Flug Zeug © Aris Venetikidis

Personalities

Andreas Roesler-Schmidt, Flug zeug, Wien

Interview Upcycling Nachhaltigkeit

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit. In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal befragen wir Andreas Roesler-Schmidt, Gründer von Flug zeug. Im E-Mail-Interview erzählt er von der Inspiration des Materials, der Freude an neuen Funktionalitäten, ruhigen Arbeitsflächen und kreativem Chaos.

2012 gegründet, kreiert das Wiener Unternehmen Flug zeug seither Mode- und Designprodukte mit Airline-Touch. Aus Materialien und Einzelteilen, die ihren Einsatz in Flugzeugen beendet haben, entstehen originelle Accessoires, die das Flair der Luftfahrt in den Modealltag bringen. Gürtel aus Sitzgurtmaterial mit echter Gurtschnalle, iPad-Hüllen aus Schwimmwesten, Taschen und Uhren präsentieren Altes ganz neu.


Woher kommt Ihr Faible für die Luftfahrtindustrie?
Ich bin schon als Kind viel geflogen und vom ersten Moment an hat mich die Luftfahrt fasziniert. Diese Welt der Fliegerei, mit ihren ganz eigenen, typischen Designelementen, aber auch die Emotion, eine Reise anzutreten bzw. in eine andere Welt aufzubrechen, haben mir einfach immer gefallen.


Ihr Kindheitstraum war es, Pilot zu werden. Wie kamen Sie stattdessen auf die Idee, Accessoires aus Flugzeugutensilien herzustellen?
Mit dem Kindheitstraum hat es nicht ganz geklappt, aber der Wunsch, etwas in/mit dieser Branche zu machen, blieb aufrecht. Nach meinen Beschäftigungen als Journalist und PR-Berater war es dann so weit, mir meinen großen Kindheitswunsch zu erfüllen. Inspiriert von Recherchearbeiten für meine Master Thesis auf Luftfahrtmessen, entstanden die ersten Ideen, Accessoires aus Flugzeugteilen zu kreieren.


Welche Herausforderungen gab es am Weg von der Idee zum Produkt?
Am Anfang musste ich noch Materiallieferanten vom Konzept überzeugen - die Luftfahrt ist manchmal konservativ und übervorsichtig. Inzwischen sind wir in der Branche recht bekannt und bekommen ausgemustertes Material aus aller Welt angeboten.
Außerdem mussten wir viel Erfahrung für die Produktion mit den Materialien sammeln, schließlich unterscheidet es sich doch deutlich von in Schneidereien gewohnten Stoffen.

Geht es bei Flug zeug mehr um die Liebe zu Flugzeugen oder um die Neubelebung gebrauchter Materialien?
Generell stand meine Liebe zur Luftfahrtindustrie und ihren typischen Designelementen an erster Stelle. Die Neubelebung auf dem Boden ist ein sehr positiver Aspekt, der sich als idealer Weg zur Umsetzung angeboten hat.


Ihre Accessoires sind Recycling-Produkte. Wie gehen Nachhaltigkeit und finanziell erfolgreiches  Business zusammen?
Ich sehe hier keinen Widerspruch, denn die Voraussetzung für ökologische Nachhaltigkeit ist, auch finanziell ‚nachhaltig‘ zu agieren. Nur wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sind, können wir auf Dauer unsere Materialien verarbeiten. Umgekehrt trägt Upcycling zur Differenzierung bei und damit die Nachhaltigkeit zum wirtschaftlichen Erfolg.
Natürlich stellen sich dabei Herausforderungen. Die Produktion mit den Recycling-Materialien ist wesentlich aufwendiger und teurer als mit Meterware. Für Nachhaltigkeit alleine würden Konsumenten jedoch kaum bezahlen. Wir setzen daher auf Produktqualität, denn Kunden sind bereit, für ein hochwertiges Produkt etwas auszugeben.


Wo werden Ihre Produkte produziert?
Wir produzieren den Großteil unserer Produkte in der EU, genauer in Wien und in Sofia. Die Prototypenentwicklung und Endfertigung findet immer in Wien in der Kreativwerkstätte „SchnittBogen“ statt.


Schätzen Ihre Kunden mehr den Nachhaltigkeitsgedanken Ihrer Produkte oder das ausgefallene Design?
Den meisten Kunden geht es in erster Linie ums Design und den Aha-Effekt der aus dem ursprünglichen Kontext genommenen Materialien. Und jede unserer Taschen beflügelt mit Geschichte, schließlich ist das Material schon zigtausend Meilen geflogen. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist dann für viele eher ein zusätzliches Plus.


Wie kann man sich Ihren typischen Arbeitsalltag vorstellen? Gibt es den überhaupt?
Natürlich gibt es den gewöhnlichen Büro-Tag mit Kalkulation und Angeboten, dazu kommen aber viele Events und Messebesuche, sowie natürlich Händlerbesuche. Wenn wir gerade an neuen Produkten arbeiten, bin ich mehr in der Werkstatt SchnittBogen als im eigenen Büro. Ich finde es ideal, wenn sich diese unterschiedlichen Phasen mit ihren verschiedenen Reizen etwas mischen, also zum Beispiel die haptisch-sinnliche Arbeit an Prototypen die kopflastige Büroarbeit abwechselt.
In letzter Zeit bin ich auch öfter am Flughafen Wien, wo wir ja seit Sommer einen eigenen Shop haben.


