Personalities

Jeanette Müller, Wien und Koh Chang, Thailand

Interview Vertrauen Kreativität

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal beantwortet Jeanette Müller, Konzeptkünstlerin und Politikwissenschafterin, unsere Fragen. Désirée Schellerer erzählt sie, warum das Vertrauen zu ihrem Thema wurde – und wie in einem Rucksack ein Atelier, ein Labor und zugleich ein Büro Platz haben können. Und wozu.

Jeanette Müller ist Konzeptkünstlerin und Politikwissenschafterin. Sie lebt in Wien und Asien und arbeitet an den Übergängen von Wissenschaft und Kunst – mit dem Fokus auf der Gestaltung von transkulturellen Kommunikationsräumen und globalem Lernen. An der Universität Wien absolvierte Jeanette Müller das Studium der Politikwissenschaft, Judaistik und Arabistik. Außerdem studierte sie an der Universität für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste in Wien. "Vertrauen und Kreativität. Die Bedeutung von Vertrauen für diversive AkteurInnen in Innovationsnetzwerken", so lautet der Titel der Dissertation und Publikation von Jeanette Müller. Im Jahr 2008 erhielt sie den Theodor-Körner-Preis für Wissenschaft und Kunst.


Frau Müller, ein Schwerpunkt in Ihrer Arbeit ist das Thema Vertrauen – sowohl für Ihre künstlerische Tätigkeit, als auch bei wissenschaftlichen Projekten. Sie haben dazu auch eine Dissertation geschrieben. Wie kam es dazu?
Als Teenager wurde mir klar: Wir können entweder vertrauensbasiert oder angstmotiviert denken, entscheiden, handeln und gestalten. Und es hat Konsequenzen für uns und unser Umfeld. Mein Entschluss stand fest: Ich wollte mich von Vertrauen in mich, in andere Menschen und die Welt leiten lassen.

Das Thema begleitete mich durch mein Studium und meine künstlerischen Arbeiten. In meiner Dissertation ging ich dann der Frage nach, welche Bedeutung Vertrauen für Kooperationen und soziale und technische Innovationen in einer Gesellschaft hat, die von Vielfalt geprägt ist. 


Sie beschäftigen sich mit ´Trust Rooms´ - was genau ist das? Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Räumen und Vertrauen?
Wir benennen ‚War Rooms’ und ‚Panic Rooms’ – was aber kann entstehen, wenn wir Räume explizit dem Vertrauen widmen?

Trust Rooms sind sensorische Räume, die ein vertrauensbasiertes Denken und Handeln unterstützen. Sie sind nicht allein von baulichen Elementen und Einrichtungsgegenständen geprägt, auch nicht nur von der Lichtgestaltung, den Gerüchen oder der Akustik – genau so wichtig ist die Kommunikationskultur, die sie be-herbergen.


Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?
Bei der Gestaltung von 'Wissens°räumen' – das sind temporäre Werkstätten für Neugierige des Science Center Netzwerks, die in leerstehenden Geschäftslokalen unterschiedlichsten Menschen die Möglichkeit bieten, sich spielerisch mit wissenschaftlichen Fragestellungen zu beschäftigen und zu experimentieren – habe ich beispielsweise potenzielle NutzerInnen, also NachbarInnen und PassantInnen, zum Einrichten und Besprayen der Wände eingeladen. Sie konnten den unfertigen Raum bereits ‚markieren’, sich quasi in ihn ‚einschreiben’. Ich verwendete ganz bewusst Möbel und Elemente, die rund sind. – Wir leben mit so vielen Rechtecken, fast alle Grundrisse, Fenster, Türen, Tische, Computer, Papiere etc. sind rechteckig. Da tun Kreisformen ganz gut. Es spricht und spielt und lernt sich an runden Tischen zB. auch anders als an eckigen Tafeln. Doch all das wäre nutzlos und noch lange kein ‚Trust Room’, wenn keine Wertschätzung und Gastfreundschaft, keine wohlwollende Haltung durch die Menschen lebendig würde.


Gibt es Räume, Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
In meinem ‚Jungle Lab’ auf Koh Chang, einer thailändische Insel neben Kambodscha, auf der ich vor einigen Jahren ein kleines Stückchen Land gepachtet und verschiedene Projekte entwickelt und initiiert habe. Beispielsweise ‚Science in a Backpack’ (in Zusammenarbeit mit dem Science Center Netzwerk): Dabei handelt es sich um wissenschaftliche Experimente und Spiele, die so einfach, leicht, günstig und interkulturell verständlich sind, dass sie in einen Rucksack passen und überall angewendet werden können.

