Architektur & Design

Work in Progress: Der Architekt

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Generalist und Spezialist. Gott und Ted Mosby. Architekten kommen in allen Farben und Formen. Was sie nun eigentlich zu können haben, wird seit Jahrtausenden diskutiert.

In sieben Tagen die Welt

Geht man von unseren durch den christlichen Glauben geprägten Breiten aus – man denke nur an unsere Zeitrechnung – dürfte man wohl den Schöpfergott, der laut Bibel in sechs Tagen und einem Ruhetag die ganze Welt schuf, den ersten Architekten nennen. Nicht umsonst zeigen frühe Darstellungen der Weltschöpfung oft Jesus Christus, stellvertretend für den Vater, der mit einem Zirkel den Erdball vermisst. Gott als Architekt vereint exemplarisch sowohl die Kraft der Idee, als auch die Fähigkeit der Ausführung in sich und markiert damit ein Ideal, das den Architekturdiskurs seit Jahrtausenden beschäftigt.

Seit Bauten dokumentiert werden können, stellt sich die Frage, was die Aufgaben des Architekten nun eigentlich sind. Das aus dem Altgriechischen stammende Wort Architekt, das – über das Lateinische vermittelt – auch heute in einigen Sprachen den Beruf bezeichnet, gibt nur unzureichende oder einseitige Auskunft über die Bedeutung des Begriffs, wie wir ihn verwenden. So lässt es sich als „Oberster Handwerker“ übersetzen – das empfänden so manche Architekten zu Recht sicherlich als unzureichende Beschreibung ihrer Tätigkeit.

Schon lange vor Christus und lange vor der griechischen Hochkultur mit ihrer Liebe zur Nomenklatur galten altägyptische Baumeister als Kulturheroen, die mit Namen überliefert sind, fast „Stararchitekten“, denen riesige Gräber gestiftet und die noch lange nach ihrem Tod verehrt wurden. Sogar Selbstzeugnisse dieser Baumeister sind vorhanden, in denen sie sich ihrer Taten rühmen. Baumeister, die sicherlich auch der Bezeichnung als Architekten in ihrer umfassenderen Bedeutung würdig waren.
 

Der Universalgelehrte

Es gibt keine lineare Entwicklung des Berufsstandes. Was zu den Aufgaben eines Architekten gezählt wurde, welche Vorgaben, um sich überhaupt so nennen zu dürfen erfüllt werden mussten, änderte sich im Laufe der Geschichte immer wieder. Das von Vitruv geschaffene Bild des Architekten als Universalgelehrten, fast Genie, das in der Renaissance so starke Wirkung ausübte, spielte im Mittelalter zum Beispiel keine Rolle. Die Rolle des Architekten in dieser Zeit war auf den Bauherren, den Bauverwalter und den Werkmeister, der die Baustelle überwachte, aber auch selbst mitarbeiten musste, aufgeteilt. Als mit der Renaissance das Interesse für die Antike wieder aufflammte und auch die alten Schriften Vitruvs wieder auftauchten, änderte sich das Bild vom Architekten. Es wurde versucht eine scharfe Grenze zwischen Handwerkern und Denkern, die sich selbst nicht mehr die Hände schmutzig machten, zu ziehen und den Architekten in die Nähe der Wohlhabenden zu rücken, seinen sozialen Rang aufzupolieren. Dass diese angestrebte Trennung nur in der Theorie bestand, zeigen überlieferte Bauverträge, die oft von ein und derselben Person sowohl als Handwerker als auch als Architekten sprechen. Die berühmten Architekten der großen Meisterwerke der Renaissance waren zwar schon weitaus mehr spezialisiert als es der antike Schriftsteller Vitruv – wahrscheinlich auch für seine Zeit schon utopisch – vom Architekten forderte, aber sie deckten eine heute unvorstellbare Bandbreite an Wissen und Können ab. So war Leon Battista Alberti nicht nur Architekt, sondern auch unter anderem noch Schriftsteller, Theoretiker und Mathematiker. Michelangelo wurde nicht zuletzt Il Divino genannt, weil er Bildhauerei, Malerei und Architektur nachhaltig beeinflusste.
 

