Matthias Brandstetter

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Ein unscheinbarer Innenhof im fünften Wiener Gemeindebezirk, an den Wänden lehnen vereinzelt abgesperrte Rennräder, am einen Ende des Hofes hat ein Supermarkt seinen Lieferzugang, durch eine weiße Tür an einer Seite huschen immer wieder junge, trendig gekleidete Menschen heraus und herein. Durch die Tür und einen schmalen Treppenaufgang erreicht man vorbei an Bergen von Cola- und Club Mate-Kisten den Eingang zu dem Coworking-Space Sektor 5. Nach dem weitläufigen Foyer mit Bar und Couches kommt man in ein Großraumbüro, an dem die Programmierer, Grafiker oder Architekten an einfachen Schreibtischen an  ihrem Mac oder ihrem Laptop sitzen, in ihren Bildschirm stieren oder in die Tastaturen tippen, wenn sie nicht gerade flüsternd beratschlagen.
 

Von Wien nach San Francisco

Im Foyer hat es sich Thomas Schranz gemütlich gemacht. Der 28-Jahrige mit dem kurz geschorenen Haar trägt ein schwarzes T-Shirt, Cargo-Hosen und klobige weiße Turnschuhe. So entspannt wie er dasitzt, würde man auf den ersten Blick vielleicht nicht vermuten, dass der Wiener mittlerweile Firmen wie Apple, Twitter oder Netflix zu seinen Kunden zählt und gerade im Begriff ist, seinen Lebensmittelpunkt von Wien nach San Francisco zu verlegen. Der Grund dafür? Thomas Schranz ist einer der Menschen, die von Politikern oft in Sonntagsreden beschworen werden, die als Hoffnung für Volkswirtschaften propagiert werden und von denen medial überall die Rede ist. Er ist Jungunternehmer, genauer gesagt Mitgründer und CEO des Startups blossom.io. Den Weg von der Gründung bis nach San Francisco beschritt das Team von blossom in nur wenigen Jahren, und ist ein Beispiel dafür, wie schnell Startups wachsen und sich international vernetzen können.

"Ein Friseurladen ist kein Startup"

Was ein Startup ausmacht, ist erst einmal gar nicht so einfach zu sagen, in Großbritannien etwa ist jedes neu gegründete Unternehmen ein Startup. Was aber landläufig als Startup bezeichnet wird, ist etwas enger definiert. "Es geht darum, Probleme mit neuen Ansätzen zu lösen, die es in der Form noch nicht gab," sagt Matthias Reisinger. Er betreibt den Impact Hub Vienna, einen weiteren Coworking-Space, zu Fuß keine halbe Stunde vom Sektor 5 entfernt und auch das Konzept ist ähnlich: Statt von zu Hause aus oder in einem regulären Büro zu sitzen, kann man hier in den offen gestalteten Räumlichkeiten arbeiten, sich dabei mit Gleichgesinnten vernetzen und Veranstaltungen besuchen.

Reisinger meint weiter, zu einem Startup gehöre meistens auch ein neues Business-Model und entweder mit einem neuem Produkt in einen bestehenden Markt zu gehen oder anders herum mit einem bestehenden Produkt in einen neuen Markt. "Das heißt: Der neu gegründete Friseurladen um die Ecke ist kein Startup, weil das ein sehr erprobtes Modell ist," meint er. Und noch ein Punkt ist zentral: Startups wohnt der Anspruch zu wachsen inne, ein skalierbares Geschäftsmodell, das ab einem gewissen Punkt exponentiell größer wird. Dabei kommt das Venture Capital oder Risikokapital ins Spiel: Venture Capital-Funds oder Einzelpersonen, mit eigenem Gründerhintergrund sogenannte Business-Angels, investieren in die Jungunternehmer mit hohem Risiko einerseits, aber dementsprechend hoher Beteiligung andererseits.

Dabei müsse aber naturgemäß das Geld gestreut werden, wie Reisinger erklärt: "Wenn ich in zehn Unternehmen investiere, weiß ich: Drei gehen hops, drei werden vielleicht mittelmäßig, zwei ein bisschen besser und eines wird zur Skyrocket." Der Impact Hub versucht deshalb auch, Startups mit potentiellen Sponsoren zu vernetzen und Unternehmern mit Förderprogrammen auf die Beine zu helfen.
 

Die Krux mit dem Visum

Thomas Schranz hat diese Schritte schon hinter sich. 2011 hatte er zusammen mit zwei Freunden die Idee zu blossom. Die drei kannten sich von ihrem Informatik-Studium, das bis auf einen mittlerweile alle an den Nagel gehängt haben. Davor haben die drei als Programmierer in verschiedenen Projekten gearbeitet und dabei immer andere Tools genutzt, um die Projekte zu organisieren. Die Tools waren für sie aber durchwegs so enttäuschend, dass sie sich schließlich zum Ziel gesetzt haben, selbst ein Tool zu entwickeln, um Software-Entwicklern wie ihnen selbst bei der Arbeit zu helfen.

