Vorsicht + Zuversicht = ORGATEC 2010
Rund zwei Jahre nach Einbruch der Wirtschaft blickte man vom 26. bis 30. Oktober gespannt auf die Kölner Büroeinrichtungsfachmesse Orgatec, die den „Erfolgsfaktor Büro“ weiterhin in den Mittelpunkt stellte. Kein neuer Trend ist auszumachen, jedoch nehmen die Entwürfe für neue Formen des Arbeitens klarere und vielfältigere Gestalt an: Büro wird geplant ähnlich einer Stadt, mit Arbeits-, Kommunikations- und Regenerationsbereichen.Verhaltene Zuversicht prägte die Stimmung in einer angeschlagenen Branche, auch wenn die großen Messestände sehr gut besucht waren und abends oft ausgelassene Partylaune herrschte. Insgesamt 608 Hersteller aus 41 Ländern, darunter fast alle führenden Unternehmen, präsentierten auf der bedeutendsten Messe für Büro- und Objektausstattung zahlreiche Neuheiten. Rund 61.000 Besucher aus diversen Ländern waren gekommen – erfreulicherweise deutlich mehr als in den vorangegangenen Jahren. Zu sehen bekamen sie keine wirklich neuen Trends, doch ein Megatrend manifestierte sich deutlich:
Bürolandschaften wie Stadtlandschaften
Schon die Gestaltung mancher Messestände, bei Bene oder Vitra, zeigt: Bürolandschaften sind heute so vielfältig, anregend und abwechslungsreich wie Stadtlandschaften. Büro versteht man hier als Lebensraum, gegliedert in unterschiedliche Zonen und Bereiche – so individuell wie die Tätigkeiten und Arbeitsformen der Nutzer. Offene Büroformen entsprechen dem Trend zu mehr Kommunikation und kooperativem Arbeiten. Deshalb sind intelligente Möbel und Einrichtungssysteme zur Raumbildung und -gliederung besonders gefragt: Sie sollen interessante Strukturen bilden, flexibel sein, Einblick und Abschirmung zugleich bieten, akustisch und visuell.
Generell geht der Trend dazu, im Büro multifunktionale Bereiche zu schaffen, die je nach Bedarf ganz unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden. Inspiriert von Parks und Plätzen in Städten stellten daher verschiedene Anbieter komplette Möbelsysteme vor, die für konzentriertes Arbeiten ebenso wie für Teamwork, Meetings, zum Warten oder Entspannen genutzt werden können. Nahezu alle großen Unternehmen traten mit einem Konzept zum Thema ´multifunktionale Arbeitslandschaften im Open Office´ an.
Offenheit nicht ohne Rückzugsorte
Vitra brachte 2006 mit dem Sofa-Hochlehner "Alcove" der Bouroullec-Brüder ein zukunftsweisendes Produkt auf den Markt: Vier Jahre und zwei Orgatecs später sind viele Nachahmungen, Neuinterpretationen und Weiterentwicklungen zu sehen. Pünktlich zur Orgatec 2010 zogen viele andere Hersteller nach und entwickelten Produktkonzepte für Mittelzonen und informelle offene Arbeitslandschaften, die sowohl zonieren als auch Privatheit bieten.
Mit Communal Cells, ebenfalls von den Bouroullecs, interpretierte Vitra das lange verpönte Cubicle neu: akustisch wirksame Wände, die das Open Space Office gliedern und als Garderoben, Druckerinseln oder Coffee Corners lebendige soziale Treffpunkte bilden.
PARCS für das Open Office
Bene vertiefte mit dem Londoner Designerduo PearsonLloyd die Idee der zonierenden Sitz- und Arbeitsmöbel und launchte bereits 2009 ein bahnbrechendes Möbel-Set für informelle, multifunktionelle Arbeitszonen im Open Office. PARCS verfügt neben den "Ohrensesseln" der Wing Series über zahlreiche weitere Produktelemente wie Toguna oder Causeway und Media Walls, die kommunikatives und kollaboratives Arbeiten auf neue und effiziente Weise unterstützen – auf Wunsch selbstverständlich vernetzt. PARCS bietet Elemente, die gleichzeitig Raum schaffen und gliedern, akustisch wirken, visuell abschirmen und dabei ein völlig neues Arbeitsgefühl vermitteln: ihre Gestaltung lädt ein zum Wohlfühlen.
Phone Booth: Revival eines Klassikers
Ein Highlight unter den Neuheiten ist die Phone Booth – eine völlig neue Möbeltypologie fürs Büro: Sie bietet Mobiltelefonierern, die dem verdichteten Arbeitsplatz fliehen, eine kurzweilige Heimat, akustisch und visuell abgeschirmt.
