Nisberg



Quelle: www.objektform.de






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