Architektur & Design

Farbspektakel in Mailand

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Zum 51. Mal versammelte sich die internationale Designszene im April in der lombardischen Hauptstadt, um das bedeutendste Designfestival weltweit zu begehen: den Salone Internazionale del Mobile. Inzwischen längst mehr als eine Messe, macht er die ganze Stadt zu einem riesigen Veranstaltungsgelände. 330.000 Besucher wurden laut Auskunft der Veranstalter gezählt. Und auch sonst treibt es die Stadt heuer noch bunter.
 

Color rocks…

Der Mut zur Farbe hat sich jetzt überall durchgesetzt. Cyanblau als fast schon klassische Akzentfarbe wird durch neue pastellige Nuancen erweitert. Das Senfgelb des vergangenen Jahres manifestiert sich deutlich und tritt in vielen Nuancen bis hin zu Neon-Gelb auf. Neu und omnipräsent sind pudrige Nude-Töne, Hautfarben. Auffallendste Kombinationen: Nude mit Gelb oder Grün. Das Apfelgrün vergangener Jahre weicht einem satten Grasgrün. Basisfarben neben Weiß sind erdige Schlammtöne und Rost. Schwarz setzt im Polstermöbelbereich eher kleine Akzente, längst vorbei die Zeiten der schwarzen Ledersofas. Leder zeigt sich ebenfalls in harmonischen Erdtönen über Nude bis hin zu Rost. Schwarz ist hingegen bei Tisch- und Stuhl-Gestellen State-of-the-Art. Ein Abgesang auf die Ära des Chroms? Neu und super-edel zeigen sich auch schwarze Armaturen im Badezimmer.

Traditionell der mutigste Protagonist hinsichtlich Farben, die Firma Moroso, hat heuer ihren Eingangsbereich in Knallrot getaucht – in der Ausstellung finden sich alle genannten Farbtrends – und alle auf einmal – wieder. Bunte Farben sind die Basis, neutrale Farben mischen sich akzentuierend dazu.


…auch bei Kvadrat.

´Hallingdal 65´, entworfen 1965 von Nanna Ditzel, war die erste Stoffkollektion der dänischen Textilfirma Kvadrat und hat in den letzten Jahrzehnten Kultstatus erlangt. Grund genug, der 58 Farben umfassenden Kollektion eine eigene Ausstellung zu widmen. Kuratiert von Patrizia Moroso and Giulio Ridolfo, situiert im Jil Sander Showroom, war sie eine der Highlights in Mailand. Sieben internationale Designer wurden eingeladen, ´Hallingdal 65´ in einen neuen Kontext zu setzen. Ergebnis war eine großartige Ausstellung, deren Exponate das Thema Stoffbearbeitung an seine Grenzen und darüber hinaus geführt haben.
 

Fließende Formen

Der Trend zu weichen, fließenden Übergängen bei Farben findet sich anhaltend auch bei Formen wieder. Fritz Hansen präsentierte mit ´Miniscule´ ein formelles Stuhl-und-Tisch-Duo für informelle Umgebungen, entworfen von der preisgekrönten dänischen Designerin Cecilie Manz. Die Sitzschale ist mit Stoff gepolstert und von Hand genäht, wobei ein feines Lederdetail die weichen Konturen noch unterstreicht. Gehalten wird die schön geschwungene Schale von einem Gestell, das aus Kunststoff geformt ist; auch die geraden Linien des Gestells vermitteln eine gewisse Weichheit.

Der ´Atelier Chair´ von EOOS für Walter Knoll huldigt der Sinnlichkeit des Minimalen. Leder und Stahl bilden Haut und Skelett – minimiert und zeitlos, elegant und nachhaltig. Die sichtbare Konstruktion gibt den Blick frei auf die Funktion. Geradlinigkeit und fließende Linien verschmelzen hier zu einer Symbiose.