Generalist, Spezialist und Tradition

Die Frage der Spezialisierung begleite den Architektenberuf seit seinem Anbeginn. Immer wieder wird das Begriffspaar Generalist und Spezialist nebeneinander gestellt, abgewogen, neu verhandelt. Einerseits war und ist der Beruf einem unglaublichen Wandel ausgesetzt, der zumindest seit der industriellen Revolution auf die immer schneller werdenden technischen Entwicklungen reagieren musste – ein weiterer Einschnitt ist hier sicherlich im heute unabdinglichen, computerbasierten Arbeiten zu sehen – andererseits liebt die Architektur ihre Traditionen, allen voran den Wettbewerb. Erstmals nachweisen lässt sich ein gänzlich offener Wettbewerb um 1300. Als man mit dem Bau des Doms von Florenz bereits begonnen hatte, war niemand in der Lage die Spannweite der Kuppelwölbung zu meistern. Aus einer Notlage heraus wurde ausgeschrieben und Filippo Brunelleschi gewann mit einem gänzlich neuen Verfahren. Es ist anzunehmen, dass Wettbewerbe sogar schon weit früher abgehalten wurden. Ab dem 18. Jahrhundert wurden sie Usus und existieren bis heute.
 

Und heute?

Ebenso bis heute hat sich die große Faszination für den Beruf gehalten. Zahlreiche junge Menschen sind wie eh und je vom Planen, vom Errichten, vom Schöpfen, von der kreativen und der technischen Komponente zugleich begeistert. Ein Gespräch mit Vertreterinnen der Fachschaft Architektur der Technischen Universität Wien bestätigt das. Vor wenigen Jahren war der bisherige Höhepunkt der Studienanfänger erreicht: Über 1000 Interessierte inskribierten allein im Wintersemester, was 2012 auch der Presse einen Artikel über den sogenannten Mosby-Effekt wert war. Die populäre amerikanische Sitcom „How I Met Your Mother“, in der Ted Mosby, ein junger Architekt die Hauptrolle spielte, soll dazu beigetragen haben, dass Architektur zu einem Modestudium wurde. Die Realität des Studiums sieht natürlich anders aus als in der Serie porträtiert: „Die Ausbildung ist sehr breit und generalistisch angelegt, Spezialisierung wird zwar erwartet, man muss sich aber schon selbst darum kümmern.“, sagen Vertreterinnen der Fachschaft Architektur auf der Technischen Universität Wien. „Die Arbeitsrealität sieht ganz anders aus als das Studium. Während beim Studium das Geschlechterverhältnis zum Beispiel ziemlich ausgeglichen ist, bist du auf der Baustelle dann aber die einzige Frau.“, fügt eine der Studentinnen noch hinzu. Auch gibt die Fachschaft zu bedenken, dass es schon während des Studiums sinnvoll ist, erste Erfahrungen in Büros, dem klassischsten der Einsatzbereiche des Architekten, zu sammeln. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass das oft eine finanzielle Belastung darstellen kann.

„Große internationale Büros zahlen oftmals schlechter als kleine lokale Büros, aber ihr Name ist im Lebenslauf doch viel wert, abgesehen von den tollen Erfahrungen die man dort machen kann. Da kann man sich anfangs nicht mehr als 300 Euro pro Monat für 60h erwarten. Wer lieber Dämmwerte und Betonverbrauch berechnen will, kriegt da schon mal um Einiges mehr.“, weiß auch Clemens Conditt, der ebenso auf der TU Wien studiert, zu berichten.

Christoph Monschein, Geschäftsführender Gesellschafter bei Hans Hollein & Partner, sagt auf die Frage, wie der Arbeitsmarkt für Architekten aussieht und welchen Einfluss Spezialisierung auf ihn hat Ähnliches: „Überprüft man die Stellenanzeigen der Kammer, stellt man fest, dass bei gleicher Praxiserfahrung ein BIM-Modeller mit wesentlich höheren Anfangsgagen als ein Architekt zu rechnen hat. Das ist traurig, aber wahr.“

Dabei ist die Ausbildung zum Architekten hierzulande kein Zuckerschlecken und auch nicht gerade die kürzeste. Bachelor und Master dauern zum Beispiel an der TU in Mindeststudienzeit, die keineswegs dem Durchschnitt entspricht, insgesamt fünf Jahre. Darauf müssen drei Jahre praktische Erfahrungen gesammelt werden, wovon ein Jahr verpflichtend in der Bauaufsicht besteht. Erst dann darf man die Ziviltechnikerprüfung ablegen, für die die meisten auch noch einen Kurs besuchen. Erst nach dem Bestehen der Prüfung und der Vereidigung darf man sich Architekt nennen.
 

