Bene Büromöbel
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1. Dez. 2004

Zur Verantwortung des Designs in der modernen Industriekultur

Fragen an Michele De Lucchi im Anschluss an eine Vortragsveranstaltung mit dem Titel "Design and other Pleasures" bei Objektform München, die Fragen stellte Franz-Gerd Richarz, Richarz Kommunikation.

Michele De Lucchi, Designer, Architekt, Hochschullehrer - einer Persönlichkeit mit vielen Facetten - will ich eine Frage stellen, die mir vor wenigen Tagen bei einem Spaziergang durch Chicago eingefallen ist. Die Roosevelt Universität dort wirbt auf einem Plakat mit folgender Fragestellung: When you were growing up, did you want to be you? Kann Michele De Lucchi diese Frage für sich beantworten?
Dies ist eine sehr entscheidende Frage, die sehr tief in der Persönlichkeit verankert ist. Und gleichzeitig ist es eine sehr gute Frage, denn sie erlaubt mir, Ihnen zum Beispiel auch zu erklären, warum ich diesen Bart trage und warum mein Leben so stark auch durch meinen Zwillingsbruder beeinflusst wurde. Ich habe einen Zwillingsbruder, der Architekt ist wie ich. Wir waren teilweise so nahe in unserer Denkweise beieinander, dass wir zuweilen sogar einen Verlust der eigenen Persönlichkeit befürchtet haben. In dem ich mir dann diesen Bart habe wachsen lassen, waren wir auch für die Welt draußen viel besser zu unterscheiden.
In der Jugend wollte ich eigentlich viel mehr ein Maler werden. Die Familie meines Vaters aber ist eine Familie von Ingenieuren und so wollte mein Vater natürlich auch, dass ich Ingenieur werde. In dem er mir also ein Ingenieursstudium einzureden versuchte, ich aber Kunst studieren wollte, kamen wir im gemeinsamen Gespräch zu einem Kompromiss, in dem er mich dazu brachte Architektur zu studieren. Für uns beide war das offensichtlich eine Kombination aus künstlerischer Betätigung und technischer Wissenschaft. Heute kann ich sagen, dass es für mich eine gute Erfahrung war und ich dabei sehr viel Glückliches erlebt habe. Denn ich begann in Florenz zu einer Zeit zu studieren, als diese Stadt für die italienische Architektur zu einem Treffpunkt der radikalen Erneuerer wurde, die vieles kritisch hinterfragt haben. Also damals durchaus der richtige Einstieg auf dem Weg zu dem, was mich bis heute bewegt, zu dem Finden der neuen Kulturtechniken, die es für unsere Gesellschaft zu definieren gilt.


Wir haben heute Nachmittag in der Diskussion, im Anschluss an Ihren Vortrag, das Thema Veränderung und die Geschwindigkeit mit der sie in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft voranschreiten, als die große Herausforderung empfunden. Es geht tatsächlich darum, heute die richtigen Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben. In vielen Bereichen dominiert das Spezialistentum, Sie Herr De Lucchi sind für mich da eine Ausnahme, eine Art Multitalent, das disziplinübergreifend arbeitet. Verstehen Sie Ihr Schaffen ein wenig als eine Leuchtturmfunktion und sehen Sie dabei auch eine besondere Verantwortung für die Entwicklung unserer Industriekultur?

Diese Beurteilung meiner Person ist mehr als schmeichelhaft und ich weiß nicht, ob ich das wirklich verdiene. Aber ganz sicher ist, dass wir in dieser Zeit des schnellen Wandels ganz genau die Dinge betrachten müssen, mit denen wir umgehen und wie sie sich verändern. Als Designer hat man da schon eine besondere Aufgabe. Man muss dabei auch stets gegenwärtig sein, dass man eine Position einnimmt, die nicht Veränderung verhindert, sondern die Veränderung unterstützt. In diesem Prozess haben Designer auch die Aufgabe, im Vorfeld zu hinterfragen, wenn es um die Entwicklung von neuen Produkten geht, inwieweit sie tatsächlich zur Verbesserung im Gebrauch oder der allgemeinen Lebensumstände beitragen.
Das ist schwierig, denn als Designer arbeiten sie auch für eine Industrie, die zunächst natürlich für ihr eigenes Unternehmen das Überleben als wichtigstes Kriterium sieht. Und zum Überleben haben sie natürlich jeweils neue Produkte in den Markt zu bringen. Die Gefahr, die dabei entsteht, ist eben die, dass nicht alle diese neuen Produkte dann wirklich neue Produkte sind. Da wird dann am Markt scheinbar eine Neuheit präsentiert, die in Wirklichkeit nichts verbessert. Hier sind Design und Entwicklung gefordert, um mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit durchaus auch Richtung zu weisen.


