Thomas Fundneider, Markus Peschl

Personalities

Thomas Fundneider, Markus Peschl, TheLivingCore und Universität Wien

Innovation Interview Arbeitswelten

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit. In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal befragen Désirée Schellerer und Angelika Molk die Wissens- und Innovationsarchitekten Thomas Fundneider und Markus Peschl. Im Interview erzählen Sie von Räumen, die Innovation ermöglichen und erklären die Angst vor dem Neuen. Außerdem zeigen sie, was ein Büro zu einer Oase in der Wildnis macht.

DI Thomas Fundneider, MBA
ist Geschäftsführer von theLivingCore und Experte für Innovation und Strategie. Seine reiche Erfahrung beim Aufbau von Innovationskulturen in Organisationen nutzt er, um nachhaltigen Impact bei den Kunden zu realisieren. Zudem lehrt er an mehreren europäischen Universitäten.

Univ.Prof. Dr. DI Markus F. Peschl
ist Professor für Wissenschaftstheorie und Kognitionswissenschaften an der Universität Wien. Sein Fokus in der Forschung liegt im interdisziplinären Bereich der Entstehung von Wissen in Kognition, Wissenschaft und in Organisationen, Wissensmanagement, Enabling Spaces und der (radikalen) Innovation.


Diesen Monat beschäftigen wir uns in unserem Magazin mit dem „Neuen“. Einerseits ist das Neue sehr positiv besetzt, steht für Fortschritt, Wandel und Verbesserung. Andererseits ist damit immer auch Skepsis verbunden. Wie sehen Sie das, vor allem vor dem Hintergrund Ihrer Forschungsarbeit?
Markus Peschl: Es ist eine komische Sache mit dem Neuen. Einerseits versetzt es uns in Freude und Staunen, aber zugleich löst es eine bestimmte Grundangst aus, weil man plötzlich mit etwas konfrontiert ist, das in keine bekannte Kategorie hineinpasst. Dann kommt man oft an diesen Punkt, an dem man sich entscheiden muss: Gehe ich diesem Neuen nach, oder lasse ich das lieber sein. Die Innovatoren, die Entrepreneurs oder eher künstlerischen Menschen wollen dem dann auf die Spur kommen. Vom anfänglichen Staunen führt der Weg dann weiter zum Hinterfragen. So kommt man dann auch einem Verstehen näher, aber auch der Einsicht, dass gewisse Dinge offen bleiben müssen, nicht beantwortet werden können. Und genau da liegen dann die Potenziale für ein kreatives Umgehen mit diesen Einsichten und damit für mögliche Innovationen.


Gibt es einen Unterschied zwischen einer Innovation und etwas Neuem? Und wenn ja, wie würden Sie diesen definieren?
MP: Innovation ist es dann, wenn das Neue umgesetzt wird zu etwas, das Erfolg und Wirkung zeigt. Das Neue, das erfolgreich in seiner Umwelt wirkt, ist Innovation.


Herr Fundneider, Herr Peschl, Sie bezeichnen sich selbst als „Wissens- und Innovationsarchitekten“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Thomas Fundneider:
Wir haben den Begriff gewählt, weil er die Bereiche, mit denen wir uns beschäftigen, vereint. Einerseits interessiert uns, wie neues Wissen entsteht und wie Innovation in Unternehmen organisiert und wie eine Innovationskultur aufgebaut werden kann. Andererseits sehen wir uns in der Rolle als Architekten. Wenn ein Architekt ein Einfamilienhaus plant, ist es wichtig, dass er die Anforderungen und Wünsche des Auftraggebers versteht. Genauso wichtig ist aber auch, dass Vertrauen aufgebaut wird – der Bauherr vertraut dem Architekten, dass das Haus nicht nur allen technischen Anforderungen entspricht, sondern dass es auch funktional und ansprechend ist. Bei unserer Arbeit ist es ganz ähnlich. Wir müssen verstehen, was eine Organisation ausmacht, was sie im Kern tut und was sie erreichen möchte. Daraus erarbeiten wir ein Gesamtkonzept, das dann gemeinsam mit dem Unternehmen und weiteren Spezialisten umgesetzt wird. Unsere Rolle ist es, einen roten Faden zu legen, der die Richtung der Weiterentwicklung vorgibt.


