© Petra Rautenstrauch, Zotter Schokolade

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“Was heisst denn schon scheitern?” Josef Zotter im Interview

Interview Innovation Kreativität

Der steirische Schokoladenhersteller ist bekannt dafür, immer wieder aufs Neue mit ungewöhnlichen Kreationen aufzufallen. Ein Hauptaugenmerk liegt auf fairem Handel und biologischen Produkten. In seinem Schokoladentheater kann man die Produktion der Tafeln von der Bohne an mitverfolgen und mitverkosten, um anschließend im Essbaren Tiergarten dem Fleisch auf dem Teller in die Augen zu schauen. Nicht grotesk, sondern nachvollziehbar soll das sein. Wir sprachen mit dem „Schokoladenpapst“ Josef Zotter über Blutschokolade, die Kunst des Scheiterns und darüber, warum er manchmal gerne Amerikaner wäre.


Wie schaffen Sie den Raum, um Innovationen so viel Platz geben zu können?
Ich setze mich nicht hin und plane neue Produktideen. Das geht ganz automatisch während der täglichen Arbeit. In meinem Büro herrscht geordnetes Chaos, und vieles landet handschriftlich auf Zetteln, die je nach Priorität hin- und hergeschoben werden. Eine echte Zettelwirtschaft eben. Nach diesem Prinzip arbeite ich. Und manchmal habe ich in meinem Essbaren Tiergarten die schrägsten Ideen. Einfach entspannen, dem Denken freien Lauf lassen.

Wer denkt sich alles Neue bei Ihnen aus?
Na, schon der Zotter selbst. Wo Zotter draufsteht, muss schließlich auch Zotter drinnen sein. Das ist ganz wichtig. Ich stelle Geschmack im Kopf zusammen und kreiere da völlig neue Geschmacksmuster. Ich weiß, wie eine Sorte schmeckt, noch ehe sie produziert wird. Ich habe zum Glück mehr Ideen, als wir in einer Saison verwirklichen können. Das Schwierigste ist immer zu entscheiden, welche wir weglassen. Dann muss ich sogar Bestseller aus dem Sortiment nehmen, damit die Neuen Platz haben!


Sie mögen keine Marktforschung. Testrunden sind aber in Ordnung?
Nein, wozu? Die Schokoladen sind doch schon perfekt. Sie müssen auch nicht jedem schmecken. Aber wer sie toll findet, wird sie lieben! Deshalb haben wir ja auch 365 verschiedene Sorten im Programm: Es lebe die Vielfalt und die Individualität! Hätten wir sonst eine Grammelnussn oder Schmecktakel-Schokolade oder gar eine Fischgummi- oder Himbeer-Blut-Schoko mit echtem Blut?


Wann weiss man, dass man eine Idee besser ad acta legen sollte?
Wenn ich mir nach ein paar Wochen meine Zettelwirtschaft wieder durchschaue und die Ideen auch dann noch prickelnd finde, denke ich über eine Rezeptur nach.


Ist Scheitern tatsächlich eine Kunst, die man lernen kann?
Was heißt denn schon scheitern? Man muss ja nicht immer einen Vollcrash hinlegen! Sicher gibt es auch Ideen und Produkte, die nicht so toll waren; dann werden sie halt nicht mehr produziert. Wichtig ist, dass man es probiert hat. Nur jammern, dass eh nie was gelingt, weil man einmal auf die Goschn gefallen ist – das ist halt auch öd. Aufstehen und weitermachen, das ist wichtig.


Beherrschen Sie das Scheitern?
Wer nicht? Oder kennen Sie jemanden, der auf Anhieb immer alles richtig macht und nie an einer Entscheidung zweifelt? Das wär ja irgendwie auch fad. Gut, ein Insolvenzverfahren im Leben reicht, aber aus heutiger Sicht war es eine Bereicherung in meinem Werdegang. Damals hat mir keiner geholfen oder mich bestärkt. Aber manchmal muss man einfach selbst den ersten Schritt für den Neuanfang setzen.


Ist alles, was man sich nach dem Scheitern aufbaut, mehr wert, als wenn man mit dem ersten Versuch Erfolg gehabt hätte?
Ich hab meine Kaffeehäuser auch mit Leib und Seele geliebt. Und heute ist die Schokolade ein Teil meines Lebens. Ich trauere nicht nach. Man sollte im Hier und Jetzt einfach das Beste daraus machen.


Wie nachhaltig ist maximal nachhaltig in der Scholokadenproduktion?
Das ist ein breites Thema, denn dazu müsste man erst definieren, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet. Ich kann da natürlich nur für mein Unternehmen sprechen. Wir beziehen alle Zutaten aus dem Süden über den fairen Handel und sind daher auch Fairtrade-zertifiziert. Alle Zutaten sind ausnahmslos bio, und wir erzeugen über 64 Prozent der verbrauchten Energie am Produktionsstandort hier in der Steiermark selbst mittels Fotovoltaik und unseres Heizkraftwerks. Letztes Jahr konnten wir unsere Restmüllmenge um ein Drittel verringern. Unser Fuhrpark wird fast zur Gänze aus dem hauseigenen Strom versorgt. Das ist schon recht sauber! Bei der EMAS-Zertifizierung wurde die Nachhaltigkeit sehr positiv bewertet.


Wie wichtig ist es, dass die Mitarbeiter einen mögen?
Ganz unsympathisch darf der Chef natürlich nicht sein, aber selbstverständlich muss er als „Kapitän“ auch einmal das Ruder rumreißen. Das ist nicht immer angenehm, aber ist man deshalb weniger nett?


Bisher haben Sie alle Ihre Kinder gut ins Unternehmen integriert. Wer nicht mitmacht, wird enterbt?
Nein, natürlich nicht! Ich freue mich, dass unsere zwei großen Kinder den Gedanken und die Werte weiterleben und auch mit uns arbeiten möchten. Ich habe das nie verlangt oder erwartet, aber natürlich freut es mich. Bei unserer Kleinen ist die berufliche Zukunft noch weit weg. Wichtig ist, dass den Kindern alle Möglichkeiten offen-stehen und dass sie durch Auslandssemester oder Praktika die Welt kennenlernen. Wenn sie sich dann entscheiden, an ihren Wurzeln Fuß zu fassen, ist das schon sehr lässig.

 

WORDRAP


Sauerkraut oder Grammeln? Grammeln.
Fleisch oder Schokolade? Beides ist gut.
Eine Zotter-Lebensweisheit? Die Maximierung der Menschlichkeit ist wohl der größte Gewinn.
Wie viele Ideen sind tatsächlich von Ihnen? Naja, was ist eine Idee genau? Der zündende Moment. Danach kommt nicht alles von mir.
Letzer Film? Yessas, falscher Fuß! Schon länger her, da haben mich „Plastic Planet“ oder „We Feed the World“ sehr berührt.
Tennis oder Eishockey? Schon Tennis, in meinem Alter!
Aktuell auf dem Nachttisch? Viele Zeitschriften rund ums Essen und um Design. Bücher lese ich nur, wenn ich viel frei habe, und das ist selten.
Wären Sie gern Amerikaner? Manchmal schon. Was diese positive Energie betrifft, dass vieles möglich ist…diesbezüglich in jedem Fall!
Könnte es jemand anderer besser machen? Ja, sicher! Mein Gott, allzu wichtig darf man sich nicht nehmen.

 

Cover-Photo © Petra Rautenstrauch, Zotter Schokolade

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