Nach einiger Zeit der Entwicklung und des Herumprobierens begannen sie, mit blossom an die Öffentlichkeit zu gehen und schafften es Anfang 2012 in das Seedcamp-Programm. Der britische Investment Fund ist gleichzeitig ein Mentoring Programm und unterstützt Startups, sowohl  finanziell als auch durch Beratung. Seedcamp veranstaltete in Folge für blossom und andere Startups eine dreiwöchige USA-Tour durch Städte wie New York, Boston und San Francisco. Dort haben die Drei Firmen wie Google oder Twitter hinter den Kulissen kennengelernt und sprachen mit Gründern und Executives von den größten Software-Unternehmen weltweit.

"Das war ein Wahnsinn, wir haben jeden Tag ohne Pause zwei bis fünf Meetings gehabt, wo Du aus dem einen Meeting raus kommst und gleich ins Taxi einsteigen musst, damit Du überhaupt zum nächsten kommst," erinnert sich Schranz heute. Nach ihrer Rückkehr war für ihn und seine Kollegen bald klar, dass sie mehr Zeit in San Francisco verbringen werden müssten. "Es klingt ein bisschen klischeemäßig," sagt Schranz, "aber die Europäer denken in kleineren Dimensionen. In den USA hat man von Day One an einen ziemlich großen Markt, aber die Leute denken wirklich um den Faktor hundert oder tausend größer, egal ob das jetzt Geld machen ist oder Impact haben." Zur Zeit bekommen die Drei maximal sechsmonatige Visa für die USA, dennoch versuchen sie, dass zumindest einer von ihnen immer dort ist, wie Schranz erklärt: "Wir haben gesagt: Es ist kommunikationstechnisch blöd, wenn wir nicht am selben Ort sind aber es ist alleine wegen der Kunden noch blöder, wenn wir alle in Wien sind." Mittlerweile haben die Drei auch eine US-Firma eröffnet und zählen Entwickler von Apple oder Twitter zu ihren Kunden.
 

Brüder in Denim

Dass Startups aber nicht nur im Web-Mobile Bereich zu finden sind,  sieht man im Impact Hub Vienna. Die Hubs spezialisieren sich nämlich auf Social Impact, Unternehmer, die also mit ihren Startups gesellschaftliche Probleme in Angriff nehmen wollen, von Jugendverschuldung über nachhaltige Kleidung bis hin zu Abfallvermeidung. So etwa der 34-jährige Moriz Pfiffl, der mit seinem Kollegen Michael Lanner als Gebrüder Stitch seit drei Jahren Maßjeans verkauft. Die Hosen werden den  Kunden erst bei Anproben angepasst und anschließend in der lokalen Werkstatt fair produziert. Mittlerweile ist das Team auf acht Leute gewachsen, die ihr Leben dadurch finanzieren können. Pfiffl und Lanner waren zuvor in der Werbung, irgendwann wollten sie aber beide aus der Branche aussteigen und fanden sich schließlich mit der Idee der Maßjeans zusammen. "Es macht immer mehr Spaß, unter eigener Flagge zu segeln," sagt Pfiffl heute, womit er wohl vielen Gründern aus dem Herzen spricht, auch wenn er selbst sein Unternehmen gar nicht als klassisches Startup bezeichnen würde.
 

Eierlikör zur Generationenverständigung

Zusätzlich zu ihrem Hosenlabor, wie sie es nennen, betreiben Pfiffl und Lanner seit gut einem Jahr zu Weihnachten die sogenannte Vollpension in ihrem Geschäftslokal, einem Generationenkaffee, in dem Pensionisten und Pensionistinnen zusammen mit jungen Leuten kellnern und kochen, das alles mit einem ländlichen Retroflair. "Die Grundidee war: Wo gibt es die beste Mehlspeise? Nicht im Café Demel oder im Café Sacher, sondern bei der Oma oder bei der Tante," erklärt Pfiffl. Auch diesen Dezember verwandelt sich das mit Graffiti verzierte und mit Stoffrollen und Nähmaschinen gepflasterte Geschäftslokal der Gebrüder jedes Wochenende zum Kaffeehaus mit altmodischen gekleideten Kellnern, hausgemachtem Strudel und Eierlikör in allen Variationen, um damit die Lücke zwischen den Generationen zu füllen. Auch so kann ein Jungunternehmen aussehen.
 

Warum jetzt?