Ein spannender Begriff aus Ihrer Tätigkeit ist „Enabling Spaces“. Gemeint sind damit Arbeitsumgebungen, die speziell auf Organisationen und deren MitarbeiterInnen zugeschnitten sind und Produktivität und Kreativität ermöglichen. Wie sieht das bei Ihnen im Büro aus? Sind Ihre Arbeitsumgebungen „Enabling Spaces“?
TF: Verglichen mit vielen anderen Arbeitsorten, die wir sehen und erleben, sind sie das schon. In unseren Projekten geht es ja darum, sich bewusst zu werden, welche Art von Arbeit ich mache, und welche Orte ich aufsuche, um diese Tätigkeit dann zu erledigen. Das haben wir in unserer täglichen Arbeit sehr gut umgesetzt.
MP: „Enabling Spaces“, das sind Räume oder Umgebungen, die gutes Arbeiten ermöglichen. Dazu gehören natürlich nicht nur Büroräume, sondern auch andere Orte. Wir selbst suchen sehr gezielt Umgebungen auf, die das passende Umfeld für die jeweilige Tätigkeit bieten und gutes Arbeiten ermöglichen.


Gibt es Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
MP: Das Café Korb zum Beispiel. Dort arbeite ich je nachdem was zu tun ist, mit Laptop, Buch etc. Oder, am schönsten: lese die Zeitung.
TF: Ich bin im theLivingCore Büro eigentlich ganz zufrieden. Was ich spannend finde ist, innerhalb von Gegensätzlichem zu arbeiten. Unser Büro liegt auf der Mariahilferstraße, dort ist sehr viel los, und dagegen steht dann die angenehme Ruhe im Büro.
MP: Genau, das Büro als eine Oase in der Wildnis.


Mit der Innovationstechnologie „LEAP“ haben Sie ein Werkzeug entwickelt, das den Innovationsprozess strukturiert. Können Sie das kurz veranschaulichen?
MP: Primär geht es um disruptive, radikale Innovationen, die grundlegende Dinge verändern. Das Interessante an dem LEAP-Prozess ist, dass er im Gegensatz zu anderen Innovationsstrategien von der Zukunft her denkt. „Learning from the future as it emerges“ sozusagen. LEAP beruht nicht auf den Resultaten von Kreativitätstechniken, wie etwa Brainstomings, sondern auf einem tiefen Verstehen und Erkunden von Potenzialen.
TF: Wenn ich von der Vergangenheit ausgehe und daraus die Zukunft ableite, bleibe ich sehr stark in meinen Denkmustern (z.B. an meinem Produkt) hängen. Es bekommt dann vielleicht eine neue Farbe, aber keine neue Bedeutung. Um das zu erreichen, muss ich an einem anderen Punkt starten. Der LEAP-Prozess ist zum Teil sehr künstlerisch, es ist ein Antizipieren, was die Menschen in der Zukunft gerne haben möchten. Und aus dieser Antizipation kehrt man ins Jetzt zurück und versucht, daraus ein neues Geschäftsmodell oder eine neues Angebot zu entwickeln.


Das heißt man versucht, ausgehend von der Zukunft, Potenziale auszuloten und Neues zu schaffen?
MP:
Genau. Im LEAP-Prozess geht es darum, sich wirklich auf das Neue einzulassen, dem radikal Neuen einen Raum zu geben, damit es entstehen kann. Dazu müssen Denkmuster aufgebrochen werden, muss dem Neuen Raum zum Wachsen gegeben werden. Der Prozess beginnt mit einer starken Reflexions- und Denkarbeit. Erst dann geht es ins Tun.
TF: Extrapolieren in die Zukunft, das kann man normalerweise, aber diesen umgekehrten Prozess zu beherrschen, ist schwieriger. Es gibt am Anfang daher auch keine bis ins letzte detaillierte Spezifikation, was am Ende rauskommt, denn dann würde der gesamte Prozess nicht funktionieren, da der Raum zu eingegrenzt wäre. 


Ist Innovation für jedes Unternehmen möglich?
MP: Prinzipiell schon. Notwendig sind vor allem Offenheit und die Bereitschaft zur Veränderung. Der LEAP Innovationsansatz ist ein sehr genuiner Prozess, un-abhängig von der Größe des Unternehmens, der Branche. Aber der Prozess ist natürlich aufwändiger, dauert zwischen 4-8 Monate. Und für ein Ein-Mann-Unternehmen wäre es wohl auch nicht das Richtige.


