Personalities

PearsonLloyd, 117 Drysdale Street, London

Design Inspiration Interview

Luke Pearson und Tom Lloyd gründeten im Jahr 1997 in London ihr Designbüro PearsonLloyd, das heute zu den erfolgreichsten Designstudios Großbritanniens zählt. Die Projekte sind vielseitig und wurden bereits mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Das Londoner Büro zeigt eindrucksvoll, was hochwertiges Industriedesign ausmacht – nämlich die intelligente Umsetzung von sich verändernden Arbeitsweisen, Produktionsmöglichkeiten und Lebensumständen. Das Tätigkeitsfeld von PearsonLloyd umfasst Innenarchitektur, Möbeldesign und -consulting sowie Produktdesign oder die Gestaltung öffentlicher Plätze. Zu ihren Kunden zählen etwa Artemide, Classicon, Fritz Hansen, Walter Knoll, Knoll International, Lufthansa und Virgin Airlines.
Für Bene entwarf PearsonLloyd bereits das Möbelprogramm PARCS (2009) mit einer umfassenden Produktpalette wie etwa Causeway, Toguna, Wing Series oder Idea Wall. PARCS, inzwischen vielfach preisgekrönt, gehört heute zu den erfolgreichsten Produkten im Bene Sortiment.
 


Das Studio von PearsonLloyd befindet sich in Shoreditch, einem aufstrebenden, kreativen Distrikt im Nordosten von London. Wie fanden Sie hierher, und welche Kriterien spielten bei der Entscheidung für dieses Studio eine Rolle?
Tom Lloyd (TL): Als wir mit dem Studio anfingen, haben Luke und ich in West London gelebt. Der Umzug in den Osten war sowohl eine finanzielle Entscheidung – wir suchten nach billigen Studio-Räumen – als auch eine kreative. Unsere ersten Räumlichkeiten befanden sich in einer ungeheizten Lagerhalle am Rande von Spitalfields Market, der damals noch der wichtigste Großhandelsmarkt für Obst und Gemüse in London war. Das Gebiet war etwas runtergekommen und ein bisschen unheimlich, aber voller Leben und Energie. Künstler hatten dort Geschäftsgebäude besetzt, und diese Community hat uns dorthin gezogen. In den 16 Jahren nach unserer Gründung sind wir in drei verschiedenen Räumlichkeiten gewesen, die sich alle im Umkreis von etwa anderthalb Kilometern um dieses erste Büro befanden. Shoreditch ist heute ein Gebiet voller Design- und Modeunternehmen, und obwohl es jetzt ganz anders ist als noch 1997, ist es großartig, dort zu arbeiten.

Luke Pearson (LP): Toms Bruder hatte ein Studio direkt in der Nähe der City, dem Londoner Banken- und Finanzviertel. Die Miete war lächerlich niedrig. Es schien also eine großartige Idee zu sein, sich große und billige Räumlichkeiten zu nehmen. Kaum waren wir eingezogen, wurde das Nachbargrundstück zu einer Großbaustelle. Wir zogen dann nach Whitechapel und haben schließlich unser jetziges Studio gekauft, nachdem wir eines Tages daran vorbei geradelt waren. Es gab zu der Zeit einen Markteinbruch, und es schien eine gute Idee zu sein, obwohl es uns inzwischen in vielerlei Hinsicht zu klein geworden ist.


Wie viele Mitarbeiter sind hier beschäftigt? Und können Sie die Studioatmosphäre beschreiben?
TL: Im Studio gibt es 14 Mitarbeiter. Die Räume sind eine Mischung aus Werkstatt, Meetingbereich und Studio. Die Atmosphäre ist sehr auf Arbeit fokussiert, und es finden ständig jede Menge individueller Gespräche statt. Bei Design geht es ja um Kommunikation, und daher befinden wir uns die meiste Zeit des Tages in Gesprächen mit unserem Team. Wir betrachten und berühren und bearbeiten die Modelle, die Zeichnungen und die Ideen.

