Wilkhahn

Personalities

Burkhard Remmers, Wilkhahn

Gesundheit Ergonomie Marken bei Bene

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit. In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal sprachen wir mit Burkhard Remmers, Unternehmenssprecher des deutschen Möbelherstellers Wilkhahn, über Ergonomie, Bewegung und Trends im Büro.


Wilkhahn ist Experte für die Gestaltung von hochwertigen und ergonomisch gestalteten Sitzmöbeln. Welche Entwicklungen konnten Sie in den letzten Jahren beobachten? Was sind die Trends und wichtigsten Neuerungen in der Arbeitswelt und wie reagiert Wilkhahn darauf?
Arbeitskulturen wandeln sich deutlich langsamer als dies manchmal propagiert wird. Ein schönes Beispiel dafür ist das seit 20 Jahren vorhergesagte papierlose Büro. Erst jetzt, durch die Möglichkeit per Internet praktisch überall arbeiten zu können, gewinnt die Papierlosigkeit praktische Relevanz und sorgt für einen Rückgang des Bedarfs an Stauraummöbeln. Man muss also unterscheiden zwischen kurzwelligen, häufig marketinggetriebenen Moden für eine sehr kleine Minderheit und den wirklichen, langfristigen Trends. Die Digitalisierung mit den smar-ten Technologien ist ein solcher Trend, der unser gesamtes Leben beeinflusst. Spannend ist hier, dass Smartphones, Tablets und Co. aus dem Massenmarkt kommen und in die Office-Welt eindringen – mit all dem Kopfzerbrechen der IT-Abteilungen bezüglich der Datensicherheit. Ein zweiter Trend, der damit zusammenhängt: Die Grenzen zwischen Privatleben und Job verschwimmen und damit steigt entsprechend der Anspruch, dass die Büros umgekehrt lebensnäher, emotionaler und wohnlicher werden. Außerdem verändern sich durch die Technologien und die dadurch möglichen Arbeitsformen und -orte die Kernaufgaben der Bürogebäude: Sie werden immer mehr zu Orten der Kommunikation und Kooperation, weil die konzentrierte Einzelarbeit zumindest theoretisch überall stattfinden könnte – und weil nicht zuletzt deshalb die Zusammenarbeit bei persönlichen Treffen umso wichtiger ist.


Zu viel Sitzen ist ungesund. Trotzdem verbringen wir täglich viele Stunden sitzend vor dem Computer. Was muss ein guter Bürodrehstuhl können, damit sich keine Rückenschmerzen einstellen?
Wir betreiben in diesem Feld seit fünf Jahrzehnten intensive Forschungen und überführen die Ergebnisse immer wieder in neue Produktstandards. Schon Anfang der 1970er Jahre forderte eine erste Wilkhahn-Studie den Wechsel „Vom Haltungssitz zum Bewegungssitz“. Inzwischen wird der allgegenwärtige Bewegungsmangel als Kernursache für fast alle Zivilisationskrankheiten gesehen. Umgekehrt ist das Sitzen für alle Tätigkeiten, die mit Mikromotorik zu tun haben, eine Grundvoraussetzung, um die Arbeit konzentriert und effizient erledigen zu können. Und schließlich gehört das Sitzen ebenso wie das Stehen und das Liegen zu den natürlichen Haltungsoptionen, über die unser Körper verfügt. Es geht also primär nicht darum, dass wir sitzen, sondern vor allem um die Frage wie.

Deshalb haben wir vor zehn Jahren  begonnen, nicht mehr mit der traditionellen haltungsorientierten Ergonomie sondern mit den Gesundheits- und Sportwissenschaften zusammen zu arbeiten. Unter der Leitidee, dem Sitzen das Laufen beizubringen, haben wir eine völlig neue Kinematik entwickelt, die für vielfältige dreidimensionale Bewegungen sorgt und den Körper dabei immer sicher im Gleichgewicht hält. Per heutigem Forschungsstand sind die beiden wichtigsten Parameter für gute Bürodrehstühle: Stimulation zu möglichst häufigen und vielfältigen Bewegungen und Haltungswechseln bei gleichzeitig hohem Komfort- und Wohlfühlfaktor. 