Richtung weisen, das hat etwas mit Führung zu tun, Herr De Lucchi. In Ihrem Vortrag haben Sie gesagt, dass Sie bei der Einrichtung moderner Büros besonderen Wert auf das Front-Office legen. Wenn ich Sie dabei richtig interpretiere, sehen Sie gerade dort einen Kommunikationsschwerpunkt eines Unternehmens nach Innen und Außen. Für die Menschen außerhalb eines Unternehmens schafft das Positionierung und damit die Einordnung des Stellenwertes, den ein Unternehmen haben kann. Für die Menschen im Unternehmen selbst schafft es Orientierung. Gestaltung ist damit ein wichtiger Kommunikationsaspekt, gerade wenn es um das Thema Führung geht. Wie halten Sie es mit dem Thema Leadership in Zeiten der Veränderung?

Ich glaube, wir sprechen hier auch für Unternehmen das Thema der Persönlichkeit an. Nehmen sie z. B. Dienstleistungsunternehmen, wie Banken, Versicherungen oder Reisebüros. Immer wenn sie für solche Unternehmen arbeiten, als Architekt und Innengestalter, ist es die große Aufgabe, für diese Unternehmen so etwas wie eine "visuelle Personality" und damit eine "greifbare Personality" zu entwickeln. Die Herausforderung ist doch ganz klar, solche Unternehmen verkaufen nicht an irgendwelchen Werkbänken gefertigte und damit haptisch erfassbare Produkte. Was sie aber verkaufen, ist das Image des Service und das ist ein Stück der eigenen Haltung des Unternehmens. Das spüren die Kunden von Außen durch die Handlung im Inneren. Und das hat viel mit dem eigenen Verständnis der Unternehmensführung zu tun.


Führung und wie sie sich heute darstellt, was sie bezwecken will, das drückt sich also sehr stark im entsprechend gestalteten Raum aus. Dabei komme ich nochmal auf Ihren Vortrag zurück. Sie haben dort Ihre Ideen für die Office-Gestaltung eines Unternehmens in der Schweiz gezeigt. Mit dem Blick auf die Pläne fiel mir ein möglicher, scheinbarer Gegensatz auf. Schaut man über das Layout, so könnte man das Gefühl entwickeln, in Zeiten, wo die Wirtschaft härter wird, werden die Formen weicher. Und gleichzeitig bauen die einzelnen Menschen in ihren persönlichen Arbeitsplätzen richtige kleine Burgen. Ist das eine weitere Form des Cocoonings, ist das Schutz vor der harten Wirklichkeit?

Ganz klar nein, das wäre die komplett falsche Optik. Es gibt in der Tat ein Problem bei der Gestaltung moderner Bürowelten, nämlich die maximale Forderung nach Flexibilität mit einer maximalen architektonischen Qualität zu verbinden. Ich selbst glaube sehr stark an das Thema Flexibilität, denn alles muss sich ständig verändern können. Aber ich weiß nicht, ob das Image ständig flexibel zu sein im Office immer plakativ da sein muss, denn jederzeit flexibel zu sein hat auch einen negativen Beigeschmack.

Im gestalterischen Bereich wird dabei das Problem eines Kompromisses deutlich. Einerseits wollen wir im konkreten Projekt auch das Gefühl eines angenehmen Aufenthaltes vermitteln und gleichzeitig die Möglichkeit eines permanenten Updatings im jeweils gewünschten Bereich ermöglichen. Die Kunst liegt darin, eine Balance zu halten, denn Flexibilität birgt beides, sie kann auf der einen Seite sehr gut verstanden werden oder sich als schlecht genutztes Konzept erweisen. Ich könnte jetzt 2 Stunden über das Thema sprechen und ich könnte ihnen dabei auch viel vom Missbrauch des Begriffes berichten. Auch hier haben wir als diejenigen, die solche Prozesse im Raum umsetzen, eine hohe Verantwortung.


Verantwortung hat auch immer etwas damit zu tun, dass man sie für bestimmte Dinge übernimmt. Aus einer ganz eigenen Erfahrung, einem Aufenthalt in einem Benediktiner-Kloster, habe ich etwas über das Funktionieren von Organisationen gelernt. Dieser Orden existiert seit 1500 Jahren und er basiert auf einer Zahl weniger, überschaubarer, aber sehr streng eingehaltener Werte und ganz vielen, sehr flexibel gehandhabter Regeln. Leben wir heute nicht in einer Zeit, wo die Dinge genau umgekehrt laufen. Überall ganz viele feste Regeln, aber eigentlich keine Werte mehr oder wenn Werte, dann sehr flexibel gehandhabt.