LP: Wir haben Menschen aus den verschiedensten Gegenden der Welt. Ich bin mir nicht sicher, wie wichtig ihre Nationalität ist. Natürlich ist ihr kultureller Hintergrund ein anderer, und dies kann den Design-Prozess beeinflussen, aber ich denke, dass die Arbeit uns alle auf einen Level hebt.
Manchmal ist es mir fast unmöglich, dem Englisch von jemandem zu folgen, aber designorientiertes Denken und die Darstellung auf dem Papier kann ich eindeutig verstehen. Das ist für mich das Wichtige. Der Prozess des Denkens und Sehens. Manchmal herrscht Trubel im Studio, ein andermal ist es still und die Leute konzentrieren sich intensiv auf ihre Arbeit.


Ist London der perfekte Ort zum Arbeiten und Leben?
TL: Ja! Nichts ist mit der Energie vergleichbar, die in London entsteht. Der Mix aus Communities, Branchen und Kulturen ist absolut einzigartig: Politik, Finanzen, Kunst, Kultur, Sport. Der Freiheit des persönlichen Ausdrucks sind in unserer Stadt keine Grenzen gesetzt, und so zeigt sich Kreativität immer und überall. Außerdem ist London ein Magnet für Menschen aus der ganzen Welt. In unserem Studio sind sechs verschiedene Nationalitäten vertreten. So etwas würde es sonst nirgendwo geben, außer vielleicht in New York.

LP: Ich habe Kinder in London und momentan stellen sie meinen geografischen Fokus dar. Ich glaube, es ist eine großartige Stadt, und da ich viel gereist bin, empfinde ich einen wachsenden Respekt für die Fähigkeit der Briten, Menschen zu akzeptieren. Dies ist gerade in Bezug auf Kreativität sehr hilfreich, da wir keine Grenzen kennen und Exzentriker lieben.


Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Büro etwas über Sie aussagt?
LP: Das Büro ist superwichtig. Es ist der Ort, an dem wir arbeiten. Die Wände sind immer voller Zeichnungen und Skizzen und das Studio ist übersät mit Modellen in den unterschiedlichsten Entwicklungsphasen. Es ist der Ort, wo wir unsere Ideen austauschen und sie für andere greifbar machen. Das Büro gibt sicherlich ein Statement ab, aber ich glaube, wir sind so mit der Arbeit beschäftigt, dass es nicht immer bewusst passiert, sondern eher eine Reaktion auf die Erfordernisse ist. Es ist vielleicht nicht mein idealer Arbeitsplatz, aber der müsste eine Werkstatt voller Maschinen haben, die alle Aufgaben erfüllen – und das ist natürlich nur ein Traum.

TL: Unser Büro gibt auf vielen Ebenen ein Statement ab: PearsonLloyd, Luke und Tom, die Arbeit, unsere eigene Persönlichkeit, das Team, London. Unser Büro ist randvoll mit Prototypen, Mustern und Modellen. Es ist sehr unordentlich, doch es gefällt unseren Besuchern, wenn sie sehen können, was gerade passiert. Manchmal räumen wir auf, aber dann verlieren die Räume ein bisschen von dieser Energie.


Haben Sie einen bevorzugten Arbeitsplatz, oder wechseln Sie lieber die Orte?
LP: Mein liebster Arbeitsplatz ist mein Skizzenbuch und derzeit ein iPad, das mir dabei hilft, mein Leben zu organisieren und die E-Mails in Schach zu halten… oder besser: sie zu beantworten. Ich glaube, ich kann überall arbeiten, aber ich mag die Konzentration. Ich brauche meinen Schreibtisch, wenn auch nur, um meine Notizen darauf auszubreiten. So viele Designer erzählen irgendwelche Geschichten davon, dass sie all ihre Ideen im Flugzeug haben. Meine kommen in den merkwürdigsten Momenten, deshalb muss ich immer meine Werkzeuge bei mir haben. Ich kann nicht ohne Stift sein.
Ein Stück Papier ist immer zur Hand, um schnell eine hieroglyphische Notiz zu machen. Andererseits gibt es – wie schon gesagt – Zeiten, in denen stille Konzentration absolut wichtig ist. Ich könnte niemals von zu Hause aus arbeiten, der Fluss, der von den anderen generiert wird, ist wichtig.

