Personalities

Gregor Eichinger, eichinger offices, Praterstraße 33/5

Architektur Lebensraum Interview

Eine besondere sinnliche Qualität und neue Interpretationen gewohnter Nutzungen machen Gregor Eichingers Entwürfe unverwechselbar. Immer schon galt sein besonderes Interesse der urbanen Szene und deren Orten wie Cafés, Restaurants und Bars, aber auch Geschäfte, Galerien, Büros.
Gregor Eichinger wurde 1956 in Wels, Oberösterreich, geboren, studierte Architektur an der TU Wien und arbeitete in Architekturbüros, Werbeagenturen und Filmproduktionen. 1985 gründete er gemeinsam mit Christian Knechtl das Büro EICHINGER ODER KNECHTL (bis 2005). Bekannt wurden die beiden mit dem Café Stein (1985) in Wien und dem Restaurant Wrenkh. Weitere Projekte (Auswahl): Shops für Helmut Lang in Tokyo, Kobe, Osaka, Paris; Weinhandlung Unger & Klein, Wien; Jüdisches Museum, Wien; Café/Restaurant/Bar Palmenhaus Burggarten, Wien; Österreichischer Beitrag zur Expo 2000 Hannover; Restaurant/Café Österreicher im MAK, Wien.
Seit dem Jahr 2005 betreibt Gregor Eichinger "eichinger offices, büro für benutzeroberfläche". Projektauswahl, alle Wien: Fürn Shop; Song . Shop; Atelier Erwin Wurm; Vorentwurf Shangri La Hotel; Galerie Mezzanin; Deep Space –Trinkglas für Lobmeyr; Trialto Light, Brücke am Schwedenplatz (Projekt); Villen und Wohnungen.
Lehrtätigkeit: Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich (2004 - 2010), Lehraufträge in Los Angeles und Wien, dzt. Universität für Angewandte Kunst.

Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u.a. Preis der Stadt Wien für Architektur 2007; gemeinsam mit Christian Knechtl Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten (für Restaurant Wrenkh); Auszeichnung AZW Wien für hervorragende Unternehmensarchitektur (für Agentur Haslinger,Keck).
Ausstellungsbeteiligungen und zahlreiche Public Lectures, z.B. 2010 im MAK, Wien: Wiener Kaffeehäuser – Die Entstehung der Arten. Daraus entwickelte sich das Projekt "Das Große Wiener Kaffeehaus-Experiment", das bis August 2011 im MAK Design Space läuft. Gregor Eichinger agiert dabei als "Forschungsregisseur", mit Design-Teams aus Berlin, New York und Mailand. Im Oktober soll das Projekt in einem realen Kaffeehaus manifest werden.


Herr Eichinger, an der Eingangstüre Ihres Büros steht in wunderschöner Typografie in reliefhaften Buchstaben: eichinger offices. Wieso die Mehrzahl?
Es können ja noch mehrere werden. Im Moment gibt es dieses eine hier, es ist sehr großzügig.


Das stimmt. Mögen Sie das an Ihrem Büro?
Ja, es ist hell UND großzügig.


Was mögen Sie nicht? 
Dass es noch nicht fertig ist (Anm.: eingerichtet. Eichinger steuert eine Raumnische mit Tisch, Küchenutensilien, Kaffeemaschine etc. an). Die Küche ist noch provisorisch. Grundsätzlich liebe ich die Skizze, die etliches offen lässt. Da kommt der Sauerstoff zum Leben und für Ideen her.


Das heißt, Ihr Büro ist für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität?
Ja! Es muss etwas Sinnliches haben. Eine Küche. Eine Ruhesituation. Man muss so darin leben können, dass man alles erleben kann. Dann ist das Büro der beste Platz der Welt.


Möchten Sie, dass Ihr Büro etwas über Sie aussagt?
Ja, unbedingt. Es soll den Umgang mit den Menschen widerspiegeln: die Aufmerksamkeit und Empathie. Ich mag die Menschen, das soll man spüren. Alle sollen ihren Spielraum haben.


Das Büro als Ort: Welche Bedeutung messen Sie ihm bei? Welche Funktion geben Sie ihm hauptsächlich?
Die des präzisen Arbeitens. Des Arbeitens im Team. Büro hat "Öffentlichkeit" und zugleich etwas "Gerichtetes", das ständig daran erinnert, welche Leistung man als nächste bringen sollte. Im Unterschied zum Kaffeehaus, das frei davon ist. Jedoch auch das Büro muss für mich eine inspirative Kraft haben. Und eine Research-Abteilung.


Befindet sich hier so etwas wie Ihr "Hauptarbeitsplatz"? Arbeiten Sie gerne kontinuierlich an ein und demselben Ort – oder wechseln Sie lieber die "Szenerie"?
Ja! Ich wechsle zwischen Büro, Atelier – das derzeit noch in meiner Wohnung ist – und dem Kaffeehaus. Ich habe mehrere Arbeitsplätze. Und mehrere Computer, weil ich ungern auf einem Computer alles mache: surfen, schreiben, Fotos bearbeiten. Der Computer ist ein wichtiges Recherche-Tool für mich. Ich sammle gerne Bilder aus dem Web, derzeit sind es an die 20.000, zur Inspiration. Das mache ich im Atelier, also zu Hause. Dort stehen zwei Computer, und im Büro habe ich einen – insgesamt sind es drei.


