Personalities

Laurids Ortner, Architekt und Designer

Architektur Bürotrends

Das erotische Knistern der Professionalität macht das Büroleben spannend und attraktiv. Ähnlich wie gute Kleidung sollte Büro-Einrichtung die Persönlichkeit unterstützen und besser zur Geltung bringen. Ein Gespräch mit Laurids Ortner. 

Bereits vor zehn Jahren haben Sie den Begriff vom "heißen Ort" Büro geprägt. Was war damals damit gemeint und woher kommt Ihr starkes Interesse an der Bürowelt?
Mein Interesse kommt ganz einfach daher, dass das Büro für einen Großteil der Menschen die Einrichtung ist, in der wir den wesentlichen Teil unserer Zeit verbringen. Daraus resultiert auch die Forderung nach einem "heißen" Ort: Denn der Ort, an dem man so intensiv lebt, der muss möglichst attraktiv sein, der muss alle Möglichkeiten der Motivation bieten, der muss darüber hinaus auch mehr an Emotion, an Möglichkeiten im weitesten Sinn bieten. Auch diese Möglichkeiten, dass sich dort etwas anbahnt für mein privates Leben.


Ist das bei Ihnen schon einmal vorgekommen?
Nö, aber das kommt wahrscheinlich daher, dass Architekten nicht so heiße Büros haben. Es ist ein generelles Leiden der Architekten, dass sie zwar für alle anderen möglichst schöne Häuser und Wohnungen planen und bauen, für sich selbst aber relativ nachlässig mit diesem Thema umgehen - was grundsätzlich nicht unsympathisch ist, aber doch ein gewisses Defizit darstellt gegenüber dem, was sie sonst an Produkten liefern.


Hängt das mit Zeit- oder Geldmangel zusammen, oder eher damit, dass man das eigene Ambiente nicht so prägnant gestalten möchte?
Ich glaube, es kommt von allem ein bisschen zusammen. Sicherlich gibt es unbewusst auch eine gewisse Zurückhaltung, sich selbst zu leimen mit den eigenen formalen Lösungen. Das heißt aber nicht, dass man nur an fremden Leuten ausprobiert, was man sich eigentlich alles trauen könnte, sondern dass man im Umgang mit den eigenen Erzeugnissen sehr vorsichtig sein muss. Permanent vor der Nase zu haben, was ich sowieso ununterbrochen mit mir herumschleppe - das auch noch zu visualisieren -, das wäre ein Psycho-Hammer. Da dürfte ein besonderer Mechanismus zurückwirken, sodass - auch bei vielen Kollegen - das Einrichten der eigenen Räume sehr im Anonymen bleibt, sich an alltäglich-kaufbaren Produkten orientiert und auf alles verzichtet, was prägnant wäre oder spezifisch die Person herausstellt.


Dazu kommt aber im Architekturbüro eine spezielle Atelier-Atmosphäre, die ja an sich interessant wirkt.
Die Atelier-Atmosphäre ist natürlich schon der erste Ansatz des heißen Orts. Diese Art von professioneller Unordnung, diese Art von überall irgend etwas entdecken zu können, hat natürlich auch eine gewisse Erotik in sich. Ich glaube schon, dass gute Büros immer etwas von dieser Atelier-Atmosphäre beinhalten.


Genau diese "professionelle Unordnung" ist jedoch in vielen "normalen" Büros gar nicht erwünscht, oft gibt es sogar ziemlich rigide Anweisungen und "Büro-Ordnungen".
Stimmt, und in vielen Fällen existieren solche Anweisungen völlig zu Recht. Wenn etwa häusliche Attribute in das Büro eingeschleust werden, dann wird es problematisch. Denn das Büro sollte ja eine komplementäre Welt zu jener zu Hause sein, die ja ganz andere Funktionen zu übernehmen hat. Im Büro muss ich versuchen, eine Form von Gegenwelt aufzubauen, um Professionalität zu erzeugen - eine gewisse Spannung in der eigenen Person, zwischen Personen, die hier tätig sind, aber auch in der Art der Einrichtung.


Heute ist viel von der Auflösung des traditionellen Büros die Rede. Wie sehen Sie diese Entwicklungen, welche Tendenzen erscheinen Ihnen im Moment am interessantesten?
Es gab ja schon in den 60er Jahren, mit der Idee des papierlosen Büros, ähnliche Tendenzen. Im Grunde hat sich immer wieder herausgestellt, dass die Kommunikationsmittel, die wir zur Verfügung haben, zwar die Distanz überbrücken, dass sie aber den physischen Ort Büro nicht überflüssig machen. Mit der Erleichterung der Kommunikation verhält es sich nämlich fast umgekehrt proportional: Umso wichtiger wird es, einen physischen Ort zu benennen, an dem sich das Ganze kristallisieren kann. Es ist zwar möglich, dass ich im Flugzeug, im Auto oder in der Bahn arbeite, tatsächlich muss aber irgendwo so ein "Bienenkorb" stehen.

Denn die wichtigen Funktionen, etwa der Besprechung, der Konferenz, der Meetings, also die Face-to-Face Kommunikation, sind natürlich nicht durch technische Geräte zu ersetzen. Und für diese Art der persönlichen Kommunikation braucht es auch entsprechende Räume, die attraktiv ausgestattet sind. Dadurch gibt es auch ganz neue Möglichkeiten, wie sich Unternehmen deutlicher profilieren und eine visuelle Identität entwickeln können.