TL: Luke und ich haben einen gemeinsamen kleinen Raum hinten im Studio, wo wir fast dauernd miteinander reden. Aber wir sind vielleicht nur zwei oder drei Tage pro Woche im Studio. In der restlichen Zeit besuchen wir Kunden, Fabriken, Festivals, Konferenzen usw. Wie viele Arbeitende auf der Welt verbringen wir viel Zeit mit Nachdenken und Gesprächen in den benachbarten Coffeeshops.


Was mögen Sie nicht an ihrem Büro?
TL: Wir brauchen mehr Platz zum Denken und Umsetzen und Spielen. Geschäftsräume sind in London sehr teuer. Ich bin mir sicher, wenn wir außerhalb der Stadt arbeiten würden, hätten wir doppelt so viel Platz zum Experimentieren.


Gibt es Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
TL: Ich bin gerne ständig in Bewegung. Kein Tag ist wie der andere.

LP: Was Länder angeht, mag ich Japan. Ich liebe die Aufmerksamkeit für Details.


Gibt es Orte oder Situationen, an denen Sie arbeiten müssen, die Sie aber lieber meiden würden?
TL: Die Heimreise aus einer fremden Stadt am Ende einer langen Woche ist wohl der Teil, den ich in meinem Arbeitsleben am wenigsten mag. So schnell, wie ich zu Hause sein möchte, kann mich kein Flugzeug tragen.

LP: Die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die wissen, dass sie ein Design brauchen, aber überhaupt nicht mit uns im Team zusammenarbeiten wollen. Das ist sehr frustrierend.


Ist das Büro für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität?
TL: Wir haben zu jedem Zeitpunkt mindestens zehn Projekte am Laufen. Die Energie, die durch diese permanente Arbeit erzeugt wird, ist sehr wertvoll. Wir haben eine große Bandbreite an Arbeitsaufgaben im Büro, was bedeutet, dass jeder Tag seinen eigenen Charakter entwickelt. Aber Inspiration, wie wir sie verstehen, kommt zu jeder Zeit und überall.

LP: Das Büro ist nicht immer der Ort, wo die Ideen kommen, aber hier muss ich sie verarbeiten. Manchmal passiert das im Skizzenbuch, aber die Ideen können von überall her kommen, und das ist auch oft der Fall. Beim Unterrichten sage ich oft, dass man nicht erträumen kann, was man nicht erlebt hat.


Gibt es Rituale, die in Ihrem Arbeitsalltag wichtig sind für Sie?
TL: Der Kaffee am Morgen, aber davon abgesehen hat jeder Tag sein eigenes Tempo und seine eigene Struktur.

LP: Was Rituale angeht: Ich mag immer gern zuerst einen Kaffee, wenn ich reinkomme.


Welche Veränderungen während Ihres gesamten "Büro-Lebens" würden Sie als ein-schneidend bezeichnen?
LP: Die Kommunikation stellt wohl die größte Veränderung dar. Wir können inzwischen auf so unterschiedliche Art und Weise kommunizieren, per Telefon, SMS, E-Mail, Skype usw. Wir können Informationen buchstäblich mit einem Klick senden. Schnelligkeit ist gefragt, aber das ist nicht immer das Beste, wenn es ums Denken geht.


Möchten Sie uns ein "WOW"-Erlebnis verraten, das Sie in / mit einem Büro hatten?
LP: Nicht wirklich.

TL: Wir sind glücklich, dass wir als Designer die realen, physischen Früchte unserer Arbeit sehen können. Es gibt nichts Schöneres, als eine Lieferung anzunehmen und dann eine Kiste mit dem ersten Prototyp oder dem ersten fertigen Exemplar eines neuen Designs oder Projektes zu öffnen. Obwohl wir alle genau wissen, wie wir es geplant hatten, ist es irgendwie immer eine Überraschung, wenn wir es zum ersten Mal sehen.


