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Aus Alt mach Neu

Upcycling Nachhaltigkeit Lifestyle

Upcycling – was ist das nun schon wieder? Nicht wenige denken beim ersten Kontakt mit dem Wort ans Fahrradfahren und stellen sich wohl so etwas wie ein Gegenstück zur Sportart Downhill vor. Aber auch wenn es bei Upcycling aufwärts gehen soll, hat das Ganze mit anstrengendem Treten in die Pedale und Bergen recht wenig zu tun. Upcycling ist eine Variante von Recycling. Bei dem Trend, der die Mode- und Designwelt bereits im Sturm erobert hat, werden alte, unbrauchbar gewordene Produkte, die sonst im Müll landen würden sowie „Abfälle“, die beim Produktionsprozess entstehen, wiederbelebt und damit aufgewertet.

Man unterscheidet hier zwischen pre-consumer waste, also Abfall, der entsteht bevor ein Produkt den Konsumenten überhaupt erreicht (wie zum Beispiel übrig gebliebene Stoffbahnen in der Modeindustrie) und dem post-consumer waste, also fertigen Produkten, die durch die Nutzung oder auch Nicht-Nutzung des Konsumenten früher oder später im Müll landen. Upcycling kann beide Arten von Abfällen aufwerten, manchmal auch in ihrer Kombination. Die Umwelt freut sich, wenn aus Alt Neu wird, weil weniger Müll entsorgt wird. Die eigene Geldbörse freut sich auch, da sich neue Investitionen in Grenzen halten – so das einfache aber bestechende Konzept.
 

Not macht erfinderisch

Ein altes Kleid der Mutter von den Schulterpolstern zu befreien und enger zu nähen oder eine Matratze auf Europaletten zu legen, weil das Budget gerade nicht den Kauf eines neuen Bettes erlaubt – sicherlich hat jeder Student und jede Studentin schon einmal – vielleicht ganz unbewusst – upgecycelt und sich aufgrund mangelnder finanzieller Mittel zur Kreativität gezwungen. Not macht bekanntlich erfinderisch. Dennoch ist das Selbstverständnis von Upcycling nicht, das Ergebnis eines (finanziellen) Kompromisses zu sein, sondern eine bewusste Entscheidung für nachhaltiges Verhalten und Kreativität.

Do It Yourself und das Internet

Ob DIY (= Do It Yourself) und Upcycling nun Hand in Hand gehen oder eher das erste dem zweiten Phänomen den Weg geebnet hat, sei dahingestellt. Definitv lässt sich festhalten, dass die DIY-Mentalität schon seit einigen Jahren nicht mehr mit verschrobenen Heimwerkern und lötenden Nerds in Verbindung gebracht wird, sondern mit Individualismus und Unabhängigkeit. DIY bedeutet etwas selbst zu erlernen, selbst zu bauen, zu reparieren oder auch – im Upcycling-Sinn – einer alten Sache einen neuen, persönlichen, ausgefallenen oder unerwarteten Touch zu geben.

578.000.000 Ergebnisse auf Google für die Suche nach DIY zeigen, dass das Internet genau der richtige Ort ist, um sich diese Fähigkeiten anzueignen und auch (manchmal etwas narzisstisch) zur Schau zu stellen. Dabei ist gerade die Videoplattform YouTube, die nächstes Jahr ihren 20. Geburtstag feiert, von essenzieller Bedeutung und hat bereits einige DIY- und Upcycling-Stars hervorgebracht, die mit ihren eigene Kanälen sicherlich so gutes Geld verdienen, dass sie gar nichts mehr selbst basteln müssten.

Während ältere Generationen sich noch über die IKEA-Firmenphilosophie echauffierten, die neben dem jovialen „Du“ von ihren Kunden erwartete, die Möbel selbst aufzubauen, hat heute so gut wie jeder Mittzwanziger sich schon einmal etwas durch ein Youtube–Tutorial beibringen lassen, ob es nun Bügeln, Sushi-Machen oder Französisch ist – Berührungsängste sind hier kaum noch vorhanden.

Neben zahlreichen Blogs, die sich dem Thema Upcycling widmen, ist die Plattform Pinterest, auf der User virtuelle Pinnwände erstellen können, die sie oft thematisch ordnen, ein weiteres Eldorado des DIY und Upcycling-Lifestyles. Dort finden sich unzählige Pinnwände von Upcylern, die mit ihren Kreationen ein größeres Publikum inspirieren wollen, aber natürlich auch genug upgecycelte Produkte, die zu kaufen sind.
 

Kaufen

Die eigenen Fähigkeiten, Erzeugnisse und Ideen mit anderen zu teilen kann, muss aber nicht gratis sein. Außerdem baut nicht jeder begeistert aus einem Verkehrszeichen einen Sessel – manche wollen sich die Zeit nicht nehmen, andere haben vielleicht zwei linke Hände. Trotzdem wollen Heimwerk-Resistente vielleicht genau diesen Sessel käuflich erwerben. Auf virtuellen Marktplätzen wie Etsy oder der deutschen Gründung DaWanda werden auch Leute fündig, die selbst lieber aufs Hammerschwingen und Nähen verzichten. Die beiden P2P-Plattformen haben sich vor allem Handgemachtem verschrieben und sind damit auch ein beliebter Einkaufsort für upgecycelte Produkte. Während es auf Etsy 2010, fünf Jahre nach seiner Gründung ungefähr 8000 Artikel gab, in deren Beschreibung das Wort „upcycled“ vorkam, sind es heute mehr als 200.000.

Natürlich sind einige Start-Ups und Firmen aber auch schon weit über das Produzieren von Einzelstücken oder Kleinserien hinaus und machen aus „Abfall“ Produkte, die sie in Flagshipstores und Filialen rund um den Globus – teilweise sogar sehr teuer – verkaufen. Als Erfolgsgeschichte ist sicherlich das Schweizer Unternehmen Freitag zu nennen, das seit 1993 aus gebrauchten LKW-Planen Taschen herstellt und diese in mehr als 450 Geschäften weltweit vertreibt.

Aber auch Unternehmen wie die englische Mode-Kette Topshop, die mit dem Vorwurf, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen zu billigen, konfrontiert wurde, nutzt Upcycling als willkommenes Marketing-Tool und lancierte bereits einige Kollektionen aus bereits gebrauchten Materialien, die innerhalb von Tagen ausverkauft waren. Ein gutes Beispiel, wie Upcycling für eine Industrie interessant geworden ist, die es eigentlich kritisiert. 

Wenn wir also nochmal an den Anfang des Textes zurückschauen, müssen wir wohl etwas genauer formulieren: Upcycling ist sicherlich kein Garant dafür, Geld zu sparen. Sei es, weil man nicht selbst Hand anlegen will und upgecycelte Produkte einfach kauft, sei es, weil man eine Schwäche für Flohmärkte und die passenden Fähigkeiten hat, um die alten Stücke aufzuwerten – so kann Upcycling natürlich schnell teuer werden. Dennoch haben Phänomene wie DIY und Upcycling es geschafft, in sehr vielen Menschen ein oft ungeahntes, kreatives Potenzial zu wecken. Und auch wenn nicht jede Bastelei gleich einen Design-Preis bekommt, ist die Welt in den letzten Jahren um viele Unikate reicher geworden.

Foto Credit: Freitag,  © Noë Flum

  

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