Gibt es für Sie so etwas wie einen “Hauptarbeitsplatz” – und wenn ja, wo befindet er sich?
MP: Den gibt es vielleicht nominell, als Adresse, aber in meiner Arbeitspraxis eher nicht.
TF: Bei mir ist das etwas anders. Es ist wichtig, einen Ort zu haben, eine Adresse, die stabil ist und Sicherheit gibt.
MP: Das Büro als Social Shelter sozusagen.
TF: Genau. Die Zusammenarbeit mit anderen wird durch das physische Zusammenkommen sehr geprägt. Man kann zwar gewisse Arbeiten entfernt voneinander machen, aber es ist wichtig, dann auch wieder etwas gemeinsam zu tun. Im Büro haben wir verschiedene Bereiche, die ich je nach Tätigkeit unterschiedlich nutze. Strategische Entwicklungen, Konzepte für Workshops und ähnliches entwerfe ich gerne außerhalb vom Büro, in einem Café oder an öffentlichen Orten.


Das Büro als Ort: Welche Bedeutung messen Sie ihm bei?
TF: Es bringt Sicherheit, Identifikation. Für einige Tätigkeiten benötigt man den passenden Ort oder Raum als Hilfsmittel. Auch die Möglichkeit, einen Ort zu besetzen, länger an ihm zu bleiben, ihn sich anzueignen, ist wichtig.


Arbeiten Sie lieber alleine oder gemeinsam mit anderen?
MP: Das kommt auf die anderen an. Und auf den Modus des Arbeitens. Es gibt Dinge, die man unbedingt allein machen muss. Das intellektuelle Durchdringen von Themen muss individuell gemacht werden, im ersten Schritt. Wir nennen das Deep Thinking. Diese Phase erfordert auch einen bestimmten Schutz. Erst danach sollte man in Interaktion mit anderen treten. Es bringt nicht viel und erzeigt viel Reibungsverluste, gleich zu Beginn einer Aufgabe im Team loszustürmen.


Gibt es Rituale, die Sie für wichtig halten in Ihrem Büroalltag? Bewusst gesetzte oder solche, die Ihnen jetzt erst bewusst werden, wenn Sie darüber nachdenken?
TF: Ein für mich wichtiges Ritual ist es, Zeit zu haben, fokussiert an etwas zu arbeiten. Die E-mails abschalten, nicht gestört werden. Dazu braucht es auch gegenseitigen Respekt. Bei uns im Team ist das gut verankert.
MP: Auch im Flugzeug sitzen wir nie nebeneinander, obwohl wir oft gemeinsam fliegen.
TF: Das Ritual ist, könnte man sagen, das Alleinsein zu zweit oder im Team.
MP: Und die bewusste Wahl des Arbeitsortes nach dem Modus der Arbeit, das ist ebenso ein Ritual.


Welche Innovationen haben Ihr „Büro-Leben“ am stärksten verändert?
MP: Ich würde die Frage eher umgekehrt stellen. Was ist gleich geblieben, trotz der vielen technischen Veränderungen. Ich denke, dass das Physische, Körperliche, Materielle im Büroleben wieder wichtiger wird. Dieser Hype um Virtualität ist vorbei. Das könnte man als umgekehrte Innovation bezeichnen. Etwas scheinbar Altes taucht in neuer Qualität wieder auf, nachdem man den Gegensatz gelebt hat.
TF: Das ist auch für das Thema Büro wichtig. Wenn ein Büro gut gestaltet ist, kann es diesen Wert des Physischen erlebbar machen.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Der Kopf. (unisono)


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
MP: Denken. Fragen stellen. Die Interaktion mit anderen Menschen, etwas Neues kennenlernen und (gemeinsam oder individuell) erkunden.
TF: Sich Dinge neu zu überlegen, und das dann auch umsetzen. Den Bogen zu spannen, Verantwortung zu übernehmen und etwas, was man entwickelt hat, weiterverfolgen.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?
MP: Ruhe. Arbeiten ohne ständige Versuchung, mit geringer Ablenkung.
TF: Ich bin eigentlich zufrieden.


Vielen Dank für das Gespräch!

  

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

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