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New Working Environments: Der persönliche Raum

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Die Wände sind gefallen, die Kommunikationsbarrieren niedergerissen. Die einen jubeln über besseres Teamwork, kürzere Wege und atmosphärische Offenheit, die anderen stöhnen über Lärmbelastung, Verlust an Privatsphäre und mangelnde Konzentration. Fest steht: Open Office Konzepte haben ihre Stärken oder Schwächen. Intelligente Bürolayouts versuchen erstere zu wahren und letztere zu kompensieren. Doch wie auch immer sie aussehen ­– ob sie im Live-Betrieb funktionieren, entscheidet die ausreichende Berücksichtigung des persönlichen Raumes.

Uneingeschränkte Exponiertheit ist unmöglich, so ehrlich muss man schon sein. Manchmal – und gar nicht einmal so selten ­– ist es notwendig, Grenzen zu ziehen. Diese können entweder physischer Natur sein, verbal kommuniziert oder über das nonverbale Verhalten deutlich gemacht werden. Faktum ist, dass eine verschlossene Türe so gut wie immer als Grenze akzeptiert wird, ganz im Gegensatz zum beharrlichen Starren auf den Bildschirm am Arbeitsplatz im offenen Büroraum – man scheint ja trotzdem verfügbar zu sein. Das Territorium ist gefährdet, der Personal Space ebenso.


 

Störe meine Kreise nicht

In der Psychologie spricht man vom "persönlichen Raum" als einer unsichtbaren Zone, einer Art hypothetischer Seifenblase, die sich auf das Distanzverhalten zwischen Interagierenden bezieht. Ein Eindringen in diese "Intimsphäre" ist meist unerwünscht und kann als sehr unangenehm empfunden werden. Im Alltag halten wir die "notwendige" Distanz in der Regel ganz automatisch ein, sofern die Situation es zulässt. Das klassische Verhalten dazu lässt sich etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln großartig beobachten: Zuerst werden alle freien Sitzreihen einzeln besetzt, erst wenn es nicht mehr anders möglich ist, setzt man sich direkt neben einen anderen Fahrgast.
Natürlich beeinflusst eine Reihe von Faktoren die Größe des persönlichen Raumes, so zum Beispiel die Beziehungsqualität der interagierenden Personen. Klar: Fremde, Geschäftspartner, Freunde, Liebende agieren innerhalb unterschiedlicher Distanzzonen, die den Unbeteiligten ganz eindeutig Aufschluss darüber geben können, wie die Personen zueinander stehen. Aber auch individuelle Persönlichkeitsmerkmale, situative und kulturelle Aspekte legen den Abstand fest. So halten Nordamerikaner oder Nordeuropäer bekanntermaßen größere Distanzen ein als Südamerikaner und Südeuropäer. Was von dem einen als aufdringlich empfunden wird, ist für den anderen normal – oder umgekehrt kann "normales" Verhalten als Zurückweisung empfunden werden.
 

Den persönlichen Raum erkunden

Die Größe des persönlichen Raumes ist aber auch von der Umgebung abhängig, in der die Interaktion stattfindet. Ist der Raum besonders groß oder aber besonders klein, so werden unterschiedliche Distanzen zugelassen. Interessanterweise gibt es den gleichen Effekt auch in nur "scheinbar" großen Räumen, wie etwa in Hochhäusern mit freier Sicht. Dort benötigt man weniger persönlichen Raum. Ebenso in langgezogenen Räumen im Unterschied zu quadratischen. In der Mitte eines Raumes ist der Bedarf an persönlichem Raum nachgewiesenermaßen größer als in den Ecken. Hat man nach oben hin Platz – zum Beispiel aufgrund einer großen Raumhöhe oder unter freiem Himmel –, so reduziert sich der persönliche Raum, den man benötigt. Bei niedrigen Räumen wird mehr Abstand verlangt. Befindet man sich in einem unbekannten Raum, benötigt man ebenso mehr atmosphärischen Freiraum.

Für Raumplaner sind solche Fakten nicht gerade unwesentlich. Entsprechend ist für Tischmaße, Abstände und Layouts der Personal Space ein wichtiger Einflussfaktor. Dies fällt im Normalfall gar nicht auf, doch wenn Arbeitsplätze und Zonen zu eng kalkuliert sind, fühlt man sich sofort unwohl – was nicht gerade förderlich auf Motivation und Produktivität wirkt.
 

Vorsicht: No-Go!

