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Im Labyrinth der Innovationen

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Das Wort Innovation hat vielleicht seine besten oder schlechtesten Zeiten schon hinter sich – wie man’s nimmt: seinen Buzzword-Status, das heißt, die Fähigkeit durch seine reine Anwesenheit zu beeindrucken, hat es wohl verloren. Zu oft haben sich die beiden großen W’s, Wirtschaft und Werbung, in den letzten Jahren an ihm bedient, wenn es darum ging ein Produkt, eine Idee, eine Arbeitsweise besser als eine andere dastehen zu lassen. Das Adjektiv „innovativ“, wie es heute gern und oft verwendet wird, ¬ist also vor allem eines: positiv konnotiert. Auch wenn wir dem Wörtchen in unserem Alltag häufig begegnen und es uns manchmal auf die Nerven geht – jeder, der schon einmal in einem Projektantrag ausführen musste, inwiefern seine Idee nun innovativ sei, kennt das – sehen wir dennoch in der Innovation Erneuerung – nichts anderes bedeutet ja das Wort – und interpretieren diese als Fortschritt.
 

Warum sollten wir auch nicht?

Das könnte daran liegen, dass die Menschen, die in Medien, Wirtschaft, Politik und Werbung gerade den Ton angeben und damit solche Konnotate beeinflussen – egal, ob sie erst ein paar Jahre im Beruf stehen oder sich schon dem Ende ihrer Laufbahn nähern – alle eine ordentliche Bandbreite an großen Innovationen selbst miterlebt haben, oder zumindest gut darüber informiert sind, von den Früchten der Errungenschaften der jüngeren Geschichte profitieren. Selbst jemand, der heute erst 20 ist, kann sich noch an eine Zeit vor Facebook und Smartphones erinnern; große Teile der Bevölkerung wissen auch noch ganz genau, wie das ohne Internet beziehungsweise den Möglichkeiten, die es heute bietet, war. In diesen Kontexten ist die positive Strahlkraft des Wortes „Innovation“ nochmal verständlicher. Es wundert nicht, dass man technischen Entwicklungen, die den (Arbeits-)alltag erleichtern in diesen Generationen aufgeschlossen gegenübersteht, hat man doch bereits großen Nutzen aus ihnen gezogen. Dennoch braucht es eine gewisse Zeit bis sich die Auswirkungen, die solche Innovationen mit sich bringen, manifestieren. Denn gerade technischer Fortschritt kann auch Kehrseiten haben – Überwachung von Daten, Drohnen, die vielzitierte Waffe aus dem 3D-Drucker beispielsweise. All das sind Phänomene, an denen Innovation zwar nicht die unmittelbare „Schuld“ trägt, die aber aus ihr resultieren können.

Auf Grund solcher Entwicklungen – und auch wegen des wachsenden Trends nachhaltig wirtschaften und leben zu wollen – stellt sich eine gewisse Kritik an Innovation ein. Manche sehnen sich in eine Zeit vor Social Media, in eine Zeit, in der man nicht jedes Jahr ein neues iPhone kaufen musste, zurück. 
 

Vielleicht nicht ganz so weit zurück

Dabei muss es ja nicht gleich die Antike sein, die uns die Wortwurzel der Innovation „innovare“ beschert hat, wenn auch strikte „Innovationsgegner“ dort sehr gut aufgehoben wären. Schon Cicero fragt in einer Gerichtsrede den Angeklagten Piso, ob er jenen daran erinnern muss, sich seiner Zügellosigkeit wieder hingegeben zu haben. „Te innovasti“, wählt der große Redner seine Worte ganz genau und meint damit, dass der Angeklagte – noch schlimmer als früher agierend – sozusagen „innovativer“ in seinem verachtenswerten Handeln war.

Neue Dinge hatten es im Rom der sogenannten klassischen Zeit, in der gerade Männer wie Cicero, die die alten Traditionen bewahren wollten und nervös auf jede minimal kleine Bewegung schielten, nicht leicht. So lautet der Ausdruck dafür, einen politischen Umsturz zu versuchen „novis rebus studere“, was wörtlich übersetzt „nach neuen Dingen streben“ bedeutet. Der Umsturz kam dann auch durch Caesar und dessen Nachfolger Oktavian, besser bekannt als Kaiser Augustus, und kostete in Folge Cicero den Kopf. „Innovationsverweigerung“ machte hier einen Gutteil des Grundes aus, unsanft aus dem Weg geräumt zu werden.
 