Ergonomie ist schon seit vielen Jahrzehnten gerade im Büro ein zentrales Thema. Trotzdem: Die körperlich belastenden Arbeiten werden weniger, die gesundheitlichen Beschwerden immer mehr. Woran liegt das? Warum ist es so schwer, „gesund“ zu arbeiten?
Wir sind von Natur aus faul – oder vornehmer ausgedrückt: energieeffizient. Denn potentiell knappe Kalorien werden nur verbraucht, wenn es für das Überleben und die Arterhaltung notwendig ist. Die Entlastung durch die Ergonomie hat deshalb zu großen Fortschritten bei Lebenserwartung und Gesundheit geführt. Aber jetzt ist die Entlastung ganz offensichtlich in eine komatöse, körperliche Unterforderung umgeschlagen, die physiologisch erforderlichen Minimalaktivitäten werden nicht mehr erreicht. Seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren verdienen immer mehr Menschen ihren Lebensunterhalt und gestalten ihre Freizeit, ohne mehr zu bewegen als ihre Finger. Das aber ist in unserem natürlichen Bauplan nicht vorgesehen. Stimulation und Aktivierung durch Bewegung ist die Grundlage für einen funktionierenden Stoffwechsel. Die traditionelle Ergonomie ist also zum Teil des Problems geworden. Wir brauchen insgesamt im Verständnis von Effizienz und guter Organisation einen Paradigmenwechsel bei den Leitbildern, die weitgehend auf den Ideen der „Bürofabriken“ des frühen 20sten Jahrhunderts basieren.


Welchen Beitrag kann ein gut gestaltetes Büro zu Wohlbefinden und Gesundheit der Mitarbeiter leisten?
Watzlawik hat einmal gesagt, dass wir nicht Nicht-Kommunizieren können. Gleiches gilt für unsere Interaktionen mit dem Raum. In diesen Wechselwirkungen liegt ein großes Potenzial, im Guten wie im Schlechten. Wir können über die Gestaltung Wertschätzung ausdrücken, die Gesundheit fördern, die Kreativität anregen, professionelles Arbeiten ermöglichen und gemeinsame Sinnstiftung vermitteln. Oder umgekehrt all das verhindern. Man kann auch sagen: Wir schaffen „Möglichkeitsräume“, die gute Voraussetzungen dafür bieten, dass die avisierten Ziele erreicht werden. Dazu zählen die visuelle Ästhetik, die Haptik oder die Nutzbarkeit  ebenso wie das „Sozialprestige“,  das mit bekannten und guten Marken verbunden ist. Wir wissen aber auch, dass Führung den größten Einfluss auf Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern hat. Die Büroeinrichtung ist also einer von mehreren wichtigen Bausteinen – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.


Wie kann mehr Dynamik in den Arbeitsalltag gebracht werden?
Das beginnt dort, wo am wenigsten Bewegung stattfindet, also beim Sitzen selbst. Hier geht es um die Interaktion zwischen Körper und Stuhl für vielfältige und häufige Bewegungen, die vollkommen intuitiv über das Unterbewusstsein stimuliert werden sollten – ansonsten findet sie nicht statt. Der Wechsel von Sitzen und Stehen in der sogenannten Steh-Sitzdynamik ist ein weiterer Punkt und schließlich die beteiligungsorientierte Einrichtung von Meeting- und Konferenzformen oder auch die Bewegungsstimulation in Pausenbereichen. Das sind Maßnahmen auf der Einrichtungsebene. Extrem wichtig ist aber auch hier das ganzheitliche Zusammenspiel mit Organisations- und Raumkonzepten. Es geht heute darum, ganz gezielt Raumwechsel und größere Entfernungen zu Planungsparametern zu machen, um Bewegung und Begegnung gleichermaßen zu fördern. Dafür brauchen wir allerdings den oben angesprochenen Paradigmenwechsel im Verständnis von Produktivität und Effizienz. Verdichtungsstrategien, Cockpit-Philosophien und einseitig verstandene Lean-Konzepte sind hier kontraproduktiv gerade weil sie der menschlichen Faulheit entgegen kommen. 