Weniger Rechte, mehr Pflichten

„Die Techniken werden immer ausgereifter, die Haftungsbelange immer komplexer, die rechtlichen Rahmenbedingungen immer unübersichtlicher - und die Bauherren und Investoren zugleich immer gewiefter und trickreicher. Hinzu kommt, dass Bauordnungs-Novellen, neue Förderrichtlinien und diverse, überarbeitete Ö-Normen mitunter im gefühlten Tagesrhythmus hinausgeschossen werden. Welche Rolle spielt bei alledem der Architekt, die Architektin? Keine leichte. Und gewiss keine beneideswerte. In einer Ära der immer neueren Berufe in der Baubranche (Projektentwicklung, Projektabwicklung, Bauherrenvertretung, Kostenverfolgung, Mediation etc.) entwickelt sich der Architekturschaffende zu einem kontinuierlich kleiner werdenden Faktor im System mit immer mehr Pflichten und immer weniger Rechten. Oder, anders ausgedrückt: Der Architekt von heute ist Spezialist und Generalist zugleich. Anders ist dieser Job nicht mehr zu bewältigen. Vorprogrammierte Ausbeutung. À la longue wird diese in erster Linie wirtschaftlich und juristisch getriebene Entwicklung – so viel ist zu befürchten – zur Verflachung der Baukultur führen.”, so zeichnet Wojciech Czaja, der unter anderem für den Standard über Architektur und Immobilien schreibt, ein wenig schmeichelhaftes Bild der derzeitigen Situation.
 

Schwerpunkte

Die Konkurrenz am Arbeitsmarkt ist groß, sagen sowohl die Vertreterinnen der Fachschaft Architektur als auch Christoph Falkner von SWAP, einem mittelgroßen Büro in Wien, das seinen Schwerpunkt auf Wettbewerbsarbeit im Sozialeinrichtungsbereich gelegt hat. „Gerade bei Wettbewerben ist es für junge Architekten und Büros wichtig, mit Partnerbüros zusammenzuarbeiten, um oft überhaupt teilnehmen zu können und eigene Referenzen zu sammeln. Spezialisierung kann dann auch zufällig passieren. Der erste gewonnene Wettbewerb kann eine Richtung vorgeben, die man dann weiter verfolgt.“, so Falkner. Eine der Studentinnen der Fachschaft hat im Laufe ihres Studiums den 3D-Druck für sich entdeckt und möchte nun beruflich in Richtung Schmuckdesign gehen – nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Spezialisierung oft ganz weg vom ursprünglichen Berufsbild führen kann. „Insofern kann man vielleicht gar nicht sagen, dass zu viele Architekten ausgebildet werden, das Studium der Architektur bietet so viele Möglichkeiten der Vertiefung, da gibt es fast für jeden etwas.“, so die Vertreterinnen der Fachschaft.

Monscheiner beäugt die zunehmende Spezialisierung kritischer: „In unserem Büro versuchen wir gerade eben diese sich einschleichende Situation zu unterbinden. Wir verstehen den Beruf das Architekten als etwas Verbindendes, ein Cross-Over über alle Disziplinen.“

Ob die Spezialisierung im Architekturbereich eher als Möglichkeit oder als Problem wahrgenommen wird – ein Satz wurde bei mehreren unabhängig voneinander geführten Interviews immer wieder gesagt: „Man ist immer Architekt, 24/7.“ Dieser Gedanke lässt mit einem Augenzwinkern fast wieder an Vitruv denken und wird den Beruf des Architekten – ob Generalist oder Spezialist – wohl noch weitere Jahrhunderte begleiten.

  

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