Könnten Sie etwas ausführlicher beschreiben, was Attraktivität im Büro für Sie ausmacht?
Unter Attraktivität würde ich eine gewisse Form von Spannungszustand als oberstes Thema ansetzen. Eine Form von Knistern, resultierend aus der Interessantheit der Arbeit und den Auseinandersetzungen, die tagtäglich passieren. Diese Form von "atmosphärischer Spannung" ist ein wichtiges Charakteristikum. Auf der anderen Seite gibt es auch die Möglichkeit, ein Büro um eine Spur "reicher", opulenter zu machen, als man es selbst im privaten Bereich tun würde. So wie jemand, der heute einem Job nachgeht, sich in ziemlich guter Kleidung präsentiert, so sind diese Räume um eine Spur hochwertiger gestaltet. Aus dieser Spannung einerseits und aus der Höherwertigkeit der Gestaltung andererseits entsteht eine gewisse Form von Attraktivität, die das Ganze faszinierend macht.


Herr Ortner, Sie haben eine Professur in Düsseldorf und Büros in mehreren Städten. Sehen Sie sich als einer dieser "modernen Nomaden", die zwischen Arbeitsorten pendeln?
Mir ist der Ausdruck "Nomade" immer noch ein bisschen fremd. Wie viele andere meiner Profession bin ich so gut wie ständig unterwegs. Trotzdem wäre der Begriff des "Reisenden" eher ein Adäquat für diese Art der Tätigkeit. Reisen ist im Unterschied zum Nomadentum nichts Existenzielles, sondern etwas selbst Gewähltes, das mit einer gewissen Distanziertheit praktiziert werden kann. Die Distanziertheit der Betrachtung oder der Reflexion ist ein wesentlicher Bestandteil. Zugleich ist das beruflich bedingte Reisen so selbstverständlich und zu einer Gewohnheit geworden wie Essen, Trinken, Schlafen und Gehen. Ob man in der Früh in das Flugzeug nach Düsseldorf steigt oder in der Straßenbahn vom Außenbezirk in die Stadt fährt, ist im Grunde nur am Vehikel messbar. Man kann aus dieser Stunde nicht viel machen, manche Leute lesen ganze Romane ...


... wie verbringen Sie diese Zeit?
Es ist für mich eine Form des Relaxens, des Klarwerdens, eine Mischung aus wachem und schlafenden Zustand, dösend, nachdenkend.


Gibt es eine persönliche Büro-Phantasie, die Sie sofort realisieren würden, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Ich habe nach wie vor die Vorstellung, dass es eines Tages ein Büro gibt, das den Status einer "glamourösen Agentur" hat. Wunderschöne Frauen, die herum schwirren, tolle Ideen haben. Alle sind gut gelaunt, amüsiert, verdienen viel Geld, und dem Ambiente sieht man an, dass es allen gut geht, dass auch hier Knistern und Spannung existieren. In den 70er Jahren gab es Werbeagenturen, die das hatten. Wenn man herein gekommen ist, saß da eine sehr gut proportionierte Frau mit rotem Angora-Pulli, und dir ist momentan das Herz in die Hose gerutscht. Man war am Eingang schon "geplättet" und hatte irgendwie vergessen, warum man eigentlich gekommen war.


Auffallend ist, dass in Ihren Szenarios die Menschen und die Atmosphäre im Vordergrund stehen und das Mobiliar - Sie selbst sind ja auch Designer - nachgereiht ist.
So muss auch die tatsächliche Wertigkeit sein. Die Ausstattung kann immer nur im besten Sinn des Wortes "Hülle", Hintergrund und Bühne sein. "Akteure", "Stars" sind natürlich die Menschen, die dort arbeiten und die Gäste, die kommen. Das ist keine Abwertung der Möbel, ganz im Gegenteil. Es ist wahnsinnig schwer, Möbel zu erzeugen, die einerseits mit einem gewissen Selbstverständnis Qualität zeigen, andererseits fein und zurückgenommen sein sollen, so dass die Leute, die die Möbel benutzen, nochmal eine Potenz besser zur Geltung kommen. Das gilt hier genauso wie für die Kleidung: Es geht um eine erweiterte Form der Persönlichkeitsunterstützung. Da ist ein guter Job zu tun als Büromöbel-Hersteller, und die Aufgabe hat sich eigentlich nie geändert. In der heutigen Mode wird uns viel deutlicher vor Augen geführt, was diese Branche zu können hat und was diese Art von Gestaltung wirklich leisten kann. Sie muss an den richtigen Stellen unterhaken, zupacken und vielleicht das Rückgrat, die Haltung stärken und unterstützen. Danke für das Gespräch.



Biografie LAURIDS ORTNER
1941 geboren in Linz, 1959-65 Architekturstudium an der TU Wien, Dipl. Ing.
1967 Mitbegründer der Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co in Wien.
1970-87 Atelier Haus-Rucker-Co in Düsseldorf mit Günter Zamp Kelp und Manfred Ortner.
1967-87 Professor an der Hochschule für künstlerische Gestaltung in Linz.
Seit 1987 Professor für Baukunst an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.
1987 Gründung des Architekturbüros Ortner Architekten in Düsseldorf, gemeinsam mit Bruder Manfred Ortner.
Seit 1990 ORTNER & ORTNER Baukunst Ges.m.b.H. in Wien und Linz, seit 1994 Ortner & Ortner in Berlin.
Laurids Ortner arbeitet seit 1980 als Designer und Architekt für Bene Büromöbel.

Von den zahlreichen Bauten und Projekten sei hier nur das Wiener Museumsquartier erwähnt.
Vor kurzem wurde das Büro Ortner & Ortner in einem Ranking der 50 internationalen Top-Architekten gleich zweimal gelistet: Unter den deutschen Kollegen liegen die Ortners weit vorne an vierter Stelle, international kamen sie auf Platz 16. 

  

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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