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Sympathie auf den ersten Blick

Lebensraum Holz Nachhaltigkeit

Materialien, die man auswählt für die Umgebung, in der man arbeitet und lebt, gelten als Spiegel der Seele. Die einen lassen völlig kalt und wirken unnahbar, halten auf Distanz und erzeugen klare Grenzen. Die anderen laden ein und strahlen Wärme aus, wollen berührt werden und bringen harmonische Ausgewogenheit in den Raum. Zu dieser zweiten Gattung gehört unbestritten der Werkstoff Holz, der mehr und mehr nachgefragt wird - sowohl im Privatbereich als auch im Office.
 

Magie der Faser

Was aber ist es eigentlich genau, was an Holz so faszinierend ist? Sicher nicht nur die Vielfalt der Natur, die mit ihren unterschiedlichen Maserungen, Wuchsformen und Holzarten eine schier unerschöpfliche Palette an Gestaltungsmöglichkeiten anbietet, sondern auch der Gedanke an Natürlichkeit und gewachsener Schönheit, wertvolle Ressourcen und gelebte Nachhaltigkeit sowie Geborgenheit und Solidität. All das vereint Holz in sich, ein nachwachsendes Wundermaterial, das nie aufhört lebendig zu sein und seinesgleichen sucht. Kein Wunder also, dass sich der Mensch seit der Erfindung des Sägeblattes mit natürlichen Elementen umgeben will. Die letzten Jahre richtete man sich eher „holzarm“ ein: Der Charme eines gemütlichen Zuhauses blieb vielerorts auf der Strecke, strengem Purismus weichend. Doch die Menschen haben genug von unverwüstlichen Kunststoffmöbel aus der Spritzgusspresse und dem dann doch gar nicht so umweltfreundlichen Aluminium - sie wollen wieder zurück zu den vertrauten Wurzeln. Ein Trend, der sich immer mehr auch in modernen Bürowelten widerspiegelt.
 

Historisch gewachsen

Holzmöbel, so sehr sie im Laufe der Jahrhunderte auch kunstvoll bearbeitet und inszeniert wurden, blieben lange Zeit eine starre und eher gewichtige Angelegenheit. Vom Bauernschrank bis zur barocken Kommode, vom vulgären Schemel bis zum prächtigen Thronsessel hinterließen sie alle den Eindruck der Schwere und Immobilität, die das Gefühl der absoluten Inflexibilität hervorrufen und damit die Freude über ein solches Möbelstück trüben konnten. Mit dieser gnadenlosen Unverrückbarkeit brach erst Michael Thonet, ein Tischlermeister mit erster eigener Werkstatt im deutschen Boppard am Rhein, der die Bugholztechnik erfand und sich damit einen Riesenerfolg an die Fahnen heften darf.

1830 begann er Bugholz – zumeist handelte es sich um Buche oder Ahorn – über heißem Wasserdampf zu biegen und damit Stühle herzustellen. Zuvor übte er sich schon im Verarbeiten von verleimten und gebogenen Holzleisten. Beim Experimentieren stellte sich heraus, dass man Holz durch Kochen oder Bedampfen geschmeidig machen kann, indem man das enthaltene Lignin erweicht. Andernfalls würde das Holz an der Außenseite brechen. Eingespannt in vorgefertigte Metallformen wurde das Holz schließlich getrocknet und im gebogenen Zustand zu Möbelstücken verarbeitet. Das Verblüffende daran: Die Formlinge verhielten sich höchst fest und waren so gut wie nicht kaputt zu kriegen. Die neue Leichtigkeit des Möbels an sich, das man mit einer Hand anderswo platzieren konnte, erreichte auch noch in einer anderen Sache eine neue Dimension: Der berühmte Kaffeehausstuhl N° 14 wurde komplett zerlegt und in großer Stückzahl in die ganze Welt transportiert. Die logistische Meisterleistung, die mit diesem Stuhl Hand in Hand ging, ist bis heute Vorbild geblieben.
 

Aalto, Wegner & Co.

Aber nicht nur in Deutschland florierte der Designansatz mit gebogenem Holz, auch in Skandinavien entdeckte man die Technik für sich. Ging es doch darum, ein Stück Natur zu bändigen und dennoch mit seinen typischen Merkmalen es selbst sein zu lassen. Besonders in den Fünfziger und Sechziger Jahren entflammte eine richtige Welle der Leidenschaft für die Biegetechnik, mit der man Holz wieder näher an das Wohnen heranbrachte, indem man das Material zum Objekt der Begierde werden ließ. Die Freundlichkeit, mit der ein Holzmöbel auftrat, war einfach unschlagbar und stellte alles andere in den Schatten.