Es ist schön, die Dinge auf diese Art zu sehen und ja, die Arbeit eines Designers und Architekten ist es, die Persönlichkeit eines Unternehmens in ihrer Entwicklung mit zu begleiten. Aber es geht nicht darum zu viel an der Persönlichkeit zu arbeiten, denn das bedeutet zu sehr beratend auf eine Organisation oder auf die Gesellschaft insgesamt einzuwirken.

Ich warne vor der Gefahr, dass man dabei die Konzentration darauf verliert, dass ein Unternehmen seine eigene Persönlichkeit aus den eigenen tiefen Werten entwickelt. Erst daraus können wir als Architekt dann die visuellen Komponenten dieser Persönlichkeit erkennen und umsetzen. Unternehmen müssen da schon sehr und ernsthaft an ihren eigenen, für sie wichtigen Werten arbeiten. Gestaltung kann dann helfen, sie besser zu vergegenständlichen, darin sehe ich eine Verantwortung aber auch eine Aufgabe.


Sie arbeiten als Designer und Architekt in Italien und anderen Orten Europas. Sie sind Hochschullehrer in der alten und in der neuen Welt. Sie haben sozusagen in vielen Facetten einen Blick von Innen und Außen. Die Globalisierung verwirbelt weltweit Strukturen. Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie eine europäische Identität, historisch oder kulturell, aus der wir für Europa gesellschaftlich und wirtschaftlich Zukunft schaffen können?

Ja, ich glaube an Europa und ich glaube, dass wir mit all den unterschiedlichen historischen Traditionen kulturelle Werte haben, vielleicht mehr Werte als alle anderen. Und wir wissen dadurch genau, wo wir herkommen. Was mich derzeit aber etwas nachdenklich macht, vielleicht kann ich nicht von ganz Europa sprechen, aber ich kann es für Italien tun, ist die Tatsache, dass Innovation als Thema heute scheinbar die einzige Herausforderung ist. Sehen Sie, ich werde oft von Unternehmen angesprochen, doch bitte einen neuen Stuhl zu entwickeln, wenn ich dann frage warum, ist die Antwort "Wir brauchen etwas Neues, um es im Markt zu präsentieren."
Da muss ich offen sagen, ich bin sehr skeptisch gegenüber dieser Art der Marktorientierung. Ein solcher Blickwinkel ist, so glaube ich, sehr gefährlich, wenn man wirklich nach der Zukunft strebt. So zu arbeiten bringt immer nur zurück und nicht nach vorne. Das entspricht auch nicht einer europäischen Tradition. Richten Sie den Blick auf die großen europäischen Entdecker, die haben immer das Unbekannte angestrebt und sich nicht auf das Bekannte verlassen.

Kurzfristiges Denken in Marktsicht bringt uns auf Dauer nicht weiter. In vielen Diskussionsrunden taucht zunehmend ein neues Thema auf, Nachhaltigkeit. Wir sind heute 6 Mrd. Menschen und unsere Kinder werden es noch erleben, dass sich die Zahl verdoppelt. Bereits heute braucht ein aufstrebendes China 50 % der Weltstahlproduktion, was passiert, wenn weitere Riesen wie Indien erwachen. Wie verantwortungsvoll müssen wir mit den Themen Rohstoff, Produkt, Innovation umgehen und können wir das überhaupt?

Das ist alles wichtig, aber wir müssen uns davor hüten, auf diese Thesen mit zu vereinfachenden Theorien und Lösungen zu antworten. Heute leben wir in einer Epoche, in der wir eigentlich viel Zeit und Raum vergeuden. Wenn wir mit beiden, Zeit und Raum, sorgsamer umgehen, bringt uns das auch zu einer viel besseren Mentalität, bei der wir besser mit Rohstoffen wie Stahl oder auch fossilen Energien umgehen. Wir sind heute im Aufbruch zu einem Abenteuer und es sind oftmals die, die sich am lautesten als Modernisierer inszenieren, die Modernisierungsignoranten. Über viele Jahrhunderte hat modernes Denken alles reflektiert, reformiert, revolutioniert, nur nicht sich selbst. Wenn wir in vielen Bereichen anfangen etwas mehr zu geben als zu nehmen, sind wir auf dem richtigen Weg. Und dabei haben alle die Aufgabe, dort, wo sie sind, Beispiel zu sein.


Michele De Lucchi, vielen Dank für das Gespräch.






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