Auch kleine, ambitionierte Hersteller wie Buzzispace oder Prooff entdeckten diesen Bedarf und entwickelten jeweils eine kleinere Version von Schutz bietender Telefoniergelegenheit.
Von Prooff gibt es außerdem einen interessanten Tisch-Sessel-Hybriden, der zu unterschiedlichster Nutzung einlädt und zugleich mit skulpturalem Charakter besticht.
State of the Art: Medienintegration
Vielseitig, einfach in der Bedienung und dezent im Auftritt – so soll Medienintegration heute sein. Zum Beispiel zeigte Bene neue Möglichkeiten der Techniksteuerung: Eine iPhone- und iPad-Applikation genügt, und schon lässt sich die gesamte Raumtechnik von Konferenzzimmern schalten. Funktional und einfach für die Benutzer.
Walter Knoll zeigte eine ausgeklügelte Medienwand mit integrierter Kamera für Videokonferenzen. Holzmedia bietet für Videokonferenzen ein modulares Telepresence System an.
Stärkste Trends bei Farben und Materialien: Weiß und Nuss
Nach einem überschwänglichem Boom an Tropenhölzern in den Jahren 2006 und 2008, allen voran Makassar und Zebrano, zeigen die Aussteller diesmal vermehrt vergleichsweise ruhige Nuss, aber auch Eiche, vor allem in Grautönen gebeizt oder geräuchert. Walter Knoll setzt mit seinem neuen Headoffice-Programm Mason von Wolfgang C. R. Mezger gleich aufs Ganze: Nicht nur die Tischplatte, sondern auch die ergänzenden Sideboards sind aus massivem Holz. Das schwarz verchromte Gestell rundet das elegante Erscheinungsbild ab.
Weiß ist unumstritten der Hintergrund, vor dem sich alles abspielt. Weiß dominiert – und wird akzentuiert mit Farben wie Aubergine und Fuchsia; Beerentöne waren auf der Orgatec 2010 viel zu sehen, auch etwas Türkis, dafür aber deutlich weniger Grün und Orange als auf den beiden Messen zuvor.
Grauschattierungen sind weiterhin aktuell, vor allem: dazu gesellen sich vermehrt weitere "Nicht-Farben" wie Braun und Beigeschattierungen. Dafür gibt es die Wortschöpfung "Greige". Schwarz ist deutlich weniger zu sehen, dafür ist es groß im Kommen bei Tischgestellen.
Best Office 2010: voestalpine Stahl und Solon
Zu den Höhepunkten der Orgatec zählte die Verleihung des Awards "Best Office 2010", die am 28. Oktober stattfand. Dieser Wettbewerb wurde bereits zum vierten Mal gemeinsam mit dem Magazin "WirtschaftsWoche" vergeben, um zukunftsweisende Bürokonzepte im In- und Ausland zu fördern. Die Preise gingen an das Solarunternehmen Solon aus Berlin sowie an den Stahlproduzenten voestalpine Stahl aus Linz, Österreich. Ausgezeichnet wurden auch die "planerischen Köpfe" hinter den beiden innovativen Bürolösungen: auf Seiten von Solon der Architekt Heinrich Schulte-Frohlinde, die Architektin Sandra Pauquet und die Stylistin Isabelle Baudry, auf Seiten von voestalpine der Architekt Dietmar Feichtinger und der Strategieberater M.O.O.CON. Bei beiden Siegerprojekten lobte die Jury insbesondere das intelligente Wechselspiel zwischen Räumen für kreative Teamarbeit, sichtbarer Präsenz und Rückzugsmöglichkeiten. Wir gratulieren – und Bene freut sich als Einrichter der voestalpine ganz besonders.
Vorsichtig zuversichtlich – und neugierig
Derzeit gibt es, nach Angaben der Messeveranstalter, in Deutschland mindestens 17 Millionen Büroarbeitsplätze. Deren Zahl werde in den nächsten Jahren weiter steigen, so gab sich die Branche vor dem Messestart optimistisch. Die nächste Orgatec – Internationale Leitmesse für Office & Objekt – findet 2012 vom 23. bis 27. Oktober statt. Spätestens bis dahin wissen wir, ob der vorsichtige Aufwärtstrend der Branche anhält, voll durchschlägt oder nur eine Zeiterscheinung war. Hoffen wir das Beste fürs Büro: Es war selten so spannend da wie heute.
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Nicole Schemerl-Streben