Diese Freundlichkeit ist wohl auch einer der Gründe, warum man noch heute immer wieder auf echte Klassiker zurückgreift. Als Beispiel diene etwa der Sessel 26, den Alvar Aalto 1932 entwarf, und von dem zunächst ausschließlich Prototypen hergestellt wurden. In seinem Design zeigt sich der für Aalto typische Gebrauch geschwungener Linien bei einer zugleich minimalistischen Grundstruktur. Ein anderes Kaliber ist der PP 130 oder Circle Chair von Hans J. Wegner, der seit 1986 von PP Møbler produziert wird. Die massive Esche und die geflochtene Flaggleine sind Elemente, die in Wegners Modellen häufig wiederkehren. Für Handwerksmeister Sören Holst Pedersen und den erfahrenen Gesellen Henry Fisker war es notwendig, eine spezielle Maschine zu entwickeln, um diesen Sessel in Holz produzieren zu können, was Wegner selbst sogar für undurchführbar hielt. Der Designer, der in die Designgeschichte einging als jener, der mehr als 500 Stühle entwarf, war der Faszination von Holz völlig ausgeliefert. Aus dieser Passion heraus entstanden weitere brillante Werke wie der Shell Chair, produziert von Carl Hansen.
 

Impulse der Vergangenheit

Auch Ray und Charles Eames konnten sich dem Bann des Holzes nicht entziehen und schufen namhafte Klassiker wie den legendären Lounge Chair oder den Stuhl LCW, dem jahrelange Versuche vorausgegangen waren, dreidimensional verformtes Schichtholz dem menschlichen Körper bestmöglich anzupassen. Aber nicht nur die Erwachsenen profitierten von der beflügelten Art der beiden zu entwerfen: Für die Kinder ersannen sie beispielsweise den berühmten Elefanten, der seit damals den Nachwuchs spielerisch an die Gestaltung mit Holz heranführt. Nicht nur ihnen, sondern allen Designer jener fruchtbaren Designjahre zwischen 1940 und 1970 war klar, dass man mit Holz eine besondere Atmosphäre schaffen kann.

Zwischenzeitlich schon fast vom Aussterben bedroht, begann man in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts wieder langsam, sich mit dem nachwachsenden Rohstoff auseinander zu setzen. Das Ergebnis sind Neuauflagen und Neuinterpretationen sowie Ideen und Experimente, die durchaus das Zeug hätten, selbst zu Klassikern zu werden, so zum Beispiel der Derma Chair von Takao Ando, gefertigt von Carl Hansen, oder Stuhl Mantilla von Patricia Urquell, produziert von Very Wood.
 

Großer Auftritt

Auf jeden Fall anmutig präsentiert sich Holz immer auf größeren Flächen, so nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf Tischen und Schränken. Hier kann Holz sich mit seiner ganzen Natürlichkeit voll entfalten. Waren Äste, Wurmlöcher und andere natürliche Merkmale früher noch verpönt, so sucht man heute förmlich danach. Auch in diesem Punkt haben das Unikatsdenken und der Wunsch nach Charakter längst begonnen. Dies gilt natürlich in erster Linie im Wohnbereich. Allerdings erfreut auch im Business eine lebendige Maserung und die eine oder andere Unregelmäßigkeit das Auge des Betrachters, fast schon wie eine willkommene Abwechslung im strikten Büroalltag.
 

Einfach spannend

Ganz egal, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet: Holz berührt jeden. Für Designer bietet es eine große Vielfalt an technischen Möglichkeiten, ihre Visionen mit einem universellen Material zu verwirklichen. Für den Benutzer bedeutet Holz Wohnlichkeit und Sinnlichkeit, angenehme Haptik, Geruch und Wohlbefinden. Diese Attribute gewinnen zunehmend an Stellenwert, und das so sehr, dass man auch am Arbeitsplatz nicht darauf verzichten möchte. Mit dem Trend zu mehr Individualität und Persönlichkeit im Büro ist Holz nicht mehr nur ein Privileg für die Managementetage. Holz zieht mit einer völlig neuen Qualität ein in die Teambereiche, die Treffpunkte und "Marktplätze" der Businesswelt. TIMBA von Bene, entworfen von PearsonLloyd, ist dafür der beste Beweis.
 

Fest am Boden

TIMBA besteht einerseits aus einem Hocker, andererseits aus einem Tisch, wobei jeweils die Beine aus Massivholz gearbeitet sind. Insbesondere der TIMBA Stool erinnert mit den sich nach unten hin verjüngenden Beinen daran, dass mit dem Material Holz auch eine gesunde Erdung und Bodenständigkeit verbunden sind, die gleichzeitig Ausdruck von Zuverlässigkeit und Vertrautheit sein können. Der Tisch bekommt dadurch wieder seine "alte" traditionelle Bedeutung und gleichzeitig neues Gewicht im Raum. Galt bislang Holz im Office nur als so genannte Edelvariante, so verkörpern die TIMBA Möbel eine neue Generation von Mobiliar, das absolut mehrheitstauglich ist. Von kurzlebigen Produkten, die mit dem intensiven Gebrauch durch die unterschiedlichsten Nutzer ihre Schönheit zu bald auf der Strecke lassen, ist hier keine Spur. Im Gegenteil: Robustheit und Alltagsfähigkeit für die im Gegensatz zu stets pfleglich behandelten Tische und Stühle der Chefetage im Großraum eingesetzten Möbel sind hier schon fast Gesetz. Und ein sehr schönes, wenn man das so sagen darf.

Gher, Arper


Shell Chair, Carl Hansen


Eames Elephant, Charles & Ray Eames




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