Noch einmal der Reihe nach: Büro - Atelier – Kaffeehaus. Welche Rolle spielt das Atelier?
Als kreativ arbeitender Mensch brauche ich einen Platz, wo all meine Ressourcen sind. Das klassische Atelier eines Künstlers ist jener Ort, an dem man sich mit all den Dingen umgibt, die einen inspirieren: Bücher, Skulpturen, Kunst, Ausgestopftes.


Ausgestopfte Tiere?
Ja, alles mögliche. Und: viele waagrechte Flächen. Ich wünsche mir ein Atelier mit großen Tischen, um Unterlagen auflegen und sehen zu können – um die Dinge nebeneinander liegen zu sehen.


Wie viele Tische dürfen wir uns vorstellen?
20 Tische, weil ich im Schnitt an 20 Projekten parallel arbeite.


Als "dritten" Arbeitsort nennen Sie das Kaffeehaus. Was machen Sie dort?
Das Kaffeehaus ist der Idealort in Ergänzung zum Büro! Weil die Atmosphäre dort zwischen Arbeiten und Loslassen changiert. Weil der Kaffeehaustisch auch als Arbeitstisch funktioniert, weil es höchst kommunikativ ist. Dinge können fließen, Ideen entstehen. Genau das ist im kreativen Prozess so wichtig.
Ich hatte sogar jahrelang mein Büro ausschließlich im Kaffeehaus: 1983 bis ´85 im Café Museum, vor der Gründung von Eichinger oder Knechtl, und dann in den Jahren 2002/03 im Café Imperial. Damals war alles im Umbruch bei mir.


Bei so viel Affinität zum Café wundert es nicht, dass Sie das Projekt "Das Große Wiener Kaffeehaus-Experiment" im Wiener MAK Design Space angestoßen haben. Worum geht es da?
Herauszufinden, was das Wiener Kaffeehaus ausmacht: die vielen eigentümlichen Qualitäten und präzisen Rituale, die inspirierende Atmosphäre – und was es braucht, um das Kaffeehaus zu erneuern. In Vergessenheit geraten ist zum Beispiel das Arbeiten im Café: Man hat dort Geschäfte gemacht, Korrespondenz erledigt, geschrieben, gelesen. Es gab immer dieses Wechselspiel von konzentriertem Arbeiten und Kommunizieren. Über die Jahrhunderte entwickelte das Café Elemente, die jetzt in Bürostrukturen einfließen. Zum Beispiel in den Open Space mit neuen Raum bildenden Elementen, mit einem räumlichen und inhaltlichen Angebot zum Kommunizieren und sich Informieren, was in der Welt draußen gerade passiert. Man wünscht sich informierte Mitarbeiter. Auch die Art und Weise, wie Erfrischungen zubereitet und serviert werden – das Café integrierte ja aristokratische Tischsitten – lässt sich auf Bürosituationen übertragen. Oder die Aufmerksamkeit für den Gast, den Kunden oder für die Mitarbeiter: Im Café kann man gut Gastgeber oder aber Gast sein. Das hat viel mit Wertschätzung zu tun. Was zwischen den Menschen passiert, hat die stärkste gestalterische Kraft.


Abgesehen von Büro - Atelier – Kaffeehaus: Gibt es andere Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
Konzerte, die einen ganz lauten Soundteppich haben. Da kann ich gut arbeiten: schreiben, skizzieren. Außerdem: in Kathedralen, in Bars, auf Wiesen.


Gibt es Orte, an denen Sie besonders gerne arbeiten würden?
Ja, die befinden sich jedoch nicht auf diesem Planeten. Ich habe so eine Vorstellung von Welten, die den Geschmack haben von Wüsten, des Waldrandes – in einer unvermittelten Kombination, die sehr intensiv und fast erotisch ist, sinnlich!


Gibt es Orte, an denen Sie arbeiten müssen, jedoch lieber meiden würden?
Nein. Ich arbeite nur an selbst bestimmten Orten.


Möchten Sie uns ein "Wow"-Erlebnis verraten, das Sie in / mit einem Büro hatten?
Wow war die Reaktion unseres Auftraggebers Edi Keck, seine Akzeptanz der Agenturräume für Haslinger, Keck nach Fertigstellung und Umsetzung unseres Entwurfs. Wir brachten beim Material etwas ganz Neues – unbehandeltes Birkenholz und Möbel aus Beton. Das war 1993.


Sind Sie lieber alleine in Ihrem Büro – oder gemeinsam mit anderen?
Unbedingt gemeinsam mit anderen. Im Atelier hingegen bin ich gerne allein.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
Menschen treffen.


Gibt es Rituale, die Ihnen wichtig sind im Büro-Leben?
Die Blumenlieferung am Montag. Das ist fast ein spiritueller Moment. Und überraschend, was da jeweils kommt.


Welches ist der für Sie wichtigste Gegenstand im Büro?
Eine Couch.


Welches der persönlichste Gegenstand?
Da gibt es so vieles...


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Meine Stifte. Füllfeder, Bleistift. Mein Ring, ein Werkzeug der Erinnerung.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?
Dass man dort schlafen kann.


Wie viele Stunden täglich verbringen Sie im Büro?
3 1/2 bis 9 1/2.


Vielen Dank für das Gespräch. Es fand nicht im Kaffeehaus, sondern in einem Gasthaus bei Grießnockerlsuppe, Knödel mit Ei und grünem Salat statt.
 

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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