Was mögen Sie an Ihrer Arbeit am liebsten?
Ganz klar das Entwickeln neuer Produkte, Es ist ein unglaublich spannender Prozess von den ersten Ideen über das Ausloten der Möglichkeiten der Materialien bis zum Testen und Verfeinern der Prototypen. Dabei entsteht auch im Team eine unglaubliche Energie.


Worin finden Sie die Inspiration für Ihre Arbeit?
Manchmal natürlich auf Flugreisen. Das meiste entsteht aber beim Sichten von Material, das ausgemustert wird. Das ist eigentlich eine sehr taktile Angelegenheit, man überlegt mit dem Material in der Hand, was man daraus machen könnte.
Es macht viel Freude, zu versuchen, das Ausgangsmaterial nicht einfach irgendwie zu verwerten, sondern im Endprodukt sowohl vom Design her als auch funktional sinnvoll zu integrieren. Zum Beispiel die „Pull“-Schlaufen der Schwimmwesten, mit denen man bei unseren Hüllen dann das Handy/Tablet herauszieht, oder das rote Blasrohr als Stifthalter bei Taschen.


Arbeiten Sie lieber im Team oder alleine?
Ich arbeite bei der Produktentwicklung und Projekten gerne im Team, brauche aber auch den Rückzug, um konzentriert zu arbeiten oder ungestört zu reflektieren.


Was betrachten Sie als die größte Herausforderung bei Ihrer Arbeit?
Mein Anspruch ist es, nicht Upcycling-Produkte herzustellen, nur um Material wiederzuverwerten. Es muss - vom Recycling abgesehen - einfach ein gutes Produkt sein. Das bedeutet, dass wir nicht aus jeder Idee auch ein Produkt machen können. Die Entscheidung, bestimmte Materialien nicht zu verwenden, weil die Qualität oder das Design nicht der Marke entspricht, fällt schon manchmal schwer.
Die zweite Herausforderung liegt sicher in den höheren Kosten der Produktion mit Nicht-Meterware. Hier müssen wir uns während des Designprozesses immer wieder einschränken, um auf vernünftige Preise kommen zu können.


Wie kann man sich Ihren ganz persönlichen Arbeitsplatz vorstellen?
Sehr reduziert, ausschließlich in Weiß und aufgeräumt. Auf meinem großen Tisch gibt es nur den Bildschirm und eine Inbox, sonst bleibt er leer. Das ist für mich wie eine „ruhige“ Fläche, Raum zum Denken. Nur das, woran ich gerade unmittelbar arbeite, darf auf den Schreibtisch. Alles andere wird im Sideboard geordnet. Lediglich eine bequeme, alte Business Class Sitzbank durchbricht den Minimalismus. Dort sitze ich, wenn ich mal einen Perspektivenwechsel brauche.


Wie würde Ihr Traumarbeitsplatz aussehen?
Eigentlich genau so, vielleicht größer, aber ohne mehr reinzustellen. Wobei ich als Gegenstück zu meinem kargen Büro ja auch oft im warmen, kreativen Chaos der Werkstätte bin. Ich brauche wohl beides, aber nicht durchgehend.


Wo arbeiten Sie am liebsten bzw. wo würden Sie gerne arbeiten?
Ich arbeite sehr gerne in meinem Büro. Am Rückweg von beruflichen Reisen mache ich mir gerne im Flugzeug Notizen. Alle aufgestauten Eindrücke und Gedanken zu Papier zu bringen ist dann sehr entspannend.
Vielleicht wäre es ja in Zukunft einmal etwas, ein komplettes ausgemustertes Flugzeug zum Büro für Flug zeug umzufunktionieren.


Und gibt es einen Ort, an dem Sie niemals arbeiten könnten?
In dunklen, unordentlichen oder lauten Büros könnte ich nicht dauerhaft arbeiten. Ich brauche Ruhe – akustisch wie optisch.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Wahrscheinlich eine Kombination aus meinem Livescribe Smartpen und dem iPad. Damit kann ich zwar auf Papier kreativ arbeiten, habe aber dennoch alles digital abrufbar. Vor allem auch beim Pendeln zwischen Büro und Werkstatt.


Sie haben Ihre Master Thesis zum Thema Inflight Entertainment (interaktive Bordunterhaltungssysteme) verfasst. Wo haben Sie diese geschrieben?
In meinem damaligen Büro, da konnte ich gut darauf fokussieren und sehr schnell fertig werden. Ich hatte aber auch einen Notizblock am Nachttisch, in der intensiven Phase hatte ich nachts oft Ideen, die dann am nächsten Tag hilfreich waren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Autor

Brigitte Schedl-Richter

Texterin, freie Journalistin, www.argezeit.at

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