Der ´Grand Repos´ von Antonio Citterio für Vitra vereint das Know-how der Büro-Sitztechnologie mit dem Komfort eines bequemen Lounge-Sessels. ´Grand Repos´ erfüllt jeden Wunsch nach Bequemlichkeit. Fließende Formen werden durch kunstvolle Nahtdetails betont.

Auch ´Wilmer´ von Stefan Borselius für Bla Station zeigt weiche Linien in Schale wie Gestell und bietet mit den intelligenten Anbautischchen viel Bequemlichkeit für Arbeitende.

Dass fließende Linien auch strenger Geometrie folgen können, zeigt Konstantin Grcic mit Palio, seinem neuesten Modell für die südtiroler Firma Plank.

Ein Nylongurt als Griff verleiht dem Stuhl eine moderne und fast schon sportliche Note.
Das besondere Merkmal des Möbelstücks stellt die Sitzschale aus Kernleder dar, die in einem Stahlrohrrahmen aufgehängt ist. Ganz trendy gibt es die Stuhlbeine in Aluminium schwarz matt eloxiert.
 

Secret Garden

Ein idyllischer Park im Herzen der Stadt. Zwei große Designer und zwei italienische Markenfirmen ließen hier ein Lichtermärchen und einen futuristischen Pavillon entstehen: Große blitzblaue Nester in erfrischendem Kontrast zum satten Grün des Parks hielten prunkvolle Kronleuchter aus Muranoglas von Paola Navone für die Firma Barovier&Toso versteckt. Gucklöcher lockten neugierige Besucher, die Meisterwerke zu bewundern.

Zaha Hadid gestaltete einen futuristischen Pavillon aus Stein für die italienische Marmorfirma Citco. Ein Puzzle aus unregelmäßig geformtem, vielschichtigem Marmorguss zeigt den spannungsgeladenen Dialog von Geometrie und Natur.
Der eher unbekannte botanische Garten in Brera war eines der Highlights abseits der klassischen Möbelausstellungen.
 

Villa Necchi

Im Rahmen der Mailänder Messe konnte man auch eine der interessantesten und besterhaltenen Privatvillen besichtigen. In der idyllischen Via Mozart liegt die Villa Necchi, Anfang der 1930er Jahre vom italienischen Architekten Piero Portaluppi im Auftrag einer reichen mailändischen Industriellenfamilie gebaut. Zwar schon im Stil des Neuen Bauens (Movimento Moderno) errichtet, spürt man doch den Kampf zwischen italienischer Opulenz und dem Streben nach neuen klaren Formen.
Im Garten befinden sich moderne Bauteile wie ein beheizter Swimmingpool und ein Tennisplatz in überaus großzügiger Umgebung, von der Stadt ist nichts zu spüren oder zu sehen – so gesehen auch ein weiterer "Secret Garden". Die Villa wurde im Jahre 2001 dem Fondo Ambiente Italiano, dem Italienischen Umweltschutzfonds F.A.I., übergeben und ist seit 2008 ein Teil des Museumswegs Case Museo di Milano.
 

42km und unzählige Impressionen in 3 Tagen

Mailand zur Möbelmesse kommt einem Marathon gleich – der Weg ist das Ziel –, wenn auch auf mehrere Tage verteilt. An jeder Ecke der Stadt und in der großen Messeanlage werden unüberschaubar viele Impressionen geboten. Ständig ist man auf der Jagd nur ja nichts zu verpassen – und damit auf einer Mission impossible. Doch was auch immer man versäumt, man nimmt unendlich viel mit.
Am auffälligsten war in diesem Jahr für mich, dass sich der Trend zu Farben, der sich schon seit einigen Jahren vollzieht, nun endgültig und unübersehbar durchgesetzt hat.
Selbst einige Autos machen die extravaganten Farbspiele mit – so gesehen ein Luxusschlitten in hellblau-rosé changierendem Lack, sophisticated und elegant – oder ein Citroen in Knallfarben, extrovertiert und dominant.

Sie haben wie immer die Wahl – und wie in der Mode scheint auch bei Möbeln zu gelten:
Alles geht!


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