Personalities

Mercedes Bunz, Dalston Lane, London

Digitalisierung Arbeitswelten Automatisierung

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal befragen wir Mercedes Bunz, die sich mit Formen und Tendenzen der Digitalisierung beschäftigt. Im Gespräch mit Angelika Molk erzählt sie über die Bedeutung von Algorithmen, ständige Erreichbarkeit und eine rote Roboterlampe.

Mercedes Bunz lebt und arbeitet sowohl in London als auch an der Leuphana-Universität Lüneburg, wo sie das Hybrid Publishing Lab leitet. Sie promovierte zur Geschichte des Internets, war Chefredakteurin beim Tagesspiegel Online sowie Technologiereporterin des Guardian und gilt als Vordenkerin der Digitalisierung. In ihrer neuesten Publikation "Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen" (edition unseld) untersucht sie den Einfluss der Digitalisierung auf Gesellschaft und Arbeitswelt und plädiert dafür, den technologischen Fortschritt vor allem als Chance zu begreifen.


Die Digitalisierung erlaubt es uns, zu arbeiten wo und wann wir wollen. Nutzen Sie diese Möglichkeiten, oder gibt es für Sie dennoch so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz" – und wenn ja, wo befindet er sich?
Ich habe zwei Arbeitsorte, weil ich zwischen London und der Leuphana-Universität Lüneburg pendle. Als eigentlichen Arbeitsort würde ich aber mein Mac Book Air bezeichnen. Überall, wo das ist, kann ich auch arbeiten. An der Universität sind achtzehn Leute in meinem Team, wir haben die Tische zu einem riesigen Konferenztisch zusammengeschoben, und so arbeiten wir. Ich finde es gut, wenn die Mitarbeiter nah beieinander sind, vor allem für Projektarbeit.


Das Büro hat also als "realer" Ort auch in Zeiten der Digitalisierung noch eine Bedeutung?
Ja, als Treffpunkt, als sozialer Raum ist es sehr wichtig. Heutzutage ist der Arbeitsplatz eher zu einem Ort geworden, an dem man sich trifft, und nicht nur ein Zimmer, in dem man hinter einem Rechner sitzt. Außerdem hilft das Büro, Arbeit und Privatleben räumlich zu trennen. Du gehst aus dem Büro und lässt die Arbeit hinter dir zurück.


In Ihrem Buch "Die stille Revolution" vergleichen Sie die Auswirkungen der Digitalisierung mit jenen der Industrialisierung. Durch die Industrialisierung gerieten die Arbeitsplätze des Proletariats in Gefahr. Werden im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung die Köpfe der Angestellten und Wissensarbeiter rollen?
Rollen werden die Köpfe nicht, aber sie verändern sich, und tatsächlich verändert sich die Kopfarbeit. Die Algorithmen übernehmen unsere Arbeit nicht, sondern ersetzen sie teilweise. Das ist auch ganz gut, denn die Arbeit, die die Algorithmen machen, will man nicht selber machen. Heute können wir viel mehr wissen als früher, und dieses Wissen ist überhaupt nur mehr mit Hilfe von Automatisierung zu bewältigen. Früher hat die Tageszeitung gemeldet, wie viel Grad es in Berlin hat. Heute kann man das viel genauer nachsehen, für jede Stunde, jede Stadt. Die Informationen werden immer akkurater, und wenn wir dieses akkurate Wissen wollen, dann brauchen wir Algorithmen.

