Personalities

Kai Stania, Hühnersteigstraße, Wien

Architektur Design Lifestyle

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal befragen wir den Architekten und Designer Kai Stania. Im Interview mit Désirée Schellerer und Angelika Molk erzählt er vom Büro als Statussymbol, von der Welt der Luxusobjekte und dem schönen Leben am Berg.

Nach Studien der Architektur und des Industriedesigns in Wien übernahm Kai Stania die Projektleitung in Ron Arads Studio in London. 2002 gründete er sein eigenes Designbüro "kai stania I product design". Im Möbelbereich ist Stania unter anderem für TEAM 7 oder Wittmann tätig, außerdem hat er bereits Accessoires für Cerruti, Ungaro und Cacharel entworfen. Für Bene designte Kai Stania die erfolgreiche AL Management Serie, die unter anderem im James Bond Film "Quantum of Solace" der toughen Geheimdienst Lady M als Arbeitsplatz diente. Stania lebt mit seiner Familie im selbst entworfenen Haus in Wien, in dem er Wohnen und Arbeiten gekonnt miteinander verbindet.


Mein Tisch, mein Stuhl, mein Reich - das Büro wird auch heute noch gerne als Statussymbol betrachtet – wie stehen Sie dazu?
Natürlich hat das Büro gerade für Manager einen besonderen Wert. Die Uhr, das Auto, der Schreibtisch – das sind die Symbole, die in der Geschäftswelt eine Bedeutung haben. Früher wurde Status stark über die Tischplatte definiert – der Manager, der CEO hatte die dickste Schreibtischplatte und saß am höchsten. Heute wird dieser Status subtiler ausgedrückt, durch besonders hochwertige Materialien oder die Eleganz der konstruktiven Verbindungen. Das hängt zum Teil mit den etwas flacheren Hierarchien zusammen, die in der modernen Bürowelt vorherrschen – flachere Hierarchien bedeuten, dass das Statussymbol, was auch immer es ist, nicht mehr so aufträgt wie früher, die Betonung liegt mehr auf Understatement und Zurückhaltung. Ich denke, dass AL prädestiniert dazu ist, diese neue Art Statussymbol zu symbolisieren.

Wie sind Sie an den Entwurf von AL herangegangen?
Ich habe mir die Managementbüros von damals angesehen, viele persönliche Interviews geführt und dann versucht, in eine neue Richtung zu gehen. Es war schon ein mutiger Schritt, zum ersten Mal eine Konstruktion komplett in Aluminium auszuführen. Aber ich hatte das Gefühl, dass sich die Zukunft nicht im Protz, sondern im Understatement ausdrücken wird, und dass sich das direkt im Design widerspiegelt – dass Status durch Eleganz und Raffinement zum Ausdruck kommen soll. Status ist ja ein abstraktes Gefühl, es definiert eine gewisse Position und ist immer auch ein Abstecken des eigenen Umfelds. Eine gute Parallele zur Bürowelt ist eigentlich die Autoindustrie, für AL haben wir uns auch stark an ihr orientiert – Audi hat damals, vor über zehn Jahren, zum Beispiel auch gerade viel mit Aluminium gemacht. Und natürlich ist die Technologie als solche wichtig, weil sich in ihr Fortschritt und Innovation ausdrücken, all das gehört zu Status dazu.


Sie designen für Nina Ricci, Cerruti, Ungaro – würden Sie das Entwerfen von solchen Luxusobjekten als "lustvoll" bezeichnen?
Ja, schon. Es bietet ein paar mehr Parameter, mit denen man umgehen kann, das interessiert mich. Zumindest in meiner Modeaccessoire-Welt, wo es um solche Objekte geht, spielt Metall, Schwarz, Glanz eine riesige Rolle. Lustigerweise sind diese Dinge in ihrem Innersten aber sehr konservativ. Die wirklichen Innovationen sind oft gar nicht erwünscht bei diesen Statusobjekten – Werte werden über Tradition weitergegeben, und nicht über Innovation.
Es gibt zum Beispiel kaum eine konservativere Branche als die Uhrenwelt – die Uhren sehen sehr konservativ aus, auch wenn ein absolutes High-Tech Uhrwerk in ihnen steckt. Die Affinität zur Technik und das Wissen darüber werden mit dem Look einer vergangenen Zeit gepaart.


Gibt es für Sie so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz" – und wenn ja, wo befindet er sich?
Ja, mein Hauptarbeitsplatz befindet sich in meinem selbst entworfenen Bürowohnhaus am westlichen Rand Wiens im 14.Bezirk. Die Situation ist tatsächlich sehr speziell, da es sich trotz der Nähe zur Stadt sehr ländlich anfühlt. Im Winter ist mein Haus nur mit Allrad erreichbar und zudem steht es direkt, ohne Trennung durch einen Zaun, am Waldrand, etwa 300 Höhenmeter über Wien. Für viele kaum zu glauben, dass es in Wien so einen Ort geben kann.