Selbiges kann natürlich auch geschehen, wenn zwar die räumlichen Voraussetzungen passen, aber Kollegen oder Vorgesetzte sich nicht an ein paar absolut notwendige Rules of Conduct halten, die besonders im Open Office zu beachten sind. Ein Durchqueren eines offensichtlichen persönlichen Raumes, nur weil der Weg eine Spur kürzer ist, ist so ein klassisches No-Go, ebenso wie der launige Urlaubserlebnisaustausch in der unmittelbaren Nähe eines "fremden" Arbeitsplatzes. Auch nicht beliebt macht man sich damit, Kollegen "Kiebitz-artig" über "die Schulter zu schauen", vielleicht sogar noch unaufgefordert gute "Tipps" beizusteuern oder sich "von hinten anzuschleichen".

Interessant ist auch, wie die betroffenen Personen mit einem derartigen Eindringen in ihren persönlichen Raum umgehen. Bei Experimenten, die bereits in den 1970er-Jahren durchgeführt wurden, testete man die Hilfsbereitschaft nach einer Verletzung des persönlichen Raumes. In einem Versuch wurden vom Versuchsleiter unmittelbar nach dem Eindringen in den persönlichen Raum der Versuchsperson Gegenstände "versehentlich" fallen gelassen. Das Ergebnis: Die Gegenstände wurden nicht aufgehoben, da die Betroffenen die Bedrängung als grundlose Bedrohung empfanden und daher dem Versuchsleiter gegenüber negativ eingestellt waren. In einem weiteren Versuch drang der Versuchsleiter ebenfalls in den persönlichen Raum ein, allerdings mit der Bitte, einen Fragebogen auszufüllen. Diesmal waren mehr Personen bereit zu helfen, da die Verletzung als dringende Bitte interpretiert wurde, der Grund der Bedrängnis als akzeptabel eingestuft und die Aufmerksamkeit direkt auf die Hilfeleistung gelenkt wurde. Die durch Nähe suggerierte Dringlichkeit kann somit sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrufen...
 

Nicht unterschätzen: Gerüche & Geräusche

Eine Verletzung des persönlichen Raumes muss nicht immer durch physisches Eindringen entstehen, auch Gerüche – vom intensiven Parfumerlebnis bis zur mittäglichen Leberkäsesemmel – oder laute Artikulation können sich genauso unangenehm auswirken. Für letzteren Fall empfehlen Arbeitspsychologen eine zunächst paradox klingende Lösung: mehr "Lärm" zu erzeugen. Damit ist aber nicht gemeint, ebenso laut zu sprechen oder das Radio auf volle Lautstärke zu drehen, sondern für einen Grundgeräuschpegel zu sorgen, aus dem einzelne Stimmen nicht mehr so hervorstechen.

Mit eben diesem Ziel wurde ein so genanntes Pink-Noise-System installiert, beispielsweise vom Softwareunternehmen Autodesk, als man in ein Open Office übersiedelte. Über Lautsprecher wurde ein sanftes Rauschen in der Frequenz der menschlichen Stimme verströmt. Das System lief drei Monate, ohne dass sich die Mitarbeiter dessen bewusst waren, und wurde dann ausgeschaltet. Die Folge: Zahlreiche Mitarbeiter beschwerten sich. Sie wussten zwar nicht, was sich geändert hatte, nur dass etwas nicht mehr stimmte. Sie wurden nun durch Gespräche abgelenkt, die in fast 20 Metern Entfernung geführt wurden. Bei laufender Anlage fügten sich Gespräche bereits in einer Entfernung von nur rund fünf Metern in die allgemeine Geräuschkulisse ein und wurden damit als deutlich weniger störend empfunden.
 

Keine Chance auf Privatsphäre?

So wichtig Kommunikation auch ist – die permanente physische Verfügbarkeit kann Probleme schaffen. Generell beklagen sich mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter über zu geringe Privatsphäre in offenen Büros. Das haben Forscher der University of California in einer Studie festgestellt, für die sie in den letzten zehn Jahren über 65.000 Personen in Nordamerika, Europa, Afrika und Australien befragten. Abgesehen davon muss auch im Open Office eine professionelle Lösung für die Tatsache gefunden werden, dass bestimmte Aufgabenstellungen, Gespräche oder Telefonate Diskretion und Rückzugsmöglichkeiten verlangen.

Die gute Nachricht: Das Problem ist erkannt. Gut, könnte man sagen, aber das war vor zehn Jahren schon so. Stimmt, aber die zur Verfügung stehenden Lösungen sind heute vielfältiger und zweifellos individueller anwendbar. Rückzugsbereiche, Recreation-Areas, ThinkTanks, Phone Boothes – die moderne Büroplanung hat viel dazu gelernt, und avancierte Büroeinrichter bieten mittlerweile ein reiches Repertoire an formellen und informellen Separationsmöglichkeiten an. Was bedeutet: Die räumlichen Bedingungen wären in den Griff zu bekommen. Unsicher machen (nur noch) die Space Invaders!


In größeren Abschnitten verwendete Quelle: Dipl.-Päd. Mag. Helmut Rockenschaub: Persönlicher Raum. Ein Beitrag zur ökologischen Psychologie

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