Trends

Roll on – eine kurze Geschichte des Drehstuhls

RIYA Drehstuhl Bürotrends Arbeitswelten

Sitzen ist eigentlich eine verblüffend junge menschliche Angewohnheit. Tatsächlich war das Sitzen, wie wir es heute kennen, lange den Mächtigen vorbehalten – der Thron ist der Vorfahre unseres heutigen Stuhls. Die ersten Darstellungen sitzender Menschen stammen folgerichtig aus der ägyptischen Antike und zeigen Herrscher auf "Repräsentationssitzen". Auf einem Stuhl sitzen zu dürfen galt als Zeichen von Macht und Autorität und war bis ins späte Mittelalter ein Privileg der christlichen und weltlichen Elite.

Etwas weiter verbreitet wurde der Stuhl erst im 16. Jahrhundert, als das Bürgertum begann, das Sitz-Privileg für sich zu beanspruchen. Mit dem Aufschwung des Handels entstanden die ersten "Sitzberufe" – Kaufleute, Händler und Buchhalter verrichteten ihre Tätigkeiten immer häufiger an einem angestammten Arbeits- und somit auch Sitzplatz. Da die Bilanzbücher der Buchhalter von langgestreckter Form waren und auf mehreren Tischen ausgebreitet werden mussten, wurde bald ein Stuhl mit Rollen erfunden, um schneller von einem zum anderen Ende der Bilanz gelangen zu können.

Der Rhythmus der Maschinen

Bereits damals standen also bei der Gestaltung von Schreibtischstühlen vor allem praktische Überlegungen im Mittelpunkt. Fortgeführt und sogar verstärkt wurde diese Tendenz mit der aufkommenden Industrialisierung: Der Rhythmus der Maschinen bestimmte von nun an auch die Büroarbeit, die diszipliniert, präzise und methodisch geleistet werden musste. Auch der Mensch sollte nach den Prinzipien des Taylorismus effizient funktionieren: Am Schreibtisch musste alles in greifbarer Nähe sein, um am Arbeitsplatz die Bewegung auf ein Minimum zu reduzieren.

Dieses am Maschinellen orientierte Denken spiegelt sich auch im Design der ersten "richtigen" Drehstühle, deren Aufkommen in engem Zusammenhang mit der Erfindung der Schreibmaschine steht: Als die ersten Remingtons in den 1870er Jahren das Büro eroberten, und mit ihnen auch die Frau Einzug in die Arbeitswelt hielt, etablierte sich das Sitzen endgültig als zentrale Körperhaltung am Arbeitsplatz. Der typische Schreibtischstuhl, wie ihn zum Beispiel Ten Eyck entwarf, war ein auf die Sekretärin zugeschnittener, nüchterner Standardstuhl mit drei oder mehr Füßen, einem höhenverstellbaren Holzsitz und einer senkrechten, leicht federnden Rückenlehne zur Stütze der Wirbelsäule. Leider funktionierten die anonymisierten Massenprodukte nicht so, wie sie sollten – das Sitzen war unbequem und führte zu Rückenschmerzen und Haltungsschäden.

Weniger funktionell, sondern stärker designorientierte Büromöbel entwarf beispielsweise Frank Lloyd Wright, der für das Verwaltungsgebäude der Larkin Company spezielle Drehstühle mit Rohrgeflecht entwickelte. Auch Michael Thonet, der wohl wichtigste Möbelunternehmer der Jahrhundertwende, versuchte sich an der Büroausstattung: In Kollaboration mit Otto Wagner wurden für die Wiener Postsparkasse elegante Stühle entworfen, die allerdings kaum den Ansprüchen der tagtäglichen Büroarbeit genügten.
 

Zauberwort Ergonomie

Erst in den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Büro, und vor allem der Drehstuhl, für Ingenieure und Designer interessant. Geschafft hat das vor allem das "Zauberwort" Ergonomie. Ziel dieser neuen Disziplin war, das Arbeitsumfeld den Bedürfnissen des Menschen anzupassen und ihn aus der starren, rechtwinkligen Sitzhaltung zu befreien. Erreichen wollte man dies durch Normen, jede Menge Einstellhebel und Mechaniken – viele Bürostühle entwickelten sich zu wahren Sitzmaschinen mit schwieriger Technik, vor denen der Benutzer meist lieber gleich kapitulierte.

In den späten 70er Jahren begann ein vorsichtiges Umdenken: Drehstühle sollten zwar den ergonomischen Ansprüchen des Menschen entsprechen, aber trotzdem benutzerfreundlich sein. Als wohl erster bedienungsfreundlicher Stuhl mit Synchronautomatik kam 1979 der von Klaus Franck und Werner Sauer für Wilkhahn entwickelte FS auf den Markt. Schon dessen Slogan "Sitzen ohne Führerschein" betonte die einfache Bedienung.
 

Symbiose aus Design und Funktionalität

In den letzten Jahren haben sich Kommunikation und Teamarbeit sich als fixe Bestandteile des Arbeitsalltags etabliert. In Zusammenhang damit entstanden differenziertere Büroformen: Das ideale Büro bietet sowohl Rückzugszonen für konzentriertes Arbeiten, als auch offene Bereiche für Kommunikation und Kollaboration und ist ein Ort, an dem man effizient arbeiten kann, aber sich auch wohlfühlt. In dieser zunehmend sozialer und emotionaler werdenden Bürowelt müssen sich auch die Möbel den neuen Anforderungen anpassen – gefragt sind Flexibilität in den Einstellungen und ansprechendes Design.

Ein gelungenes Beispiel für diese Symbiose aus Funktionalität und Design sind die Produkte des Londoner Studios PearsonLloyd: "In unserer Arbeit wollen wir die vorwiegend technoide Ästhetik, die in Büros dominiert, hinterfragen", erklären die Designer. Nach dem Bay Chair, der sich vor allem für Teamarbeit sowie kurzfristiges, konzentriertes Arbeiten eignet, präsentierten Tom Lloyd und Luke Pearson nun im Zuge der Mailänder Möbelmesse den Bürodrehstuhl RIYA. Dessen Formensprache und weiche Linienführung verneinen bewusst die technoide, nüchterne Drehstuhl-Optik und sollen dazu beitragen, dass sich Mitarbeiter im Büro wohlfühlen. Neben dem freundlichen Design, das eine offene, sympathische Bürokultur mit "Human Touch" repräsentiert, ist RIYA auch sehr anpassungsfähig: Sowohl ästhetisch als auch funktional (neben der klassischen Synchronmechanik bietet der Stuhl automatische Gewichtsregulierung) kann RIYA in den unterschiedlichen Zonen des modernen Büros eingesetzt werden. Die Technik drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern erschließt sich intuitiv im Gebrauch – dabei helfen ansprechend gestaltete Einstelltasten.

Nach rechtwinkligen Holzstühlen und aufgerüsteten, mechanischen Maschinen sind wir mit RIYA im Büro des 21. Jahrhunderts angelangt, in dem das Sitzmöbel weder Statussymbol noch Zeichen von hierarchischer Überlegenheit ist. Ein guter Drehstuhl ist ansprechend gestaltet, entspricht den ergonomischen Anforderungen der Mitarbeiter und ist trotzdem einfach zu bedienen. "Human touch" statt Sitzmaschine – klingt doch gut, oder?

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

Larkin

Larkin Office by Frank Lloyd Wright



RIYA Designprozess





comments powered by Disqus