Was bedeutet „Neue Arbeitswelt“ für Sie?
Für mich selbst bedeutet das vor allem die Entkopplung bestimmter Arbeitsaufgaben von Raum und Zeit durch die Nutzung der mobilen Kommunikations- und Informationstechnologien. Das schafft große Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten, erfordert aber auch viel Disziplin und Verantwortungsbewusstsein – nicht zuletzt gegenüber einem selbst. Gesundheitsforscher warnen davor, dass die Schere zwischen den rasanten technologischen Entwicklungen und den biologischen Möglichkeiten des Menschen immer weiter auseinander klafft. Die multi-mediale Reizüberflutung bei gleichzeitiger physiologischer Unterforderung beispielsweise kann sich in depressiven Störungen niederschlagen und das Immunsystem schädigen. Wir müssen also ein Gefühl für die Chancen und Risiken haben, um die entsprechenden Kulturtechniken im Umgang mit der neuen Arbeitswelt zu entwickeln. Dazu gehört beispielsweise, trotz aller Erreichbarkeit „abschalten“ zu können – und zu dürfen. Dann werden wir auch mit den dunklen Seiten der Brave New World besser umgehen, wie sie Aldous Huxley so visionär beschrieben hatte. Als Büroeinrichter tun wir gut daran, solche Themen im Blick zu behalten.


In der Entwicklung von neuen Büromöbeln geht es unter anderem darum, die Trends der nächsten Jahre schon heute vorauszusehen. Was denken Sie, in welche Richtung bewegt sich die Welt der Arbeit?
Der Trend zur Wissensarbeit stellt zum ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte tatsächlich den Menschen selbst ins Zentrum der Wertschöpfung. Er ist gleichzeitig Potenzial und Flaschenhals der Unternehmensentwicklung. Deshalb sind wir sicher, dass es nicht eine einzige Richtung geben wird, sondern eine Vielzahl von Möglichkeiten, die auf unterschiedliche Bedarfe zielen. Das spiegelt sich etwa in Raum- und Organisationskonzepten wie dem Activity Based Workspace wider. Gesundheitsfragen werden weiter an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund von demografischem Wandel, Fachkräftemangel und verlängerten Lebensarbeitszeiten. Der Ressourcen-Engpass Mitarbeiter wird auch die kulturelle Vielfalt der Mitarbeiterschaft in den Unternehmen befördern. Nicht zuletzt deshalb wird die richtige Balance zwischen Individualisierung und Standardisierung sowohl der Prozesse wie auch der Einrichtung von Arbeitswelten eine Schlüsselrolle spielen. Ich bin überzeugt davon, dass gerade durch die potenzielle Vereinzelung und Vereinsamung der „frei vagabundieren Büronomaden“ die räumlichen und sozialen Kontexte einer Unternehmung eher wichtiger werden. „Heimat“ hat immer etwas mit Ort und sozialen Bindungen zu tun.    


Wie arbeiten Sie selbst? Gibt es für Sie so etwas wie einen „Hauptarbeitsplatz“, und wenn ja, wo befindet er sich?
Ich bin etwa in 20 Prozent meiner Arbeitszeit unterwegs, zehn Prozent finden zu Hause statt und 70 Prozent werden im Unternehmen verbracht. Dort wiederum im Verhältnis 70 zu 30 am Schreibtisch beziehungsweise in Meetings. Die vergleichsweise hohe Präsenz am Hauptarbeitsplatz im Unternehmen hat mit der Vielzahl der persönlichen Begegnungen und Telefonate zu tun, die gerade für meine Aufgaben enorm wichtig sind. Denken und Schreiben kann ich am besten zuhause und übrigens auch im Zug – im Ruheabteil, in dem dann auch das eigene Mobiltelefon abgestellt bleiben muss.


Was ist das wichtigste Werkzeug für Ihre Arbeit?
Mein Gehirn, mein Ohr und meine Stimme.

Vielen Dank für das Gespräch!

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

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