Gebrüder Stitch

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Jeans – Design einer Ikone oder: Jedem die Seine

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Jeans gehören zum Arbeitsalltag wie der Bürostuhl. Beide müssen einfach passen und bequem sein. Ihr Design unterliegt gleichermaßen den Regeln der Ergonomie. Das Geheimnis gut sitzender Jeans liegt im Zusammenwirken von Schnitt, Stoff und Verarbeitung. Trends hauchen dem blauen Mythos immer wieder neues Leben ein.

Jeans sind in ihrer Herstellung eines der komplexesten Kleidungsstücke. Eine Vielzahl an Arbeitsschritten von der Ernte der Baumwollfaser bis zum fertigen Kleidungsstück ist erforderlich. Gut sitzende Jeans bedürfen darum hoher Expertise – speziell in der Schnitttechnik. Gute Passformen waren lange unerreichbares Ideal. Das zeigt sich darin, dass die traditionelle Jeans-Industrie beharrlich zögerte, feminine Passformen aufzulegen. Ein Hinweis auf die Dringlichkeit des Problems ist die 2010 von Levi Strauss durchgeführte Passformstudie, in der die Maße von 60.000 Damen ausgewertet wurden, um daraus drei prototypische Passformen zu entwickeln.
 

Mehr als Passform: Figurformung

Ein Meister der femininen Passformen ist der italienische Jeans-Designer Adriano Goldschmied, wie folgendes Zitat aus einem Internetforum belegt: »AG Jeans make my ass look amazing! ... i love the jeans from ag adriano goldshmied (sic!) they fit very well!« AG sind die Initialen von Adriano Goldschmied, die auch für das 2001 von ihm gegründete Jeanslabel stehen.


Goldschmied beschäftigt sich seit 1971 mit der Konstruktion von Damenjeans und wird als Erfinder der aktuellen Jeggings angesehen; das sind Jeans, die – dank Lycra – elastisch wie Leggings sind. Die Erfordernisse femininer Jeans - Softness und Figurformung – fanden in den Jeggings ihren einstweiligen Höhepunkt. Der mittlerweile 67-jährige Adriano Goldschmied wird aber auch als der Erfinder der ´Premiumjeans´ gehandelt. Goldschmied arbeitet im eigenen Jeanslabor in Vernon, Kalifornien, wo er u.a. elaborierte Stoffe und ´Treatments´ entwickelt. Treatments sind Effekte, die aus Waschen, Färben, Schmirgeln, Schäumen, Beschichten, Sprayen etc. entstehen. Die zum Teil handwerklichen Finishs sollen einen authentischen Used-Effekt hervorbringen – und sind einer der Gründe dafür, dass Jeans Ende der 1990-er Jahre die 200 Euro-Marke überschritten haben. Denn: Je hochwertiger die Baumwolle und je mehr von Hand gearbeitet wird, desto teurer werden die Jeans.
 

Einfluss der japanischen Jeanskultur

Goldschmied ist seit über 40 Jahren im Jeans-Business und hat die Jeans-Brands Diesel, Replay, AG Adriano Goldschmied and Gold Sign entwickelt. Das Material für seine Premiumjeans bezieht er von japanischen Denimproduzenten, die sich seit Ende der 1960-er Jahre in der Region von Okoyama etabliert haben. Wie er in einem Interview anmerkt, "... weil sie sich zwei Monate Zeit nehmen, um Gewebe, Färbung und Konstruktion eines Denims zu verstehen". Oft sind es kleine Familienbetriebe, die mit den amerikanischen Handwebstühlen aus den Anfangszeiten des Denims arbeiten. Auf den 60 bis 70 cm schmalen Webstühlen entsteht der Selvage-Denim - zu erkennen an der weißen Webkante mit dem roten Streifen, die zum Qualitätsmerkmal wurde. An diese Kante wird im Zuschnitt die Außenseite des Hosenbeins angelegt. Zum handwerklichen Charakter des Selvage-Denims kommen zwei weitere japanische Produktionseigenheiten:

- das Färben mit der natürlichen Indigopflanze, die im Vergleich zu chemischer Farbe einen tieferen und eigentümlich ozeanblauen Ton hervorbringt.
- eine Garnfärbetechnik, die nur den Mantel des Garnes färbt und nicht dessen Kern. Diese Besonderheit verleiht dem Denim im Verschleiß eine schönere Patina.
Das Einzigartige am japanischen Denim ist die handwerkliche Herstellung, die jedes fertige Kleidungsstück etwas anders aussehen lässt – und zum Unikat werden lässt.
 