Eine Lücke der anderen Art will Christoph Sollich ausfüllen. Der Berliner treibt sich schon seit längerem in der Startup-Szene herum und hat vor kurzem das Startup Student Brains gegründet. Als wir mit ihm sprechen ist Sollich gerade in München, um ein Startup-Coaching zu halten, bei dem er jungen Gründern vermittelt, wie sie ihre Ideen am besten verkaufen können. Sollich, der ursprünglich im Marketing tätig war und schon für zwei Startups in der Anfangsphase arbeitete, hat nun mit Student Brains zum ersten mal sein eigenes Startup aus der Taufe gehoben. Bei der Plattform geht es darum, Studenten, die Praxis sammeln auf der einen Seite mit kleinen und mittelständischen Unternehmen auf der anderen Seite zu vernetzen. Die Idee präsentierte Sollich kurzerhand am letzten Startup Weekend, bei dem Gründer mit verschiedenen Konzepten ihre Ideen vorstellen können. Sollich gewann den Wettbewerb und warb schon an dem Wochenende die ersten Kunden an, momentan besteht das Team neben ihm noch aus drei anderen, die daran arbeiten, dass die Plattform wie geplant Anfang Februar online gehen kann.

Sollich arbeitete schon früher in einem Startup, das auf einem ähnlichen Konzept aufbaute, und dann gescheitert ist. Das sei aber gar kein Problem, wie er meint. "Es gab jede Idee garantiert schon einmal, das ist eine Einsicht, die haben auch alle Investoren, die Frage ist immer nur: Why now? Warum funktioniert das heute und warum hat das vor drei, vier Jahren noch nicht funktioniert?" Sollich hat jetzt den richtigen Moment gesehen und seine Chance ergriffen, ob die Zeit wirklich die richtige ist, wird er wohl erst in ein paar Monaten wisse. Dennoch sucht er schon jetzt Kunden, fragt nach, versucht, Annahmen zu validieren, denn auch das ist heutzutage für Startups unverzichtbar und seit 2011 nach einem Buch von US-Gründer Eric Ries als Lean Startup bekannt. "Das ist die Herangehensweise, mit der man Startups heute macht," sagt Sollich. "Man schreibt nicht mehr drei Monate an einem Konzept, setzt das dann neun Monate lang um und nach einem Jahr kommt dann der erste Kunde und sagt: 'Ne, das brauche ich ja gar nicht.'" Immer mehr geht es hin zum agileren Startup, das sich an die Umwelt anpassen kann.
 

Traum vom Exit

Nach seinem Abstecher nach München fährt Sollich wieder zurück nach Berlin, um den Start von Student Brains weiter vorzubereiten. Damit hat er in Europa wohl eine der lebendigsten Szenen um sich. Berlin ist mittlerweile nach London zu der aufstrebenden Startup-Metropole Europas geworden. In den vergangenen Jahren sind Gründer aus Osteuropa, Skandinavien und Südeuropa gezielt nach Berlin gekommen, wodurch die Szene enorm gewachsen ist. Aber Sollich gibt auch zu bedenken: "Das Silicon Valley ist nicht in drei Jahren entstanden. Das dortige Ökosystem, das ja immer noch das beste Startup-Ökosystem der Welt ist, hat lange gebraucht, um zu entstehen." Denn nur weil Berliner Startups wie Soundcloud oder Zalando in den letzten Jahren zu wahren Riesen geworden sind, gibt es immer noch nicht die Masse an erfolgreichen Gründern, die ihr Kapital und ihr Wissen wiederum  an die nächste Gründergeneration weitergeben. Generell seien die Erwartungen etwas überzogen, meint Sollich. Auch Exits, also lukrative Verkäufe von Startups an größere Unternehmen nach wenigen Jahren, wie zum Beispiel zwischen Foto-App Instagram und Facebook, sind die Seltenheit. "Das mit dem Milliarden-Exit ist in den USA natürlich grundsätzlich möglich, aber auch da ist es eins von 10.000 Startups und in Deutschland ist es so selten passiert, dass wer daran glaubt, eher in einer Traumwelt lebt."
 

Kontrolle behalten

Viele wollen aber ein nachhaltiges Unternehmen aufbauen, langfristig die Kontrolle darüber behalten und nicht bei der ersten Möglichkeit aussteigen. So auch Thomas Schranz. Er wird bald wieder seine Partner in San Francisco besuchen, und wenn alles gut geht auch bald eine permanente Aufenthaltserlaubnis haben. "Wir wollen eigentlich nicht verkaufen. Warum wir angefangen haben, das Ding zu machen, war ja, dass wir selber entscheiden konnten, wie wir das Produkt machen wollen, wie wir die Firma gestalten wollen." Ein Grund, der wohl den Kern vieler Startups und die Motivation derer Gründer trifft: "Es ist viel Verantwortung, jedes mal wenn du einen Fehler machst, bist nur du Schuld. Aber das Schöne ist: Wenn irgendetwas nicht so läuft, wie es sein sollte, dann kannst du das ändern."

  

Sektor 5, OHnatenko

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