Das Büro als Ort: Welche Bedeutung messen Sie ihm bei?
Die Qualität des Ortes war und ist für mich sehr entscheidend, genauso entscheidend wie die Frage, wie ich leben und arbeiten möchte. An mein eigenes Büro habe ich eine an sich absurde Forderung geknüpft: Ich wollte dort wohnen und arbeiten, wo andere Urlaub machen. Ich bin sehr froh, diesen Ort dann auch wirklich gefunden zu haben.
 

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Büro etwas über Sie aussagt?
Ich denke, es sagt sehr viel über mich aus. Es vermittelt glaubhaft meine Ansichten über Architektur und Design. Für mich ist mein Bürowohnhaus gleichzeitig ein Marketingtool. Potenzielle Interessenten, die mich einmal besucht haben, werden auch meist meine Kunden. Den Großteil der Möbel, die ich verwende, habe ich selbst für verschiedene Firmen wie Bene, Team 7, Rolf Benz entworfen. Ich finde es wichtig, die Dinge selbst auszuprobieren und damit zu leben, auch um auf diese Art neue Ideen für Produkte zu entwickeln.


Gibt es Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
Ich bin zugegebenermaßen ein starkes "Gewohnheitstier". Um effektiv arbeiten zu können brauche ich die Ruhe eines gewohnten Ortes. Ich liebe aber auch die Modellwerkstätten der Firmen, für die ich arbeite – hier wird viel entschieden, diskutiert und verändert.


Gibt es Orte, an denen Sie besonders gerne arbeiten würden?
Vielleicht an einem Ort mit Bezug zum Wasser. Was mir fehlt am Berg: ein See.


Gibt es Orte, an denen Sie arbeiten müssen, die Sie aber lieber meiden würden?
Müssen direkt nicht, aber solche Orte sind für mich Transitorte, die nur dem Zweck dienen zu warten, wie zum Beispiel ein Gate am Flughafen. Nichtsdestotrotz entstehen auch an solchen Orten durchaus gute Ideen in meinem Skizzenbuch, die dann in Ruhe im Büro ausformuliert werden.


Sind Sie lieber alleine in Ihrem Büro oder gemeinsam mit anderen?
Mir ist die Balance wichtig. Es braucht einfach beides.


Ist das Büro für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität?
Die Inspiration ist wie ein Vogel, man weiß nie genau, wann er landet. Kreativität hat viel mit Auseinandersetzung zu tun, zwischenmenschlich oder allein, aber es hat auch mit Arbeit zu tun - und die findet hauptsächlich im Büro statt.


Gibt es Rituale, die Sie für wichtig halten in Ihrem Büroalltag? Bewusst gesetzte oder solche, die Ihnen jetzt erst bewusst werden, wenn Sie darüber nachdenken?
Nun, sofern ich es als Ritual bezeichnen kann, ich setze mich gerne am Vorabend eines neuen Tages hin und überlege mir die wichtigsten Punkte, die zu erledigen sind und notiere sie. Dann kann ich beruhigt schlafen gehen.


Welche Veränderungen würden Sie als die einschneidendsten während Ihres gesamten "Büro-Lebens" nennen?
Ich stamme noch aus der analogen Studentengeneration, als es nur Aquafix, Transparentpapier, Tusche und Bleistift gab. Auch in den drei Jahren bei Ron Arad im Büro in London waren das, abgesehen vom Modellbau, die einzigen Arbeitsmittel. Ich habe mich der digitalen Welt verweigert. Die ersten Jahre in meinem Berufsleben waren schwierig, bis es Software gab, die eine neue Dimension eröffnete – da habe ich begonnen, mich mit dem Digitalen anzufreunden. Es wäre für mich heute sonst kaum möglich, in einem Jahr an die vierzig Produkte für Cerruti, Ungaro oder Nina Ricci zu entwickeln.


Möchten Sie uns ein "WOW"-Erlebnis verraten, das Sie in einem Büro hatten?
Das ist schwer zu sagen. Für mich ist es immer wieder ein WOW-Erlebnis, wenn ein neues, bis dato virtuelles Produkt zum ersten Mal als Prototyp dasteht. Ein Objekt zu berühren hat einfach viel mehr Qualität als es nur zu sehen.


Der wichtigste Gegenstand im Büro?
Der Tisch, an dem man arbeitet, kommuniziert…


Welches ist der für Sie wichtigste Gegenstand in ihrem Büro?
Mein 30" Bildschirm.


Welches ist der persönlichste Gegenstand in ihrem Büro?
Ein Cerruti Füller, den ich vor sieben Jahren entworfen hab – er erfüllt nicht nur die Funktion des Schreibens, sondern auch die eines Handschmeichlers.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Mein Computer.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
Mit den Auftraggebern gut essen zu gehen.


Wie viele Stunden verbringen Sie im Büro?
Viele, aber ich bin dankbar eine Aufgabe gefunden zu haben, von der ich meine Familie ernähren kann und bei der ich nicht auf die Uhr sehen muss.


Vielen Dank für das Interview.

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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