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Denken wie ein Designer

Design Thinking Design Innovation

Probleme zu lösen und Innovationen hervorzubringen sind Wünsche, die sowohl EPUs, Start-Ups als auch Firmen mit hunderten Angestellten branchenunabhängig teilen. Nur wie? Das ist die Frage, die „Design Thinking“ ganzheitlich zu beantworten versucht.

Design Thinking? Noch nie gehört? Stimmt wahrscheinlich so nicht ganz. Selbst wenn der Begriff erst einmal Fragezeichen hervorruft, hat jeder wohl schon etwas mit Design Thinking zu tun gehabt, vielleicht ohne es zu wissen. Arbeitsplätze haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Nicht nur das Internet hat zahlreiche neue Möglichkeiten – besonders bezüglich Zusammenarbeit und Co-Creation – eröffnet, Team- und projektbezogene Arbeit ist in aller Munde – auch in der „analogen“ Welt. Führt man noch Innovation, Interdisziplinarität und nutzerorientierte Gestaltung ins Feld – ist man schon sehr nah daran, was Design Thinking, ist und will.
 

Worum geht’s

Doch noch einmal von vorne: Design Thinking bedeutet erst einmal ganz einfach „wie ein Designer zu denken“. Das heißt, Methoden, die (Industrie-)Designer in ihrer Arbeit anwenden, auf andere Bereiche zu übertragen. Der Begriff wird wohl am stärksten mit dem kalifornischen Unternehmen IDEO in Verbindung gebracht, welches das System Design Thinking zuerst vermarktet hat und auch lebt. So gehören bei IDEO flache Hierarchien, projektbezogene Teamarbeit und Mut zu Kreativität zum Arbeitsalltag – eine Kernaufgabe der Firma ist, genau diese Dinge auch zu vermitteln. Einer der Mitbegründer von IDEO, David Kelly, steht auch der von ihm gegründeten d.school, dem Hasso Plattner Institute of Design in Stanford, vor, die unter anderem sogenannte „Bootcamp“-Kurse in Design Thinking anbietet und die Methode auch in der Academia salonfähig gemacht hat.

Wie funktioniert’s

Bei einem solchen Bootcamp werden zum Beispiel Personen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen in eine Gruppe eingeteilt und mit einem Projekt versehen – im besten Fall gibt es auch einen Kunden, der in den Prozess einbezogen wird und Feedback gibt. Aber anstatt im Team nur die Wünsche dieses Kunden zu besprechen und dann zu versuchen Innovationen herbeizuzaubern, will Design Thinking vor allem den Endbenutzer mitdenken und das auf möglichst empathische Weise – so gehören ausgedehnte, tiefgehende Befragungen der Nutzer/Zielgruppe bezüglich ihrer Bedürfnisse zum Konzept. Design Thinking dient nicht nur dazu, eine Lösung zu finden, sondern will vor allem dabei helfen, überhaupt von der richtigen Frage auszugehen.

Valentin Abe, der sich bei bettertoday - Agentur für Innovation und Neue Arbeit, einer Berliner Unternehmensberatung, die sich selbst als Strategieberatung, Innovationsakademie und Ideenwerkstatt definiert, um Geschäftsführung und Kommunikation kümmert, bringt es auf den Punkt: „Man muss Empathie für den Nutzer aufbringen, man muss „loslassen“, wie man bisher gedacht und gearbeitet hat. Man muss rausgehen und den Leuten zuhören. Ob auf der Straße oder im Unternehmen – man muss versuchen zu verstehen, wo die Bedürfnisse liegen.“
 

Papier, Tixo und Hineindenken in den Nutzer

Ein weiterer wichtiger Faktor bei Design Thinking ist rasche Prototypisierung bzw. Herstellung von Modellen, die der Arbeitsweise von Designern entnommen ist. Anstatt über einen langen Zeitraum teure Prototypen herzustellen, werden so früh wie möglich aus Materialien wie Schaumstoff, Papier oder Tixo kleine Modelle gebastelt und Testkunden vorgeführt. Finden sie keinen Anklang, kann schnell reagiert werden und das unter geringen finanziellen Verlusten.

Professor Hubert Scholl, der Design Thinking nach dem Prinzip Understand, Empathize, Define, Ideate, Prototype im Rahmen des Masterlehrgang Supply Chain Management am Campus Steyr der FH Oberösterreich unterrichtet, erzählt über seine Erfahrungen: „Das Faszinierende an diesem Ansatz ist die intensive Beschäftigung mit dem gesamten Umfeld des zu lösenden Problems sowie das Hineindenken in den Nutzer der zu erarbeitenden Lösung. In diesem Zusammenhang entstehen Ideen und Lösungsansätze, welche weit über das bisher übliche Ergebnis auf Basis monokausal erstellter Zusammenhänge hinausgehen.“
 

Zugänglichkeit und Kritik

Dabei ist Design Thinking kein rigoroses System; es ist äußerst zugänglich – viele Menschen, die damit arbeiten, machen nur von gewissen Ansätzen Gebrauch, die sie entweder im Zuge der Ausbildung oder in Form von Workshops gelernt haben oder die sie sich selbst mit Hilfe von Videos oder Toolkits, wie es sie zu Hauf im Internet gibt, beigebracht haben. Dennoch wurde Design Thinking in den letzten Jahren oft dafür kritisiert, nicht die Innovationen hervorzubringen zu können, die es ursprünglich versprach. Doch handelt es sich dabei um eine Kritik, die weniger das Konzept als eher seine Umsetzung treffen sollte: Kreative Arbeit – wie es Design und die dazugehörige Denkweise zu großen Teilen ist – lässt sich nicht hundertprozentig als Anleitung verpacken, sondern ist mit Ausprobieren und damit auch Irrwegen verbunden, die sowohl große Konzerne als auch kleine Firmen zu vermeiden suchen. Damit Design Thinking funktioniert, müssen „Unternehmen“ kreative Räume , in denen diese „Irrwege“ passieren können zulassen. Eine Ansicht, die auch Valentin Abe vertritt: „Wir sind durch unsere Arbeitswelt meist darauf konditioniert, dass Ideen immer erfolgreich sein müssen, einem Businessplan entsprechen und damit auch einem unternehmerischen Sicherheitsdenken entsprechen. Einfach „auszuprobieren“ ist normalerweise nicht erlaubt. Eines der wesentlichsten Merkmale von Design Thinking ist aber die Iteration anstelle eines starren und linearen Prozesses: denken und ausprobieren in „Schleifen“. Dieses In-Kauf-Nehmen von „Fehlern“, die ja keine echten Fehler sind, ist die eigentliche Chance, eine sinnvolle Idee und Lösung zu finden.“'

Design Thinking kommt damit der einen unerlernbaren Sache mit dem größten Innovationspotenzial vielleicht am nächsten: und das ist die schwer fassbare Kreativität.

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