Ewiggültige Originale

Japan ist nicht nur Lieferant für Premiumdenim, sondern auch Zentrum eines neuen Jeans-Purismus. Seit dem ersten Jeansboom in den 1960-er Jahren, der aus reparierten Second Hand-Jeans aus Amerika bestritten wurde, entwickelte sich in Japan eine rege Jeanskultur. Höchste Begehrlichkeit haben nach wie vor amerikanische Jeansmarken wie die neu aufgelegten Originale von Levi’s, Lee und Wrangler. Es gibt aber auch bereits viele japanische Labels, oft Ein-Personen-Unternehmen, die sich der Neuinterpretation von Jeans verschrieben haben. Besonders anschaulich ist das Konzept der neuinterpretierten Originale bei Anachronorm, einem 2004 in Okoyama gegründeten Label, das am Jeansstil der 1960-er Jahre inspiriert ist: Vier Männerprofile vermitteln den Spirit der Kollektion über ihren individuellen Lifestyle. Das kann als standardisierte ´Personalisierung´ verstanden werden.
 

Plädoyer für eine ökologische Produktion

Wesentlich im Jeans-Purismus ist der Verzicht auf Treatments. Stattdessen werden die Jeans aus rohem Denim von ihrem Besitzer etwa sechs Monate lang – ohne Waschen – getragen. In diesem Prozess entwickeln sich die gewünschten persönlichen Tragespuren. Der Verzicht auf Treatments kann – jenseits der Ästhetik – auch als ökologisches Statement gesehen werden. Weit spektakulärer ist es jedoch, wenn sich der 66-jährige François Girbaud, neben Goldschmied die zweite zentrale Figur im europäischen Jeans-Geschehen, für die ökologische Jeans-Produktion einsetzt: denn der Franzose gilt als der Erfinder des Stonewash-Verfahrens. Jetzt fordert er den Verzicht auf Wasser und Chemikalien. Um dennoch Used-Effekte herstellen zu können, hat er ein Laser-Verfahren entwickelt, das den Wasserverbrauch um 97,5 Prozent reduziert. Girbaud ist Gründer des Jeanslabels ´Closed´. Im Unterschied zu Goldschmied steht seine Arbeit im Modekontext: Er betreibt gemeinsam mit seiner Frau Marithé das Modelabel ´Marithé & François Girbaud´.
 

Vereinbarkeit von Fashion und Heritage

Von saisonal wechselnden Trends ist die Philosophie der Jeans-Puristen weit entfernt. Und selbst die sich saisonal erneuernde Jeans-Industrie ordnet sich nicht freimütig der Mode zu. Ein Fakt, der sich aus den Restriktionen des komplexen Herstellungsprozesses erklärt. In männerdominierten Bekleidungsbereichen, wie z.B. auch dem Sport, ist allerdings bekannt, dass die Erschließung der femininen Zielgruppe unweigerlich mit einem höheren Modegrad verbunden ist. Darum haben sich traditionelle Jeansmarken wie Lee für eine ´Sowohl-als-auch-Strategie´ entschieden: Einerseits wird mit der Neuauflage von Originalen das Authentik-Segment abgedeckt, und andererseits in einer Designerkollaboration mit Vivienne Westwood das Modesegment.
 

Jeans-Fashion: Anything goes

Für modische Denim-Interpretationen gibt es einen relativ großen kreativen Spielraum. Die Limits werden von der jeweiligen Trendsituation gesetzt. Aktuell sind wirklich alle Schnittformen möglich: gerade oder ausgestellt Beinform, Bundfalte, ... ja sogar die einst uncoole Bügelfalte. In den Looks werden die 1970-er und 1980-er Jahre zitiert. In Lee Anglomania by Westwood sind Jeans beispielsweise mit Gold bemalt, gebatikt, geflickt, zerrissen, zerschnitten - und nicht immer nur blau, sondern auch rot und gelb. Mit punk-typischen Elementen wie Bondage und Zipps zitiert die Queen des Punk auch ihre eigene Historie bzw. Identität.
 

Personalisierung des Schnittes

Bei dem 2010 in Wien gegründeten Jeanslabel Gebrüder Stitch distanziert man sich von der Bezeichnung Designer. Idee ist es, dem vielleicht meist getragenen Kleidungsstück die Individualisierung bzw. Personalisierung zukommen zu lassen, die ihm zusteht – und zwar mit Maßanfertigung. Gleichzeitig gibt es den Anspruch der lokalen und möglichst nachhaltigen Produktion. "Was leichthin als Design bezeichnet wird, ist", wie Moriz Piffl, einer der Gebrüder Stitch, erklärt, "ein kundenorientierter Prozess, der zur kommunikativen Herausforderung werden kann, weil nicht jeder das gleiche Abstraktionsvermögen mitbringt."
Den Gebrüdern Stitch war von Anfang an klar, dass sie nicht allein am Markt sind. Gleichzeitig war ihnen klar, dass sie auch in ihrer vergeblichen Suche nach den richtigen Jeans nicht allein sein konnten. Auslösendes Moment war letztendlich die Faszination einer Ikone der Konsumindustrie. In Platons Schönheitstheorie gesprochen, also die Liebe, die im Anblick des Schönen entbrennt...

 

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