Was ist das wichtigste an Ihrem Büro?
TL: Als ein Team aus 14 Leuten sind wir eine Gemeinschaft. Über die Jahre kommen und gehen Leute, und die Gemeinschaft verändert sich mit den unterschiedlichen Menschen im Studio. Es ist sowohl ein Vergnügen als auch eine große Herausforderung, dieser Gemeinschaft zur Entfaltung zu verhelfen. Und das ist der Weg zu jeder erfolgreichen Arbeit.


Welcher ist der für Sie wichtigste Gegenstand in Ihrem Büro?
TL: Tageslicht.

LP: Mein Fahrrad. Es bringt mich zum Studio und ermöglicht mir, den Tag in einem anderen gedanklichen Umfeld zu beginnen. Es ist eine der besseren Erfindungen der Menschen, und rein emotional mag ich es, es in meiner Nähe zu haben.


Und welcher wäre der persönlichste?
TL: Ich habe eine Leuchte für einen nationalen Beleuchtungswettbewerb 1989 entworfen. Der Prototyp davon steht auf dem Regal im Meeting-Raum, und immer wenn ich ihn an-schaue, werde ich in meine Collegezeit mit all den Hoffnungen und Ängsten des Studentenlebens zurückversetzt.

LP: Ich habe vor ein paar Jahren aufgehört, mich emotional zu sehr an Objekte zu binden, aber wenn man mich unter Druck setzen würde, würde ich sagen, es sind die Zeichnungen die mein Dad für mich gemacht hat.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
LP: Stift.

TL: Meine Skizzenbücher. Obwohl ich kein großartiger Zeichner bin, kann ich nicht ohne Skizzenbuch leben.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
TL: Es gibt nichts Schöneres, als in eine Fabrik zu gehen, die die Ergebnisse deiner Arbeit produziert. Der Nervenkitzel, der von Material und Produktion ausgeht, ist einzigartig. Dies kann vor allem in Norditalien nur noch von einem Geschäftsessen übertroffen werden, das unweigerlich auf ein Produktionsmeeting in der örtlichen Trattoria folgt.

LP: Meine liebste Tätigkeit besteht darin, Lücken zu finden, die andere übersehen haben, und die dann zu neuen Lösungen führen… Ich glaube, das macht Design aus?


Wie viele Stunden pro Tag verbringen Sie im Büro?
TL: Jeder Tag ist anders, generell versuche ich nicht übermäßig lang zu arbeiten. Ich finde, dass das weder das Glücklichsein noch die Produktivität fördert.

LP: Oft sind wir überhaupt nicht hier, aber an einem vollen Tag können es schon mal 15 Stunden werden. Im Allgemeinen arbeite ich abends noch zu Hause.


Haben Sie durch die Arbeit an PARCS oder DOCKLANDS auch Veränderungen an Ihren Arbeitsabläufen vorgenommen? Oder gar Ihr Büro verändert?
TL: Unser eigenes Büro hat sich nicht sehr verändert, seit wir mit PARCS begonnen haben. Wir arbeiten in einer intensiven Arbeitsumgebung sehr eng zusammen. Wir haben nicht genug Platz für eine gute räumliche Trennung, aber wir sind mit einer großen Zahl an Cafés in Shoreditch gesegnet, die uns normalerweise dabei helfen, für einen Moment auszubrechen, um zu reden und zu denken.

LP: Ich bin mir nicht sicher, ob wir nach PARCS und DOCKLANDS viel verändert haben. Ich denke, wir haben immer zusammengearbeitet, haben immer Ruhezonen gefunden, hatten immer unsere Werkstatt und unseren Informationsaustausch. Wahrscheinlich ist es in einem kleineren Studio leichter, sich organisch zu vernetzen als in einer großen Firma.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?
TL: Tageslicht.
LP: Qualität.


Vielen Dank für das Interview.

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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