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Hausaltar im Büro: Die Pinnwand

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Ein unverzichtbares Element für Organisation und Raumgliederung am Arbeitsplatz, für Sicht- und Schallschutz, vor allem ein Ort zur "Markierung" des persönlichen Lebensraumes.

Ob im Büro oder zu Hause, die Pinnwand ist ein Stück Alltagskultur. Aktuelle Informationen stets griffbereit zu haben und leicht auswechseln zu können, ist die Idee. Einmal an der Wand montiert oder im Raum frei aufgestellt, verwandelt sich die Pinnwand innerhalb kürzester Zeit in ein multifunktionales Feld, das den grauen Alltag bunter macht. Mitunter entsteht so ein persönlicher Hausaltar.

"Die Pinnwand ist quasi ein Kunstprojekt und persönlicher Ausstellungsort des Mitarbeiters ", erklärt Meinrad Fixl, Kommunikationschef bei Bene. "Wenn man einen Vergleich aus dem Tierreich bringt, geht es um ´die Markierung´. Die Pinnwand zeigt an: Hier ist mein persönlicher Ort. Das ist für Menschen psychologisch offenbar unheimlich wichtig und deshalb auch sehr ausgeprägt. Es gibt da starke Persönlichkeiten."
 

Auf Pinnwänden verdichtet sich das Büroleben

Für die Volkskundlerin Klara Löffler stellt die Pinnwand eine wahre Fundgrube dar. Persönliche wie gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich hier wider: "Wenn man überlegt, wie man eine leere Pinnwand ganz persönlich lesen würde, dann wäre das wohl etwas Peinliches. Hingegen beweist im Büro ja eine Pinnwand, die möglichst voll gehängt ist mit Fotos, aber natürlich auch mit Terminen, wie bedeutsam man im Geschäftsleben ist, wie stark integriert man in der Gruppe ist, wie arbeitsam man ist. Insofern verdichtet sich in einer Pinnwand auch sehr viel von der sozialen Situation im Büro."

Rasch wird klar, dass die Pinnwand als Träger für aktuelle Informationen nur selten Bedeutung bekommt. Selbst ihre Funktion als materialisiertes Kurzzeitgedächtnis kann die Pinnwand selten erfüllen. Seelische Grundbedürfnisse stehen gegenüber sachlichen Inhalten ganz klar im Vordergrund. Meinrad Fixl: "Vielleicht steigen wir ein in ein paar typische Pinnwand-Bestückungen: Sehr oft sind es Fotos von Kindern oder von Tieren - Hunde, Katzen bis zum Wellensittich -, auch Plüschtiere. Ansichtskarten erinnern an den Urlaub, also an eine Gegenwelt, es gibt Merksätze, Blumen, meistens getrocknete Blüten, diverse Einladungen, und erst am Schluss der Aufzählung würde ich den kleineren, sachlichen Anteil wie Notizen, Termine, Mitteilungen an den Nachbarn nennen."
 

Pinnwand-Sprüche als ironisches Ventil

Paragraph 1: Der Chef hat immer recht, Paragraph 2: Sollte der Chef ausnahmsweise mal nicht recht haben, tritt automatisch Paragraph 1 in Kraft.

"Es gibt sehr starke Ironisierungen der Arbeitsabläufe, des Arbeitsalltags, auch konkret des Chefs", konstatiert die Volkskundlerin Klara Löffler, "aber es betrifft auch die Hierarchien, die im Büroalltag abzulesen sind."

Der Umgang mit hierarchischen Strukturen spielt auf Pinnwänden eine entscheidende Rolle, sind sie doch einer der wenigen Orte, wo Aufmüpfigkeit demonstriert werden kann - in angepasster Form freilich, denn eine spitze Bemerkung gegen den Chef verlässt den Rahmen der Pinnwand in der Regel nicht. Sollte sie sich jemals auf die Bürotür des Chefs verirren, wird dies schnell als bedrohliche Provokation wahrgenommen.

"Das Wort von der ´angepassten Aufmüpfigkeit´ passt hier sehr schön", bestätigt Klara Löffler, "weil es eben genau zeigt, wie weit man gehen kann oder will. Man kann Eigenständigkeit zeigen und Mut beweisen, zugleich aber weiterhin integriert sein im Büroalltag. Man katapultiert sich nicht ins Abseits über ein Bild oder einen Bürospruch auf der Pinnwand. Das sind jene Sprüche, die von allen augenzwinkernd akzeptiert werden können."

Die Pinnwand ist in einem halböffentlichen Zwischenraum anzusiedeln. Hier wird das Innenleben nach außen gestülpt, zugleich der Intimbereich abgesteckt und geschützt. Offenbar kommt dabei ein menschliches Grundbedürfnis von so entscheidender Bedeutung zum Ausdruck, dass ein Verbot von Pinnwänden undenkbar ist.

Der Text basiert auf einer Ö1-Radiosendung der Reihe "Moment - Leben heute".

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