Während sich die einen das Arbeiten ohne die neuen Technologien gar nicht mehr vorstellen können, klagen die anderen über zunehmende Belastung und Überforderung durch den ständigen Informationsfluss. Ständige Erreichbarkeit – für Sie Fluch oder Segen?
Man muss eben mit dieser ständigen Erreichbarkeit umgehen können, das ist das Problem. Die Erreichbarkeit ist etwas menschlich Gemachtes, und nicht etwas, was die Technik uns aufoktroyiert. Der Fluch ist nicht das Gerät, sondern vielmehr der Arbeitgeber oder der Boss, der von einem ständige Erreichbarkeit verlangt. Was wir lernen müssen ist, dass jedes elektronische Gerät mit einem Ausschaltknopf kommt. Die Entscheidung liegt bei uns. Heute haben sich Bereiche kommunikativ miteinander verknüpft, die vorher lokal getrennt waren, und wir müssen lernen, damit umzugehen. Außerdem kann man das auch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten: jeder Elternteil, der sich einmal gesorgt hat, wo seine Kinder sind, und sie dann kurz anrufen kann, der wird ein anderes Lied von dieser Erreichbarkeit singen.


Trotzdem machen Automatisierung und Technologisierung vielen Menschen Angst. Glauben Sie, dass diese Angst berechtigt ist?
Ich denke, dass die Angst, dass die Algorithmen uns verdrängen, nicht richtig ist. Algorithmen folgen immer nur Regeln. Diese Regeln muss jemand aufstellen, und das sind immer noch wir Menschen. Ein Land wie die USA, das die diese Furcht nicht hat, Länder, die eher Gestaltungswillen und Forscherdrang zeigen, diese Länder werden meiner Meinung nach in Zukunft Erfolg haben.


Wo arbeiten Sie selbst besonders gerne?
Am liebsten in den ganz klassischen, großen Bibliotheken, weil die einem die Arbeit der Konzentration abnehmen. Ich kann an kein Telefon gehen und darf auch mit meinem Nachbarn nicht reden, d.h. ich kann mich nicht ablenken, nichts anderes machen. Eine Bibliothek ist eine riesengroße Konzentrationsmaschine.


Und wo arbeiten Sie nicht so gerne?
Bei Musik. Weil da wollen die Gedanken immer mitwippen.


Wie würde Ihr Traumbüro aussehen?
Dadurch, dass ich so viel reise, habe ich gar nicht mehr so einen Bürotraum. Ich glaube, der dematerialisiert sich. Ich möchte aber eher nicht, dass mein Büro ein Themenpark ist. Ich bin ganz zufrieden, wenn das Büro ein Büro bleiben darf, und will gar nicht, dass es mir vermittelt "Hallo, ich bin deine Freizeit". Also Tischfußball spielen und so brauchts gar nicht. Es ist auch gruselig, wenn die Wirtschaft immer sagt, ich bin viel schöner als der Rest deines Lebens. Ich mag die Arbeit als Teil meines Lebens, aber sie ist nicht alles, und sie soll auch nicht alles sein. Wirklich wichtig ist eine gute Kaffeemaschine, das ist etwas Entscheidendes für die Qualität eines guten Büros.


Wie sieht Ihr Arbeitsplatz aus? Gibt es viele persönliche, private Gegenstände oder ist Ihr Büro rein funktional?
Mein Büro ist schon persönlich. Da steht eine kleine Roboterlampe, auf die ich ganz stolz bin, ein Bild, das ein Kunstfotograf von meiner Mutter gemacht hat, die ein eineiiger Zwilling ist, und dann ist da noch eine Dose vom Weimarer Bauhaus und mein Lieblingsbuch von Foucault. Es hat nette Farben, das ist schließlich ein Raum, in dem man viele Stunden verbringt, und natürlich soll es ein Ort sein, an dem man gerne ist.


Ist das Büro für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität?
Eher nein. Kreativität entsteht in der Auseinandersetzung mit den Dingen, das Büro ist dann ein Ort der Umsetzung.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Wie gesagt, mein MacBook. Und der Kopf.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?
Die Arbeit verändert sich, und dafür braucht es auch andere Räume. Ich finde sehr gut, dass mittlerweile verstanden wurde, dass Arbeit nicht immer nur stille Arbeit am Computer ist. Ein Büro sollte darüber nachdenken, welche Kommunikationssituation es zwischen Menschen und Technik, aber auch zwischen Menschen gibt. Flurfunk ist ja beispielsweise nicht zu unterschätzen.
 

Vielen Dank für das Gespräch!
 

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

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