Psssscht!

Zum Schweigen gebracht – wenn auch nicht immer in letzter Konsequenz – wurden aber nicht nur Menschen, die sich gegen etwas Neues wehrten sondern auch die, die es forderten. Davon können Männer wie Galileo Galilei ein Lied singen, die wegen ihrer Ansichten – in seinem Fall der Verteidigung des heliozentrischen Weltbildes – zumindest unter Hausarrest gesetzt wurden. Ein Whistle-Blowing im Stile Edward Snowdens konnte die Kirche jedenfalls verhindern. Der Vergleich ist, wenn auch etwas absurd, gar nicht so falsch – denn auch im Falle von Galilei ging es nicht so sehr darum, dass die Kirche nicht ohnehin zu großen Teilen wusste, wie der Hase läuft – dass es also wirklich eine schockierende, neue Erkenntnis gewesen wäre – sondern darum, dass sie gerade andere Sorgen hatte und sich nicht noch eine „Marketing“ oder gar „Re-Branding“-Aufgabe aufbürden wollte.

Die Unvereinbarkeit der Idee mit den theologischen Grundsätzen war nicht ausschließlich der springende Punkt – die Kirche reagierte historisch gesehen einfach völlig normal, wie es jeder tun würde, wenn das eigene Monopol – und da darf man sich die Kirche im 17. Jahrhundert schon ein bisschen wie einen Großkonzern vorstellen – angegriffen wird. Einige Zeit später erging es Alexander Graham Bell nicht viel anders als Galilei. Heute oft als Erfinder des Telefons bezeichnet – obwohl er die Erfindung „nur“ zur Markreife gebracht hat – wurde Bell, als er zur Telegrafengesellschaft Western Union, dem damaligem Marktführer im Bereich Kommunikation, ging, prompt zurückgewiesen.
 

Was ist Innovation eigentlich?

Bell ist tatsächlich mehr Innovator als Erfinder, folgt man zumindest der Definition des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter, der den Begriff 1939 in die Wirtschaftswissenschaften eingeführt hat und auch eine Unterscheidung zwischen Innovationen und Inventionen, also Erfindungen, lieferte: Innovationen sind nur dann solche, wenn sie auf den Markt ausgerichtet sind und ihn erfolgreich durchdringen – dazu müssen sich Produktionsprozesse verändern oder neu kombiniert werden.

Der Fortschrittsgedanke und die positive Einstellung gegenüber vor allem technisch Neuem, die wohl durch die industrielle Revolution einen großen Schub bekam und ein großer Auslöser dafür war, dass Innovation heute nicht mehr schief beäugt wird – auch wenn man sie damals vielleicht noch nicht in Schumpeters Termina dachte – mündete schließlich in einem eigenen Business.
 

Schaffen

Heute denkt man Innovation nicht mehr als etwas, das passiert – als anekdotischen Apfel der Newton auf den Kopf gefallen ist, oder als die zufällig entstandene Mikrowelle – sondern als etwas, das man schafft und zu schaffen hat. Nicht zuletzt um wirtschaftlich überleben zu können. Das fordert von Unternehmen Flexibilität – sowohl dahingehend, selbst innovative Ideen zu generieren und umzusetzen als auch einschätzen zu können, wenn Innovationen von außen an sie herangetragen werden. Eine Bereitschaft, bei Bedarf den eignen Kurs zu ändern kommt noch dazu. Die heutige Offenheit gegenüber Innovationen, die zahlreichen Wettbewerbe und Präsentationsplattformen lassen neue Ideen, Start-Ups und Kickstarter-Kampagnen wie Schwammerl aus dem Boden schießen. Der Konkurrenzdruck ist dabei natürlich enorm.

Wenn man heute zwar nicht mehr die Inquisition fürchten muss, steht man dennoch vor der schwierigen Aufgabe, sich im Labyrinth der Innovationen zurechtzufinden. Das gilt für Investoren, Konsumenten und natürlich die Innovatoren selbst, die darum kämpfen müssen herauszustechen und stellt damit eine zeitgemäße Herausforderung dar.

 

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