Ein weiteres Jungle Lab-Projekt ist das soeben gestartete ‚The Banana Leaf Kitchen Nutrition Health Care Project’, wo es darum geht, die Ernährung mit köstlichem, gesundem und regionalem Essen gegenüber dem wachsendem Konsum von Junk Food zu bestärken und den Frauen vor Ort Kooperations- und Verdienstmöglichkeiten zu bieten.

Oft arbeite ich mit meinem Team an partizipativen Kunstprojekten im öffentlichen Raum. Zuletzt am Karlsplatz im Rahmen der ‚Content Art’, wo ich gemeinsam mit dem Künstler Paul Divjak das Projekt ‚What We Need’ umgesetzt habe.

Manchmal stellt das Arbeiten an öffentlichen Plätzen eine Herausforderung dar, denn angefangen von Witterungseinflüssen bis hin zu unterschiedlichsten Geräuschkulissen und Störfaktoren ist es nicht unbedingt ein ‚geschützter Raum’, aber ein Arbeitsplatz, der oft zum ‚Trust Room’ wird – einem Ort, an dem Begegnungen und Situationen, die man nie erwartet hätte, statt finden.


Gibt es Orte, an denen Sie besonders gerne arbeiten würden?
Bei Gelegenheit gerne wieder im Gefängnis. Meine Kollegin Mag.a Sara Hossein, die Streetartists Marcos Varela und Vincent Pelsöczi (mein Dreamteam) und ich haben bisher unter anderem in einer Justizvollzugsanstalt für Männer und in einer für Jugendliche ‚Science Graffiti’ Workshops gemacht. Das dort Sein und das gemeinsame Diskutieren, Gestalten und Sprayen war irritierend – und beeindruckend.


Haben Sie so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz" – und wenn ja, wo befindet er sich?
Ich habe keinen fixen Arbeitsplatz und auch keine bestimmten Arbeitszeiten. Meine Arbeit findet weder an gleichbleibenden Orten noch zu bestimmten Zeiten statt. Um beispielsweise in Ruhe Texte und Konzepte zu schreiben, bin ich gerne zu Hause, wo ich Essen und Trinken und alles Bequeme in Reichweite habe; zum Beantworten von Emails finde ich Cafés oder Hotel-Lobbys sehr angenehm. Die Hintergrundgeräusche zwingen mich dazu, einen gedanklichen Raum und Konzentration aufzubauen.

Ich finde es toll, wenn ich keine Spuren hinterlasse. Wenn ich wo arbeite, Dinge oder Ideen oder Texte schaffe, aber nichts darauf hinweist, nachdem ich meine Sachen wieder zusammengepackt habe.


Sind Sie lieber alleine in einem Büro oder gemeinsam mit anderen?
Lieber alleine. Ausnahmen bilden nur öffentliche Orte und das Jungle Lab – da spazieren zwar ständig Kinder aus der Nachbarschaft und verschiedenste Menschen und viele Hunde und Katzen und Kröten und Echsen herein, aber das stört mich dort nicht.


Ist Ihr Büro – oder auch: Ihr Arbeitsplatz zu Hause, Ihr Atelier, Ihr Labor – für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität? Falls ja, warum?
Unterschiedliche Orte regen mich an. Und die Ruhe in meinem Zuhause tut mir dann auch wieder gut. Wenn es schön langweilig ist, wenn die unterschiedlichen Eindrücke und der Austausch mit anderen Menschen sich setzen können, in einer Umgebung die mir sehr vertraut ist, dann entstehen oft Ideen und Visionen. Manchmal aber auch mitten im Getümmel, irgendwo, in einem Gespräch, in dem man gesehen und gehört wird, in dem man zuhört und sich freut.


Nachdem Sie an so vielen unterschiedlichen Orten arbeiten und auch leben, drängt sich die Frage nach etwas Konstantem auf: Gibt es Rituale, die für Sie wichtig sind?
In meinem Leben gibt es etliche Rituale – sie geben mir ein Gefühl von einem ‚daheim sein’, ganz egal wo ich gerade bin. Es sind einfache körperliche und mentale Übungen, die ich jeden Tag mache.


Der für Sie wichtigste Gegenstand an Ihrem Arbeitsplatz?
Mein Laptop und das Telefon.


Und der persönlichste?
Alles ist persönlich.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Motivation und Zuversicht.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
Gemeinsam mit anderen Menschen Ideen Wirklichkeit werden zu lassen.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?
Dass es mobil ist. Und möglichst wenig Materie braucht.


Vielen Dank für das Interview.


‚The Banana Leaf Kitchen Nutrition Health Care Project’ wird durch die Women's Cooperation International ermöglicht. Mehr Infos und Fotos zum Projekt finden Sie hier.
 

(c) Cover-Foto Tina Hochkogler

  

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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